bedeckt München 26°

Arbeitnehmervertreter in Aufsichtsräten:Gewerkschaftsstiftung finanziert sich aus Aufsichtsratsbezügen

IG-Metall-Chef Huber erhielt für seine Tätigkeit als VW-Kontrolleur 2011 eine Summe von 589.000 Euro. Ober-Betriebsrat Osterloh, der auch im Aufsichtsrat sitzt, bezog 371.000 Euro. Die Arbeitnehmervertreter führen mehr als 80 Prozent ihrer Aufsichtsratsbezüge an die Hans-Böckler-Stiftung ab, die sozialwissenschaftliche Einrichtung des DGB, die sich der Idee der Mitbestimmung verpflichtet fühlt, sozialwissenschaftliche Forschung betreibt und Stipendien für Studenten finanziert. Die Böckler-Stiftung bezieht aus den Aufsichtsratsmandaten jedes Jahr mehr als 30 Millionen Euro. Ohne diese Zuwendungen könnte der DGB die Stiftung nicht finanzieren.

Für viele Manager ist diese Finanzierung der DGB-Stiftung ein Ärgernis. Sie äußern diese Kritik aber nicht öffentlich. Wer sich mit den Arbeitnehmern im Aufsichtsrat anlegt, hat kaum Chancen, in einer deutschen Aktiengesellschaft einen Vorstandsvertrag zu bekommen. Manager-Karrieren hängen entscheidend vom Wohlwollen der Arbeitnehmer ab. Umgekehrt profitiert die Belegschaft, wenn ihre Vertreter in den Entscheidungsgremien bei den Chefs gut angesehen sind.

Die Linie zwischen den Interessen von Arbeitnehmern und der Kapitalseite ist leicht zu verwischen. Wie sollen Arbeitnehmer-Vertreter dem Management gegenüber kritisch bleiben, wenn es sich lohnen kann, der Konzernführung gegenüber verständnisvoll zu sein? Für Gewerkschaftsvertreter fallen immer wieder lukrative Führungsjobs an. So machte der große VW-Patron Ferdinand Piëch, der Aufsichtsratschef, im Jahr 2005 mit den Stimmen der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat den langjährigen IG-Metall-Funktionär Horst Neumann zum Personalvorstand des Autobauers - gegen den Willen der Kapitalseite im Kontrollgremium. Auch der damalige Vorstandschef Bernd Pischetsrieder war gegen die Berufung Neumanns. Dem geschickten Strategen Piëch war offenbar ein gutes Verhältnis zur mächtigen IG Metall wichtig, ohne die bei VW praktisch nichts läuft - wichtiger jedenfalls als die Einigkeit mit Vorstandschef und Kapitalvertretern im Aufsichtsrat.

Politisch gewollte Nähe

Freundlichkeiten gibt es auch bei Thyssen-Krupp. Der in Schwierigkeiten steckende Essener Stahl- und Maschinenkonzern plant, den Gesambetriebsrats-Chef Thomas Schlenz im Mai zum Arbeitsdirektor der Tochtergesellschaft Thyssen-Steel zu machen. Solche Seitenwechsel von Arbeitnehmer-Vertretern sind in der Stahlindustrie Usus. Fraglich ist aber, ob damit die kritische Distanz zwischen Arbeitnehmern und Kapitalseite erhalten bleibt.

Bei Siemens wertete Aufsichtsratschef Gerhard Cromme die IG Metall im Jahr 2009 auf, als er das Aufsichtsratspräsidium um deren Chef Huber erweiterte und erstmals paritätisch besetzte. Huber wurde stellvertretender Aufsichtsratschef. Früher hatte der Chef des Gesamtbetriebsrats diesen Posten.

Die Nähe von Arbeitnehmern und Kapitalvertretern in den Aufsichtsräten ist politisch gewollt. Die Idee des partnerschaftlichen Umgangs von Arbeitnehmern und Arbeitgebern ist im Mitbestimmungsgesetz von 1976 festgelegt. Diese Regelung gilt gemeinhin als Grund für den sozialen Frieden in der Republik. Allerdings ist unklar, ob den Vätern der Mitbestimmung bewusst war, dass mit dieser Regelung die Kontrolle in den Aufsichtsräten geschwächt werden könnte.

Es kann Zufall sein - aber bei VW wie bei Siemens und Daimler, den Industrieunternehmen mit den höchsten Chef-Gehältern, haben auch die Aufsichtsräte die höchsten Tantiemen. IG Metall-Chef Huber wollte trotz mehrfacher Nachfrage der Süddeutschen Zeitung zu diesen Fragen keine Stellung nehmen.