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Paketversender Hermes:Im Online-Boom

Hermes eröffnet neues Verteilzentrum

Hermes Logistik-Center am Flughafen Leipzig. Der Paketdienstleister ist offen für Kooperationen.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Der Logistiker transportiert inzwischen eine Milliarde Pakete. Dennoch verlagert die Konzernmutter Otto ein Retourenzentrum nach Osteuropa.

Von Michael Kläsgen und Benedikt Müller-Arnold, Düsseldorf/München

Die Boutique darf Kunden nur noch mit Termin einlassen, bei hoher Inzidenz darf sie nur Vorbestelltes liefern. Und auch in offenen Läden geht Einkauf nur mit Maskenpflicht, auf Abstand. Was dem Infektionsschutz dient, bringt viele Läden ums Geschäft. Ganz anders bei der Otto Group: Der Handelskonzern profitiert nicht nur, da seine Kunden nun mehr im Internet bestellen. Mit Hermes besitzt das Familienunternehmen seit 1972 zudem einen eigenen Paketdienst.

In der Corona-Krise gehen von dieser Sparte ganz verschiedene Signale aus: Einerseits bringt Hermes nun mehr Geld ein. Andererseits muss Otto kräftig in Paketzentren und Laster investieren, um den hohen Mengen standzuhalten. Bei Retouren will der Konzern sparen, indem er deren Abwicklung ins Ausland verlagert. Doch wie passt all das zusammen mit dem hehren Versprechen, die Paketlogistik endlich klimafreundlicher zu machen?

"Der Umsatz der Hermes-Gruppe ist 2020 im Vergleich zum Vorjahr währungsbereinigt um 33,9 Prozent gewachsen", sagt Kay Schiebur, der im Otto-Vorstand für Logistik verantwortlich ist. In allen Teilbereichen sei es aufwärts gegangen: bei der Lieferung von Möbeln und Elektrogeräten, den Lagern und dem Paketdienst in Europa. "Wir haben erstmals eine Milliarde Pakete transportiert", so Schiebur, "das ist eine ungeheure Größenordnung." Zum Vergleich: Der Marktführer Deutsche Post DHL beförderte 2020 gut zwei Milliarden Pakete in Europa, die Zahl der DHL-Sendungen stieg in Deutschland um 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Beide Unternehmen hatten vor Ausbruch der Pandemie den richtigen Riecher. So hatte Hermes 2019 etwa 300 Millionen Euro investiert, allen voran in hiesige Paketzentren. "Die neue Infrastruktur ist jetzt schon voll ausgelastet", sagt Schiebur, "viel früher als geplant." In den nächsten drei Jahren wolle die Firma nun einen weiteren dreistelligen Millionenbetrag in das Paketnetz stecken. "Darüber hinaus planen wir, einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag in neue Logistiklager zu investieren", so Schiebur. Die Post zieht mit: Der DHL-Konzern hatte vorige Woche seine Investitionspläne für dieses und die kommenden Jahre nach oben korrigiert.

Retouren werden nur noch in Tschechien und Polen bearbeitet. Das schadet der Umwelt

Das Wachstum schafft zwar neue Arbeitsplätze. Allerdings steht die Branche für ihre Arbeitsbedingungen bei vielen Subunternehmern in der Kritik. Hermes habe die Zahl der Beschäftigten 2020 im prozentual zweistelligen Bereich erhöht - "insbesondere der Fahrer", sagt Manager Schiebur. "Gleichzeitig sind wir wesentlich profitabler geworden."

Das hindert Otto jedoch nicht daran, Einschnitte in der Bearbeitung von Retouren zu verkünden. So will der Konzern ein Logistikzentrum am Stammsitz Hamburg, in dem mehr als 800 Beschäftigte Rücksendungen abwickeln, im August schließen und ins Ausland verlagern. Das sei "schmerzhaft", gesteht Schiebur, sagt aber: "Wir haben sorgsam abgewogen." Langfristig hätten derlei Aktivitäten im Hochlohnland Deutschland keine Chance. "Wettbewerber von uns verarbeiten ihre Retouren schon seit Jahren in Zentral- und Osteuropa", sagt der Logistik-Vorstand. Auch Otto wickle mittlerweile zwei Drittel aller Rücksendungen in Tschechien und Polen ab.

Der Konzern wolle versuchen, betroffenen Beschäftigten andere Aufgaben im Konzern anzubieten. "Wir gehen davon aus, dass die Mehrheit der gut 800 Beschäftigten unsere Transfergesellschaft nutzen wird", sagt Schiebur. "Aber realistischerweise können wir betriebsbedingte Kündigungen nicht ausschließen." Dies wirkt umso härter, als die Gruppe ihr soziales Image in vergangenen Jahren zelebrierte. Gewerkschafter sehen das mit Sorge.

