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Fusion von Linde und Praxair:Linde wird zum größten Industriegas-Konzern der Welt

Linde Group logo is seen at company building in Munich

Linde, hier eine Anlage in München, wird durch die Fusion mit Praxair der größte Gas-Konzern der Welt. Der neue Firmensitz soll in den USA sein.

(Foto: REUTERS)
  • Durch die Fusion des Münchner Konzerns Linde mit dem US-Konkurrenten Praxair entsteht der größte Industriegas-Konzern der Welt.
  • Das neue Unternehmen mit etwa 80 000 Mitarbeitern soll den Namen Linde tragen und seinen Sitz in den USA haben.
  • Dem Zusammenschluss war ein langer Machtkampf mit den Arbeitnehmern vorausgegangen, die auch in Deutschland um ihre Jobs fürchten.

Von Karl-Heinz Büschemann

Die geplante Fusion des Münchner Gaskonzerns Linde mit dem amerikanischen Konkurrenten Praxair ist beschlossen. Am Donnerstagabend stimmte der Aufsichtsrat von Linde dem Plan zu, gemeinsam mit Praxair einen neuen Weltmarktführer für Industriegas mit einem Börsenwert von rund 67 Milliarden Euro und weltweit 80 000 Beschäftigten zu schaffen.

Im Aufsichtsrat gab es aber Stimmen gegen den umstrittenen Plan, der stark vom Aufsichtsratsvorsitzenden Wolfgang Reitzle betrieben worden war. Fünf der sechs Vertreter der Arbeitnehmer sprachen sich nach Informationen der Süddeutschen Zeitung gegen den Zusammenschluss aus. Dem Vernehmen nach stimmte auch die Vertreterin der Leitenden Angestellten gegen die Fusion.

"Dieser Zusammenschluss ist eine einmalige Gelegenheit, ein globales Unternehmen für Industriegase zu schaffen", sagte nach der Sitzung der Linde-Vorstandschef Aldo Belloni. Fast wortgleich äußerte sich Steve Angel, der Chef von Praxair, der eigens für diese Abstimmung nach München gekommen war.

Das neue Unternehmen soll vom heutigen Praxair-Sitz in Danbury im US-Bundesstaat Connecticut von Steve Angel geführt werden. Für Reitzle ist der Posten des Chairman vorgesehen, der mehr Einfluss hat als ein deutscher Aufsichtsratsvorsitzender. Zusammen werden die Unternehmen einen Umsatz von 27 Milliarden Euro haben.

Der Beschluss vom Donnerstag beendet einen langen Streit zwischen dem Linde-Management und den Arbeitnehmern, der zu einer schweren Zerreißprobe zu werden drohte. Betriebsrat und Gewerkschaften fürchten bei Linde einen Stellenabbau vor allem in Europa. Linde hat weltweit 60 000 Mitarbeiter, 8000 davon arbeiten in Deutschland. Zudem geht es den Arbeitnehmern um eine Prestige-Frage: Mit Linde würde ein Dax-Konzern aus der paritätischen Mitbestimmung herausfallen. Reitzle hatte den Konflikt mit den Gewerkschaften noch dadurch angeheizt, dass er angedroht hatte, seine entscheidende Zweitstimme des Aufsichtsratschefs zu ziehen, falls die Arbeitnehmer sich geschlossen gegen seinen Fusionsplan gestellt hätten. Das war nicht nötig, weil sich der Betriebsratschef der Linde-Niederlassung in Dresden der Stimme enthalten hatte.

Am Tag vor der Abstimmung im Aufsichtsrat hatte sich Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) noch in den Streit eingemischt und den Aufsichtsrat aufgefordert, das Projekt nicht gegen die Stimmen der Arbeitnehmer durchzusetzen. "Der geplante Zusammenschluss von Linde und Praxair braucht die Akzeptanz der Arbeitnehmerseite", erklärte die Ministerin. Eine Übernahme ohne die volle Unterstützung der Belegschaft "kann nicht gut funktionieren". In der Aufsichtsratssitzung vom Donnerstag sind nach Informationen der SZ die Gegner noch einmal hart aufeinandergetroffen. Reitzle habe, wie Insider berichten, den Streit mit den an die Arbeitnehmer gerichteten Worten beendet: "Ich trete nicht nach".

Das neue Unternehmen würde an der New Yorker Börse notiert werden

Die beiden Firmen wollen zusammen Kosten in Höhe von 1,1 Milliarden Euro im Jahr sparen. Das ist eine der Begründungen von Linde für den Zusammenschluss, der die eigenständige Geschichte des seit 1897 bestehenden Traditionsunternehmens beenden wird. Reitzle begründete den Sinn des Fusionsvorhabens aber auch mit den Vorteilen, die sich für die Linde-Aktionäre böten. Das neue Unternehmen würde an der New Yorker Börse notiert werden und könne deshalb einen um zehn bis 20 Prozent höheren Aktienkurs erzielen. Der fusionierte Konzern, der den Namen Linde tragen wird, soll künftig aber auch an der Frankfurter Börse notiert sein.

Reitzle, der in seiner Zeit als Linde-Vorstandschef von 2003 bis 2014 den Münchner Konzern zum Weltmarktführer im Industriegasgeschäft gemacht hatte, war mit der Entwicklung des Unternehmens nach seinem Ausscheiden unzufrieden gewesen. Unter seinem Nachfolger Wolfgang Büchele hatte das Unternehmen die globale Marktführerschaft wieder verloren und musste die Gewinnerwartungen nach unten korrigieren. Nachdem Reitzle unter Einhaltung der vorgeschriebenen Abkühlungsphase von zwei Jahren im Mai 2016 als Aufsichtsratschef zu Linde zurückgekommen war, überraschte er Unternehmen und Aktionäre mit seinem Plan zum Zusammenschluss mit Praxair.

Der Fusionsplan war zunächst auch im Linde-Vorstand umstritten. Die ersten Gespräche mit Praxair mussten zunächst abgebrochen werden. Kurz vor Weihnachten lebten sie wieder auf, nachdem Finanzvorstand Georg Denoke, der diese Fusion als unnötig und riskant abgelehnt hatte, aus dem Unternehmen ausgeschieden war.

© SZ vom 02.06.2017/vd

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