Galeria Karstadt Kaufhof:Die Namen Kaufhof und Karstadt verschwinden

Galeria Karstadt Kaufhof Stuttgart-Bad Cannstatt. Dauerhaft geschlossen. // 23.02.2021: Deutschland, Baden-Württemberg,

Verrammelt in Stuttgart: Im Stadtbezirk Bad Cannstatt hat der Kaufhof dichtgemacht. In andere Häuser soll investiert werden.

(Foto: Arnulf Hettrich/imago)

"Wir schleppen keine Zombie-Filiale durch": Der Chef von Galeria Karstadt Kaufhof kündigt einen großen Wandel an. Der Konzern will auf Verkaufsflächen verzichten - und die Menschen anders in die Häuser locken.

Von Michael Kläsgen

Es ist das angekündigte Ende einer Ära. Die Namen Karstadt und Kaufhof werden offenbar bald nach und nach aus dem Stadtbild verschwinden. Stattdessen könnten die Kaufhäuser in absehbarer Zeit Galeria heißen, so wie die Homepage des Warenhauskonzerns heute schon. "Es ist Zeit, dass man auch an der Marke sieht, dass wir jetzt ein Unternehmen sind", sagte Miguel Müllenbach, Chef des Warenhauses, das noch unter dem Namen Galeria Karstadt Kaufhof (GKK) firmiert, dem Handelsblatt.

Die Vereinheitlichung war schon Thema bei der Fusion der beiden angeschlagenen Unternehmen 2019. Erstmals kündigt eine Führungskraft von GKK nun aber an, dass der Schritt unmittelbar bevorstehe. "Wir wollen nach vorne ein Unternehmen mit einer Marke sein. Das wird auch nicht mehr lange dauern." Der Schritt passe zeitlich sehr gut, so Müllenbach, zu den für diesen Herbst geplanten Veränderungen.

An vielen Stellen könnte das Warenhaus alter Prägung demnach kaum wiederzuerkennen sein. Bisherige Verkaufsflächen für Textilien oder Haushaltswaren sollen bald anders genutzt werden. Statt Mode und Töpfen will GKK seinen Kunden städtische Bürgerdienste, E-Bike-Stationen oder Paketschalter bieten. Der Umbau soll in zunächst nur drei Filialen beginnen: in Frankfurt, Kassel und Kleve. Insgesamt ist geplant, bis zu 60 der 131 Häuser vollständig neu auszurichten. Der Rest soll nur teilweise umgebaut werden. Der Warenhauskonzern, der zur österreichischen Signa-Holding des Immobilieninvestors René Benko gehört, will für die Neuausrichtung in den nächsten drei bis vier Jahren 600 Millionen Euro aufwenden.

Die Warenhauskette entfernt sich ein Stück vom Kommerz

In Kassel beispielsweise soll die Verkaufsfläche etwa eines durchschnittlichen Supermarktes verschiedenen neuen Services weichen, verteilt über mehrere Etagen. Im Erdgeschoss ist geplant, regionale Produkte anzubieten. In der ersten Etage zieht die Stadt mit zwei Schaltern für Bürgerdienste ein, und in der vierten Etage entsteht ein Pop-up-Gebrüder-Grimm-Museum. Im Parkhaus kann man den Plänen zufolge Fahrräder unterstellen und reparieren lassen sowie E-Bikes laden. Ladesäulen soll es auch für Elektroautos geben.

GKK teilt seine Kaufhäuser fortan in drei unterschiedliche Kategorien ein: "Weltstadthaus", "regionaler Magnet" und "lokales Forum". Kassel ist nach dieser Definition ein "regionaler Magnet".

Einzelhandel leidet in der Corona-Krise

Der Einzelhandel, darunter Galeria Karstadt Kaufhof, hat stark unter dem Lockdown während der Corona-Pandemie gelitten.

