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Gesundheitsmarkt:Auf einen Chat mit dem Arzt

Felt pharmacy art installation in London

Per Video durch eine Apotheke: Was hier noch eine Kunstinstallation ist, könnte bald ein übliches Prozedere sein.

(Foto: Tom Nicholson/Reuters)

Bei Ärzten und Kliniken läuft die Kommunikation noch häufig in Papierform. Doch künftig werden Rezepte und Patientenakten digital übermittelt. Unternehmen wittern bereits ein großes Geschäft.

Von Thorsten Riedl

Spätestens Anfang 2022 bekommt das Thema E-Health einen ordentlichen Schub. Dann soll das digitale Rezept nicht mehr nur ein Pilotprojekt sein, sondern bei der Verordnung von verschreibungspflichtigen Medikamenten Standard. Patienten können auf diese Weise leichter einen Arzt zur Videosprechstunde aufsuchen, ihre Mittel schneller online bestellen - und die Abgabe von Medikamenten soll auf elektronischem Wege sicherer werden. Noch hinkt Deutschland im internationalen Vergleich in Sachen E-Health hinterher. An den Patienten und Anbietern liegt es nicht.

Deutschland hinkt im internationalen Vergleich hinterher

E-Health beschreibe jene Möglichkeiten, "die moderne Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) bieten", so heißt es in der Definition auf der Internetseite des Bundesgesundheitsministeriums. Dazu würde die Kommunikation von Daten zählen, die dank der elektronischen Gesundheitskarte verfügbar sind, elektronische Hinweise auf eine Erklärung zur Organspende oder auch Gesundheits-Apps, die gegen Krankheiten helfen oder solche im Vorhinein verhindern, steht dort weiter. Als Beispiele ist neben dem elektronischen Rezept noch die elektronische Patientenakte angegeben, die bereits seit Anfang des Jahres getestet wird.

Deutschland liegt allerdings zurück in Sachen Digitalisierung. Vor drei Jahren fand die Bertelsmann Stiftung heraus, dass von 17 betrachteten Ländern nur das Gesundheitssystem in Polen in Sachen Digitalisierung noch schlechter abschnitt als das in Deutschland. Seither hat sich einiges getan. Doch in mehr als einem Dutzend anderer europäischer Länder beispielsweise ist es schon möglich, ein Rezept auf elektronischem Wege einzulösen. Großbritannien gehört dazu, die Niederlande oder Schweden.

"Die Hightech-Nation Deutschland wirkt mit Blick auf die Digitalisierung des Gesundheitswesens wie ein Entwicklungsland", lautet das vernichtende Urteil von Ferdinand Gerlach, Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Er beklagte jüngst in mehreren Interviews noch immer eine "Zettelwirtschaft", bei dem Patienten unterwegs seien mit Tüten von Röntgenbildern oder Arztbriefen. Gesundheitsämter bekommen und übermitteln Meldungen über Corona-Infektionen vielfach per Fax. "Das ist eigentlich peinlich im internationalen Vergleich." Er fordert eine bessere Balance zwischen dem Schutz der Daten und dem Anrecht der Patienten, die vorhandenen Daten bestmöglich für die jeweilige Behandlung zu nutzen.

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Digitale Beratung: Patienten können künftig leichter einen Arzt zur Videosprechstunde aufsuchen und Medikamente schneller online bestellen.

(Foto: Christin Klose/dpa)

Datenschützer kritisieren schon länger, die elektronische Patientenakte verstoße gegen die europäische Datenschutzgrundverordnung. Viele der Patienten aber, so heißt es in verschiedenen Umfragen, sind bereit für die Digitalisierung im Gesundheitswesen. So hat eine Studie, die vom Softwareanbieter VMWare veranlasst wurde, herausgefunden, dass 39 Prozent von 1000 Befragten sich wünschen, dass die Gesundheitsversorgung digitaler wäre. Weniger als ein Viertel der Teilnehmer sind der Ansicht, dass Gesundheitsversorger nun einen besseren digitalen Service anbieten würden als vor der Corona-Pandemie.

