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Grüne Woche:"Ich glaube, Peter ist raus"

Grüne Woche 2020

Gruppenbild der Produktköniginnen mit Ministerin Klöckner im Vorjahr: 2021 trifft man sich nur virtuell.

(Foto: Annette Riedl/dpa)

Die größte Agrarschau der Welt zieht vorübergehend ins Internet um. Es zeigt sich: Die Technik ist für die Messe so tückisch wie für die Bauern das Wetter.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Die Geschichte von Halle 26 sagt schon alles über die Grüne Woche. Wie keine andere Messe ist die Berliner Agrarschau eine Messe zum Anfassen, zum Fühlen, Schmecken, Riechen. Das Fleckvieh in Halle 25. Ein Blumenmeer in Halle 9. Die Olivenöl-Verkostung in Halle 7. Köstlichkeiten aus Bundesländern, aus Nachbarländern, aus aller Welt. Für all das steht die Grüne Woche in Berlin, damit lockt sie jedes Jahr Hunderttausende Besucher.

Und jetzt? Ist in Halle 26 die Berliner Notklinik für Corona-Patienten eingezogen, als Vorsorge. Im vorigen Jahr war hier die Reithalle.

Stattdessen ist die Grüne Woche, wie so vieles, nur noch digital, und eine Woche dauert sie auch nicht mehr, sondern zwei Tage, vollgestopft mit gestreamtem Programm. Und wie so vieles geht auch hier erst mal einiges schief. Die Eröffnungs-Pressekonferenz etwa, live gestreamt aus Halle 7, bricht mittendrin ab, und statt des Messechefs erscheint für ein paar Minuten ein hessischer Bauer, der über Landwirtschaft am Vogelsberg berichtet. Wenig später hat ein sicher sehr kluger, aber allgemein unbekannter russischer Professor einen Auftritt in einer Diskussionsrunde, direkt zugeschaltet aus einem holzvertäfelten Zimmer. Dummerweise wird sein Russisch nicht übersetzt. Und gleich anschließend meldet sich der Bio-Verband BÖLW für eine Konferenz, doch das Bild von Geschäftsführer Peter Röhrig gefriert erst einmal. "Ich glaube, Peter ist raus", meldet sich eine Stimme aus dem Hintergrund. Kurz darauf läuft alles wieder.

Es sind die alltäglichen Geschichten aus dem Wahnsinn der Videokonferenzen, jetzt ereilen sie auch die Macher der Grünen Woche. "Es besteht eine gewisse Müdigkeit, die Welt auf 15 Zoll zu reduzieren", gesteht Martin Ecknig, seit Kurzem neuer Chef der Berliner Messe. "Wir möchten die Türen so schnell wie möglich wieder aufmachen." Auch der Bauernpräsident beklagt, Lebensmittel müsse "man riechen können, anfassen können". Aber so, sagt Joachim Rukwied, sei das nun einmal in Zeiten einer Pandemie.

Streit um nachhaltige Landwirtschaft ohne Publikum

Auf sechs Kanälen sendet die Grüne Woche, und das ist dann tatsächlich so wie in einer großen Messehalle: in jeder Ecke irgendeine Präsentation. Auf dem einen Kanal preist eine irische Handelsagentur den "cremigen, vollmundigen Geschmack" irischer Milch, auf dem anderen nimmt die Ernährungswirtschaft vor laufender Kamera den Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung auf. Die Mineralbrunnen nehmen die Grüne Woche zum Anlass, sich zur Klimaneutralität bis 2030 zu bekennen. Nur die Leute fehlen, überall. "Publikum gehört zu einer Messe", sagt Ecknig.

Was aber bleibt von einer Messe für Landwirtschaft und Ernährung ohne Landwirte und Nahrungsmittel? In diesen Tagen ist das die Politik, und zu bereden gibt es genug. Im Hintergrund läuft die Debatte über Europas künftige Agrarpolitik - denn die soll stärker national geprägt sein als bisher. Wie viel die Landwirte künftig etwa für Umweltleistungen erhalten sollen, und was genau diese Leistungen für Ökosysteme eigentlich sind, diese Debatte geht gerade erst los - in einem Wahljahr. Just am Mittwoch wird ein Brief bekannt, in dem Umweltverbände eine stärkere Umschichtung von Mitteln verlangen, hin zu Klima- und Artenschutz. Erbitterter Streit zieht herauf. Parallel tagt seit dem Herbst eine Kommission von Experten und Verbänden, um das Bild einer künftigen, nachhaltigeren Landwirtschaft in Deutschland zu entwerfen; bis Juni soll sie Ergebnisse vorlegen. Und über allem schweben die erbitterten Proteste von Landwirten, die sich um den gerechten Lohn ihrer Arbeit geprellt fühlen - durch vier große Handelsketten, die 85 Prozent des Marktes unter sich aufteilen. Eine Lösung des Konflikts ist nicht in Sicht. Doch diskutiert wird all das nicht auf abendlichen Messe-Empfängen, sondern in den Kacheln der Streaming-Dienste.

Passend insofern, dass die Landräte von sieben "Modellregionen" am Mittwoch Förderbescheide erhielten - für die Digitalisierung des ländlichen Raumes. Schließlich habe die Pandemie dem Digitalen einen kräftigen Schub verliehen, sagt Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). Würden die digitalen Verbindungen im ländlichen Raum besser, mache das manchen vermeintlichen Nachteil gegenüber den Städten wett - "und damit das Leben auf dem Land noch attraktiver". So kann man es auch sehen.

© SZ/tö
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