(Foto: Felix Kästle/dpa)

Die Warenhauskette scheint sich damit ein Stück weit vom reinen Kommerz abzuwenden und das Angebot zumindest teilweise auf städtische oder bürgernahe Dienstleistungen auszuweiten. Das regional Spezifische soll nach Möglichkeit auch an allen anderen Standorten mehr Kunden in die Kaufhäuser lotsen und zum besonderen Merkmal der Filiale werden. Es ist nicht der erste Versuch eines Wandels. Diesmal bezeichnet der von der Corona-Pandemie hart getroffene Warenhauskonzern den Schritt als "Strategiewechsel".

Das Modell Warenhaus hat seit Jahren mit sinkenden Umsätzen zu kämpfen. Im vergangenen Jahr musste GKK einen Insolvenzantrag stellen. Im Zuge des Verfahrens mussten Gläubiger auf Forderungen in Höhe von mehr als zwei Milliarden Euro verzichten. GKK schloss 40 Filialen und erhielt nach Abschluss des Verfahrens einen Staatskredit von 460 Millionen Euro.

Derzeit verhandelt das Unternehmen mit der Bundesregierung über einen weiteren Kredit. Um welche Höhe es geht, wollte Müllenbach bislang nicht sagen. In Presseberichten im April war die Rede von 200 Millionen Euro. Ebenfalls im April hatte Müllenbach, mitten im Lockdown, in einem Interview mit Bild auf die Frage, ob GKK "pro Monat 100 Millionen Euro verbrenne?", geantwortet: "Die Größenordnung ist nicht falsch." Nun sagte er, GKK habe durch den Lockdown "mindestens 1,8 Milliarden Euro an Umsatz" verloren.

Sechs weitere Filialen von Karstadt und Kaufhof gerettet

Kaufhof geht auf den Unternehmer Leonhard Tietz zurück.

(Foto: Bodo Marks/dpa)

Selten ging es den Warenhäusern schlechter als heute, vor allem wegen des boomenden Onlinehandels, der bei GKK gerade einmal etwa fünf Prozent der Umsätze ausmacht. Das Geschäftsmodell Warenhaus, das wie beide Unternehmen Ende des 19. Jahrhunderts entstand, gilt als überholt. Kaufhof geht auf den jüdischen Unternehmer Leonhard Tietz zurück, dessen florierende Firma die Nationalsozialisten enteigneten. 1933 wurde sie in die Westdeutsche Kaufhof AG umbenannt. Rudolph Karstadt gründete sein erstes Geschäft 1881 in Wismar unter dem Namen Tuch-, Manufactur und Confectionsgeschäft Karstadt.

Viele, wenn nicht alle Waren unter einem Dach zu finden, war damals ein neuer Ansatz. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in den Jahren des Wirtschaftswunders, strömten die Menschen geradezu in die Kaufhäuser von Karstadt, Kaufhof und anderer Anbieter. Deren Namen, Horten, Hertie oder Quelle, sind inzwischen aus dem Stadtbild verschwunden. Nun kommen wohl bald noch die Traditionsnamen Karstadt und Kaufhof auf die Sammelstelle für untergegangene Handelsmarken.

Der Wandel der Zeit ist nach Einschätzung von Fachleuten zu großen Teilen an ihnen vorbeigegangen. Die Umnutzung der Flächen gilt als probates Mittel, die Häuser am Leben zu erhalten. Wobei Müllenbach diesbezüglich eine klare Ansage macht: "Wir schleppen keine Zombie-Filiale durch", sagte er dem Handelsblatt.

Von den geplanten 600 Millionen Investitionen sollen 200 Millionen Euro in die Digitalisierung fließen. GKK will seine eigenen Angebote und die seiner Partner über eine App verbinden. Darüber soll man nicht nur einen Friseurtermin, Parkplatz oder Bistro-Tisch bei GKK buchen können. Geplant ist, dass über die App auch ein Termin mit der Stadt vereinbart werden kann, etwa wann man seinen neuen Personalausweis an einem Schalter bei Galeria abholt.

© SZ
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