Der Plan schadet auch der Klimabilanz. "Die Verlagerung der Retouren-Bearbeitung wird die CO₂-Bilanz unserer Sendungen im Schnitt um drei Prozent erhöhen", gesteht Schiebur. Viel mehr Emissionen entstünden auf den ersten Kilometern, wenn Retouren von den Paket-Shops zurück in die Logistikzentren gelangen.

Es sollen wieder mehr Pakete auf die Schiene, doch das ist schwierig

Um klimafreundlicher zu werden, setzen Paketdienste zwar mehr und mehr E-Transporter ein. Hermes will bis Ende dieses Jahres etwa 450 batteriebetriebene Paketwagen in Betrieb nehmen, vor allem in hiesigen Städten. Die Post hat mittlerweile gut 15 000 E-Transporter der noch existierenden Tochter Streetscooter im Einsatz, Tendenz steigend. Schwieriger ist es freilich, Pakete klimafreundlich Hunderte Kilometer übers Land zu transportieren. Hier sind batteriebetriebene Lkw absehbar keine Alternative.

Die Post plant daher, wieder mehr Pakete über die Schiene zu transportieren - zunächst vor allem über das Wochenende. Doch sowohl bei DHL als auch bei Hermes beträgt der Güterzug-Anteil bislang nur etwa zwei Prozent. Die Post will die Quote mittelfristig auf sechs Prozent erhöhen, langfristig auf 20 Prozent. "Auch wir würden gerne mehr Menge über die Schiene transportieren", sagt Otto-Vorstand Schiebur. Dies sei ein wirksamer Weg, CO₂ einzusparen. "Allerdings sind die Abfahrtszeiten von Güterzügen bislang wenig flexibel", klagt er. "Und auch die Laufzeiten können mit Lkw nicht mithalten." Man sei zwar seit Jahren mit der Deutschen Bahn im Kontakt, habe bislang aber keine zufriedenstellende Lösung gefunden.

Kay Schiebur: Der Hermes-Chef erwartet zweistellige Wachstumsraten in den kommenden Jahren.

(Foto: oh)

Bleibt noch die Frage, ob die Sonderkonjunktur der Paketdienste nicht rasch abflauen dürfte, sobald Läden wieder ohne Auflagen öffnen dürfen. Die Logistik-Unternehmen sehen das nicht so, sondern stellen sich auf weiteres Wachstum ein. "Zwar etwas langsamer als in der Pandemie", wie Post-Chef Frank Appel kürzlich prognostizierte. "Aber ausgehend vom heutigen hohen Niveau." DHL verweist beispielsweise auf ostasiatische Staaten, in denen der Online-Boom weiterging, obwohl die Infektionszahlen abflauten.

Otto-Vorstand Schiebur erwartet zwar ebenfalls, dass das Wachstum leicht abflachen dürfte. "Wir gehen aber nach wie vor von zweistelligen Wachstumsraten in den nächsten Jahren aus." Der Manager argumentiert etwa, dass das Shoppen mit Termin den Menschen kein tolles Erlebnis biete. Er hofft, dass Hermes dies nützt: "Das Wachstum wird sich nach meiner Einschätzung im aktuellen Geschäftsjahr fortsetzen", prognostiziert er, während der Anteil der Retouren weiter zurückgehe.

Otto hat Kooperationspartner gefunden

Der Versandhändler Otto hat den "Hermes Paket-Schnell-Dienst" 1972 gegründet, um unabhängiger von der damaligen Bundespost zu werden. Im Lauf der Jahre erwuchs daraus eine internationale Logistikfirma, die Lager betreibt und Pakete zustellt. Mittlerweile hat Otto die Tochter "für mögliche Kooperationen und strategische Partnerschaften" geöffnet, wie es das Unternehmen formuliert. So stieg der US-Investor Advent voriges Jahr mit 25 Prozent bei Hermes Deutschland ein. In Großbritannien hat Advent mit 75 Prozent gar die Mehrheit an der Hermes-Landesgesellschaft übernommen. Und wo Otto kein eigenes, bedeutendes Handelsgeschäft betreibt, trennt sich der Konzern gar komplett vom Logistikgeschäft. So hat die polnische InPost im März die Hermes-Tochter Mondial Relay in Frankreich übernommen.

Im Vergleich zu diesen Staaten empfindet Otto den hiesigen Markt als besonders umkämpft. "Wir erlösen pro Paket deutlich weniger als in ebenso großen Märkten wie Großbritannien oder Frankreich", klagt Otto-Vorstand Kay Schiebur. Hermes führt das auf den Marktführer Deutsche Post zurück, der vor allem in ländlichen Gebieten Briefe und Pakete von ein und demselben Boten austragen lassen kann. Die Wettbewerber wittern hier eine Quersubventionierung, die Post weist das zurück. Die Bundesnetzagentur ist bereits dabei, Kostenunterlagen des DHL-Konzerns zu prüfen. Die Aufsichtsbehörde will diesen Herbst entscheiden, ob und wie stark die Post das Briefporto im kommenden Jahr erhöhen darf. Die Paket-Konkurrenten beobachten dies mit Argusaugen.

© SZ/kö
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