Forschung:Mit einer Familie ist die Wissenschaft schwer vereinbar

Apothekerin Claudia Gutschalk ist auch so ein typischer Fall. Sie hat sich dagegen entschieden, in der Wissenschaft Karriere zu machen, aber nicht wegen der Bezahlung. Sie wollte kein "Wissenschaftlervagabundenleben". Ständig müsse man den Arbeitsplatz wechseln, um aufzusteigen. "Es gibt nur diesen einen Weg. Auf einer Stelle verweilen kann man nicht", sagt die 43-Jährige. Ständig mehr zu arbeiten und alle paar Jahre den Wohnort zu wechseln, sei mit ihrem Familienleben nicht vereinbar gewesen. Sie hat drei Kinder: fünf, zehn und zwölf Jahre alt. Deswegen wechselte sie vom Helmholtz Zentrum zu einem Pharmaunternehmen. Sie vermisse schon das freie Forschen am Helmholtz Institut. Dort durfte sie sich selbst aussuchen, was sie erforscht, wie das auch an Universitäten der Fall ist. Hauptsache, die Forschung könnte zu Erkenntnissen führen.

Bei dem Pharmaunternehmen ist das anders: Erforscht wird, was sich für das Unternehmen lohnt. Gutschalk kümmert sich jetzt unter anderem darum, dass die Arznei so verpackt ist, wie es in dem Land vorgegeben ist: "Ziemlich viel Kleinkram mit ziemlich vielen Fachabteilungen". Doch am Ende zählte: Sie kann sich mit dem neuen Job viel besser um die Familie kümmern als zu der Zeit, in der sie in der großen, weitsichtigen Forschung gearbeitet hat. Und sie verdient jetzt viel mehr.

Zeit mit der Familie ist auch dem IT-Experten Jetzfellner wichtig. Der 39-Jährige hat einen fünfjährigen Sohn. "Mit dem Tarifgehalt, das mir Helmholtz gezahlt hätte, hätte ich mir eine Dreizimmerwohnung und eine Kinderbetreuung in München nicht leisten können." Mit dem Siemens-Gehalt hat er ein Haus gekauft, in Aschheim bei München.

Dass sich viele jüngere Forscher aus privaten Gründen einen neuen Arbeitgeber suchen, ist eigentlich sogar vorgesehen. Die Institute verstehen sich auch als Ausbilder von Fachkräften, die dann bei Unternehmen arbeiten. Nur führen die Arbeitsbedingungen an den Instituten inzwischen dazu, dass die auf dem Arbeitsmarkt begehrten Leute früher wechseln, als die Institute wollen. Zudem brauchen sie auch einige erfahrene IT-Experten und Ingenieure, damit die sich um die Infrastruktur kümmern. Das werde problematisch, sagt Helmholtz-Mann Kosmider. Riskant könne der Fachkräftemangel bei Bauvorhaben werden: Wenn ein Projekt zum Beispiel zehn Millionen Euro Steuergeld koste und nur dadurch, dass es unerfahrene Ingenieure leiten, ein 25-prozentiges Risiko entstehe, dass das Projekt in Schwierigkeiten gerät, lohne sich das nicht, sagt Kosmider. Das Ausfallrisiko sei zu hoch. "Bei so wichtigen Stellen sollte man den Tarif aussetzen und einem erfahrenen Ingenieur ein paar tausend Euro mehr zahlen", sagt er.

Weniger Erfüllung im Job, dafür aber ein erfülltes Familienleben

Das Bildungsministerium weiß um das Problem: Bei IT-Experten und Ingenieuren sei es "schwierig, geeignete Fachkräfte zu finden". Aber man müsse die durch den Tarifvertrag vorgegebenen Gehälter einhalten, sonst belaste das den Bundeshaushalt zu sehr. Wenn das Geld nicht vom Bund, sondern aus Drittmitteln stamme, könne man mehr zahlen, als der Tarif vorgibt. Aber lässt sich dann noch garantieren, dass die Forschung frei von wirtschaftlichen Zwängen ist? Das Ministerium arbeite an Lösungen, um auch in Zukunft noch die Experten zu bekommen, die die Forschungseinrichtungen brauchen.

Solange aber niemand das Problem des Gehalts und der Arbeitsbedingungen löst, bleiben den Instituten vorerst nur die wissenshungrigen Idealisten; also die, die der Forschung dienen wollen und die all die Top-Angebote ablehnen, weil sie der gesellschaftliche Nutzen ihrer Arbeit mehr anspornt als die Aussicht, ein Vielfaches ihres aktuellen Gehalts zu bekommen, dazu flexiblere Arbeitszeiten und einen unbefristeten Arbeitsvertrag.

Jetzfellner aber bekennt: "Ich bin ein pragmatischer Mensch." Er und Gutschalk wissen beide: Ihr Weg vom Institut zum Unternehmen bietet ihnen weniger Erfüllung im Job, dafür aber ein erfülltes Familienleben ohne finanzielle Sorgen.

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