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Börse:Game, stop and go

FILE PHOTO: U.S. one dollar banknotes are seen in front of displayed GameStop logo

Wie im Januar schwanken derzeit die Kurse von Gamestop stark.

(Foto: Dado Ruvic/Reuters)

Turbulenzen ohne Ende: Binnen weniger Stunden steigt der Kurs der Gamestop-Aktien rasant - um dann ebenso schnell wieder einzubrechen.

Von Harald Freiberger

Die Turbulenzen um die Gamestop-Aktie reißen nicht ab. In den vergangenen Tagen stieg der Kurs der US-Videospiel-Kette wieder auf Höhen, die an die außergewöhnlichen Tage Ende Januar erinnern. Innerhalb von drei Handelstagen kletterte der Aktienkurs von 100 Euro bis auf 287 Euro am Mittwochabend. Dann aber stürzte er in wenigen Minuten wieder um mehr als 100 Euro ab. Am Donnerstagnachmittag stand der Kurs bei rund 230 Euro.

Die starken Schwankungen zeigen, dass sich die Situation um die sogenannten "Meme-Aktien" noch lange nicht beruhigt hat. Im Januar stiegen die Kurse von Gamestop, der US-Kinokette AMC Entertainment, des Kommunikationsdienstleisters Blackberry oder des Mobilfunkunternehmens Nokia plötzlich stark an. Hauptursache dafür war, dass sich auf der Internet-Plattform Reddit viele meist junge Kleinanleger abgesprochen hatten, solche Aktien zu kaufen, um ihre Kurse anzutreiben. Sie wollten damit vor allem Hedgefonds eins auswischen, die mit sogenannten Leerverkäufen stark darauf gewettet hatten, dass diese Aktien fallen.

Anleger zwingen Großinvestoren in die Knie

Am krassesten fiel der Kursanstieg aber bei Gamestop aus. Angestoßen von Käufen der Reddit-Leute, kam es zu einem Short Squeeze: Die Leerverkäufer mussten sich mit zuvor verkauften Aktien eindecken, um immer höhere Verluste zu vermeiden; das befeuerte einen geradezu absurden Kursanstieg. Auf dem Höhepunkt am 28. Januar stand die Gamestop-Aktie bei 420 Euro - 30-mal so hoch wie Anfang Januar. Hedgefonds verloren dadurch viel Geld, zuletzt hieß es, die Verluste hätten insgesamt elf Milliarden Dollar betragen. Die Vorgänge erregten weltweit Aufsehen, auch weil es erstmals einer großen Anzahl kleiner Anleger gelungen war, Großinvestoren in die Knie zu zwingen.

Im Februar fiel der Aktienkurs aber wieder bis auf 33 Euro. Zwei Wochen lang sah es so aus, als ob der Short Squeeze vorbei wäre und der Kurs sich auf dem ursprünglichen Niveau einpendeln würde. Doch dann begann er Ende Februar erneut zu steigen.

Viele Diskussionen auf Reddit

Die starken Kurssprünge beweisen, dass es immer noch genügend Käufer im Markt gibt. In den Reddit-Foren herrscht weiterhin rege Kommunikation von Kleinanlegern, die sich darin bestärken, in Gamestop zu investieren. Sie seien die treibende Kraft hinter dem jüngsten Kursanstieg, sagt Michael Pachter, Geschäftsführer des Aktien-Research beim Vermögensverwalter Wedbush.

Hinzu kommt, dass immer noch relativ viele Leerverkaufspositionen bestehen. Die US-Internetseite Marketbeat weist derzeit ein Volumen von 3,8 Milliarden Dollar aus. Auf dem Höhepunkt im Januar waren es zwölf Milliarden Dollar. Das heißt, es sind weiter Leerverkäufer am Werk, die sich mit Aktien eindecken müssen und so den Kursanstieg verstärken.

Zusätzlichen Schub könnten die Haushaltsschecks von 1400 Dollar geben, die US-Präsident Joe Biden im Rahmen seines Konjunkturprogramms jedem Amerikaner zukommen lässt. "Wir erwarten, dass die Haushalte die größte Quelle der Aktiennachfrage in diesem Jahr sein werden", schrieben Analysten der Investmentbank Goldman Sachs. Experten gehen davon aus, dass zahlreiche US-Bürger, gerade junge Erwachsene mit wenig Geld, den Scheck vom Staat in den Kauf von "Meme-Aktien" stecken werden.

Schließlich noch eine gute Nachricht von Gamestop selbst: Großaktionär Ryan Cohen wurde vor Kurzem stärker in das Management eingebunden. Der Gründer von Chewy.com, einem Online-Händler für Tierbedarf, soll das Internetgeschäft von Gamestop voranbringen. Das Unternehmen betreibt weltweit Hunderte Filialen. Das war der Grund, weshalb Hedgefonds auf einen Kursverfall wetteten: Nutzer laden Videospiele heute aus dem Internet herunter, Gamestop gilt als "Old Economy".

Wenn Cohen das Unternehmen nun rasch umbaut, könnte es wieder eine Zukunft haben. Wedbush-Experte Pachter warnt trotzdem davor, die Lage des Unternehmens zu optimistisch zu sehen. Um den derzeitigen Kurs von mehr als 200 Euro zu rechtfertigen, seien stabile Gewinne von zehn bis zwölf Dollar je Aktie notwendig. Er traue dem Unternehmen für 2022 gerade einmal einen Überschuss von einem Dollar je Aktie zu. Für 2020 rechnen Analysten mit einem Verlust von zwei Dollar.

Es gibt aber auch die Gegenmeinung: Analyst David Keller von Stockcharts.com sieht das Kursniveau gerechtfertigt. "Die Aktie fühlt sich wie ein Wachstumswert an", sagte er. Dass die Geschichte der Meme-Aktien noch nicht zu Ende erzählt ist, zeigt auch die Kursentwicklung von AMC, Nokia oder Blackberry. Auch ihre Aktien stiegen in den vergangenen Tagen wieder deutlich an, wenn auch nicht so extrem wie Gamestop.

© SZ
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