Die Sorge vor dem Missbrauch der Daten ist groß

Laut Befragung des AOK-Bundesverbandes würden vier Fünftel der Befragten eine digitale Gesundheitsakte nutzen, wenn sie diese von ihrer Krankenkasse zur Verfügung gestellt bekommen würden. In einer anderen Untersuchung von der Betriebskrankenkasse Vivida wurden 1000 junge Menschen zwischen 14 und 34 Jahren befragt. Für jeden Zweiten wäre demnach das Angebot einer Videosprechstunde Anlass genug, einen aufgeschobenen Arztbesuch wahrzunehmen. Vier Fünftel der jungen Leute würde schon jetzt am liebsten ein elektronisches Rezept vom Arzt bekommen. Mehr als zwei Drittel sind für den Einsatz von Gesundheitsapps zu haben.

Das hat auch die schnelle Verbreitung der Corona-Warn-App vergangenes Jahr gezeigt. Größter Hemmschuh: die Sorge vor einem Missbrauch der eigenen Daten. Gemäß VMWare-Studie glauben nur knapp mehr als ein Viertel der Befragten, dass Arzt, Klinik & Co. die nötige Zusicherung geben können, dass Daten sicher sind. Ebenso viele fühlen sich unwohl, wenn der Arzt direkten Zugang zu Puls- oder Blutdruckwerten bekommt, etwa über eine Smartwatch, oder Informationen über den Lebenswandel. Selbst wenn der Mediziner dann eine bessere Diagnose stellen könnte.

Es lockt ein milliardenschwerer Markt

Man darf aber nicht vergessen: Die Studien sind von Unternehmen finanziert und beleuchten die gerade passenden Seiten des Themas: Junge, techaffine Menschen werden befragt - Ältere, vielleicht noch ohne Internet, bleiben außen vor. Denn es lockt ein milliardenschwerer Markt. Gemäß dem Global E-Health Market-Report wird der Sektor bis zum Jahr 2027 jährlich mehr als 20 Prozent wachsen. Er soll dann weltweit für einen Umsatz von 310 Milliarden Dollar stehen. Eine Reihe von Firmen wollen mitspielen: von Apple oder Samsung, die besondere Gesundheitsfunktionen etwa auf ihren Smartwatches bieten, über die Deutsche Telekom mit ihrer Sparte Healthcare Solutions hin zu Spezialisten in ihrem Fach wie Teleclinic, die bereits Videosprechstunden anbieten, oder natürlich den multinationalen IT-Konzernen wie IBM, Microsoft oder Google, die ohnehin praktisch überall mitmischen.

Woran hapert es also? Neben der Sorge um den Missbrauch von Daten, die alle umtreibt, ist es vor allem die digitale Infrastruktur, die noch nicht zum Alltag in Klinik oder Arztpraxis gehört. Der E-Health-Monitor der Unternehmensberatung McKinsey will jährlich über den aktuellen Stand der Digitalisierung im hiesigen Gesundheitswesen informieren. In der jüngsten Ausgabe vom November vergangenen Jahres heißt es, nur 44 Prozent der Gesundheitseinrichtungen würden medizinische Daten digital austauschen. Sogar 93 Prozent der niedergelassenen Ärzte kommunizieren demnach mit Krankenhäusern noch überwiegend in Papierform.

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Besteht ein Corona-Risiko? Patienten können Hinweise zu ihrer Gesundheit auf dem Smartphone empfangen.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Dennoch verbreitet der E-Health-Monitor Optimismus. In wichtigen, digitalen Gesundheitsthemen, in denen Deutschland noch 2018 einen Rückstand aufgewiesen habe, seien "rechtliche Grundlagen für eine Aufholjagd gelegt". Das laufende Jahr mit der Einführung von digitalem Rezept und elektronischer Patientenakte werde entscheidend für die Akzeptanz des Themas bei Patienten und medizinischem Personal.

© SZ/weka
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