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Hervé Falciani:Fünf DVDs für die Ermittler

Offenbar hat Georgina Mikhael das Projekt so verstanden. Sie schreibt im Juni 2007 eine Mail an einen saudischen Geschäftsmann und bietet ihm Kundendaten an, tausend Dollar pro Stück. Der Polizei wird sie später sagen, es habe sich um eine Art Markttest gehandelt, die Summe habe sie mit Falciani nicht besprochen. Er behauptet, er habe davon nichts gewusst.

Schweizer Ermittler verhaften Falciani und seine Geliebte im Dezember 2008 und vernehmen sie in Genf. Am Abend darf er die Wache der Kantonspolizei nur unter der Auflage verlassen, sich am nächsten Tag wieder einzufinden. Die Beamten haben Mitleid mit ihm, weil er sich angeblich um sein behindertes Kind kümmern muss.

Statt sich auf dem Polizeirevier einzufinden, flieht Falciani am Morgen mit seiner Familie und ohne die Geliebte in einem Mietwagen nach Nizza. Dort lädt er von einem Server, der im Ausland steht, die gestohlenen Daten herunter. Er übergibt französischen Ermittlern fünf DVDs.

Die Moralfrage? Für die Ermittler nicht relevant

In der Schweizer Anklage gegen ihn ist einer der zentralen Punkte, er habe mit dem Datendiebstahl "abkassieren" wollen. Das sind die beiden Bilder, die sich die Welt von Falciani macht: der Abkassierer und der Held. Möglicherweise ging Falciani tatsächlich als der eine los und kam als ein anderer an? Keiner weiß das so genau, vielleicht nicht einmal er selbst.

Für die HSBC ist diese Frage am Ende schmerzlich egal. Gleiches gilt für die enttarnten Steuerbetrüger und Geldwäscher. Den Ermittlern wiederum ist die Moralfrage ohnehin gleichgültig. Geheime Bankdaten sind nicht weniger wertvoll, nicht weniger wahr und nicht weniger beweiskräftig, wenn dem Mann, der sie beschafft hat, Charakterschwächen nachgewiesen werden.

Sollte Hervé Falciani vorgehabt haben, mit den Daten vor allem Geld zu verdienen, wofür einiges spricht, dann wäre es die Ironie dieser Geschichte, dass er damit erst gescheitert ist, um dann genau dafür gefeiert zu werden.

Er lebt jetzt das Leben eines Whistleblowers. Man nimmt an, dass Hervé Falciani auch eine Wohnung in Paris hat, bekannt ist, dass er an wechselnden Orten in Frankreich wohnt und dass stets Bodyguards in seiner Nähe sind. Warum? Die Antwort steht in den Daten des Swiss-Leaks: Dort stößt man auf Namen und Details von Personen, die im wahren Leben ihre Interessen mit Schlägertrupps und Schlimmerem durchsetzen. Das weiß auch Falciani.

© SZ.de/bbr

Die Süddeutsche Zeitung berichtet von der Montagsausgabe an in einer Serie über Swiss-Leaks. Die Seite Drei porträtiert den Informanten Falciani als "Robin not so good". Eine Doppelseite analysiert das Ausmaß des Datenlecks sowie die Rolle der HSBC und lässt den französischen Staatsanwalt zu Wort kommen, der über den entscheidenden Moment in den Ermittlungen spricht.

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Mitarbeit

Thierry Backes, Bastian Brinkmann, Robert Gast, Titus Plattner, Oliver Zihlmann

Interview: Gérard Davet und Fabrice Lhomme

Zeichnungen: Yinfinity

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