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Griechenland vor dem Referendum:"Wir wollen leben"

NO supporters demonstrate in Athens

Tausende kommen auf dem Syntagma-Platz in Athen zusammen, um Regierungschef Tsipras zu unterstützen.

(Foto: dpa)

"Ochi", das rufen in Athen die Abgehängten wie die Erfolgreichen: Auf dem Syntagma-Platz kommen Tausende Griechen zusammen, um mit ihrem "Nein" gegen die Sparpolitik aus Brüssel zu demonstrieren.

Es regnet Kriegserklärungen auf dem Syntagma-Platz. Ein Demonstrant wirft im Vorbeigehen einen Stapel Handzettel in den blauen Abendhimmel. Wie Blätter fallen sie zu Boden. Darauf kann man lesen: "Krieg dem Krieg der EU." Weiter hinten greift gerade ein Liedermacher zur Gitarre. Es bleibt friedlich. Kein Krieg. Wohl aber eine Machtdemonstration mit starken Worten und Musik.

Seit Montag ist Wahlkampf in Griechenland. Der linke Regierungschef Alexis Tsipras hat für Sonntag ein Referendum angekündigt. Technisch gesehen, geht es darum, ob die Griechen das letzte Angebot der Gläubiger im Schuldenstreit annehmen sollen oder nicht. Annehmen könnte bedeuten, fürs Erste wieder flüssig zu sein. Die Banken könnten wohl wieder aufmachen. Annehmen hieße aber vermutlich auch weiter sparen, härter sparen zu müssen.

Tsipras hatte seinen Anhängern, die ihn im Januar an die Macht führten, versprochen, die Sparpolitik in seinem Land zu beenden. Er will diesen Deal nicht. Und das wollen auch die Leute nicht, die sich am Montagabend auf dem Syntagma vor dem Parlament versammeln: "Ochi", rufen sie. Nein. Zu Tausenden sind sie an diesem Abend gekommen, viel mehr als in den Wochen zuvor. Der ganze Platz ist voll. Es ist ein sehr lautes, ein nicht mehr zu überhörendes Nein, das sie hier formulieren.

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Nicht nur die Erfolglosen demonstrieren hier

"Wir wollen leben", rufen drei Rentnerinnen. Sie haben Griechenland-Fahnen in der Hand und tanzen im Kreis, als wäre das hier ein großes Freudenfest. Dass ein Nein auch den Anfang vom Ende in der Europäischen Union bedeuten könnte, bedrückt sie nicht. Dies aber schon: Setzt sich die EU mit ihren Sparvorschlägen für Griechenland durch, werden die Renten wieder schmaler ausfallen. Und vielen Griechen reicht das Geld jetzt schon nicht aus, um über die Runden zu kommen. Nicht wenige müssen mit dem Geld auch noch ihre in der Krise arbeitslos gewordene Verwandtschaft durchbringen.

"Ochi", ruft aber auch Stella, 36 Jahre alt, von Beruf Rechtsanwältin. Es sind ja nicht nur die Erfolglosen hier, um zu demonstrieren. Die Frau kann sich nicht nur beklagen. Die Zahl ihrer Mandanten wächst, sie hat viel Arbeit. Und trotzdem bleibt ihr immer weniger Geld zum Leben. "Die Steuern sind in letzter Zeit so erhöht worden, dass sie alle Gewinne auffressen. Es ist für mich fast unmöglich, noch weiterzumachen." Wo zur Abwechslung mal Aufschwung herrsche, werde er sofort wieder abgewürgt. "Soll ich denn bei der Steuer betrügen? Ist das der einzige Ausweg?"

Die Verantwortlichen für diese Politik sieht sie weniger in ihrem Land, sondern in Brüssel. "Dort wird uns eine Politik aufgezwungen, die nicht gut für uns ist." Wie weit würde sie in diesem Streit gehen? Raus aus dem Euro? Sie sagt: "Notfalls auch das." Die EU müsse sich bewegen. Nicht Griechenland.

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