Süddeutsche Zeitung

Forschung:Deutsche Forschungsinstitute verlieren immer mehr Fachkräfte

  • Deutschlands Spitzenforschungsinsitute haben es immer schwerer, begehrte Fachkräfte zu halten, vor allem IT-Experten und Ingenieure.
  • Weil die Wirtschaft in den vergangenen Jahren ordentlich gewachsen ist, stiegen die Löhne bei Unternehmen stark an. Der Tarif des öffentlichen Dienstes hält da nicht mit.
  • Deutschland braucht aber eine funktionierende Spitzenforschung - und die braucht gute IT-Experten und Ingenieure.

Von Sven Lüüs

Thomas Jetzfellner streckt die Arme weit auseinander. Die linke Hand soll zeigen, was er verdienen würde, wenn er in der Forschung geblieben wäre. Die rechte, was er jetzt in der Privatwirtschaft verdient. Als IT-Experte kann sich Jetzfellner seinen Arbeitgeber aussuchen, seit Jahren wird er auf Karriereportalen wie Xing und Linkedin mit Jobangeboten überschüttet. Bis vor kurzem forschte Jetzfellner an einem Institut der Helmholtz-Gemeinschaft, aber dann wechselte er zu Siemens. Zwar sei der Job bei Helmholtz schon spannender gewesen, sagt er. "Aber du bekommst ja nicht einmal einen Kredit, wenn du dich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangelst, und dabei nicht wirklich viel verdienst, wie das in der Forschung üblich ist", begründet Jetzfellner seine Entscheidung.

Deutschlands Spitzenforschungsinstitute haben ein Problem: Oft verlieren sie begehrte Leute wie Jetzfellner. Denn junge Top-Experten bekommen von Firmen oft Gehälter angeboten, die solche Institute bei Weitem nicht zahlen können. Vor allem IT-Fachleute und Ingenieure werden deshalb bei ihnen knapp. Kein Wunder: Um im Schnitt nur 2,6 Prozent sind die im Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes geregelten Gehälter seit 2015 gestiegen. Danach werden auch die Angestellten an außeruniversitären Forschungsinstituten bezahlt.

Das ist ein ganzes Stück weniger als der jährliche Lohnanstieg insgesamt über alle Branchen im gleichen Zeitraum - immerhin 4,2 Prozent. Zwar zählten die Spitzenforschungsinstitute, was die Bezahlung angeht, noch nie zu den Top-Arbeitgebern. Aber wegen der guten Konjunktur in den vergangenen Jahren und des Fachkräftemangels fällt es ihnen heute immer schwerer, auch nur annähernd bei dem mitzuhalten, was Firmen ihren Leuten bieten.

Die Wissenschaftler bilden das Rückgrat des technischen Fortschritts

Für eine hoch entwickelte Industrienation wie Deutschland ist es schlecht, wenn die Spitzenforschung leidet. Die Experten bei der Fraunhofer-Gesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Leibniz-Gemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft bilden das Rückgrat des technischen Fortschritts. Sie vor allem sind es, die grundlegende Neuerungen schaffen, von denen später auch Firmen profitieren (siehe Kasten).

Die Forschung der Unternehmen sei profitorientiert und deshalb oft kurzsichtig, erklärt Heike Belitz, Innovationsforscherin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Bei den Firmen zählt nur, ob die Investition in die Forschung bald mehr Gewinn bringt. An außeruniversitären Instituten hingegen könne man mit mehr Risiko forschen. Unterstützt werden vor allem Projekte, die radikal Neues versprechen.

Forscher können also viel ausprobieren. Deswegen, so Belitz, kämen die Grundlagen "radikaler Innovationen" auch meist von den Instituten: Allein Forscher der Max-Planck-Gesellschaft haben 18 Nobelpreise gewonnen seit der Gründung im Jahr 1948. An einem Institut der Fraunhofer-Gesellschaft wurde zum Beispiel das Verfahren des MP3-Players erfunden. Man brauche beide Arten der Forschung, wenn die besten Talente von den Instituten "weggesaugt" würden, sei das problematisch, sagt Belitz.

Doch selbst wenn genügend Geld da ist, kann ein außeruniversitäres Forschungsinstitut einer gefragten IT-Führungskraft nicht einfach mal mehr bezahlen, das ist bei Tarifgehältern nicht vorgesehen. Das sei ein "enges Korsett, in das man reingepresst wird", sagt Tobias Bonhoeffer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Neurobiologie. Wer von der Universität kommt und Karriere als Forscher machen möchte, sei oft noch mit dem Gehalt zufrieden. Aber Erfahrenere und IT-Experten seien einfach schwer zu gewinnen, denn sie verdienen in der Privatwirtschaft viel mehr. Eine IT-Führungskraft bekam 2013 in der Privatwirtschaft durchschnittlich 160 000 Euro pro Jahr, in der Forschung nur knapp die Hälfte. Das hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC berechnet.

Wegen der guten Konjunktur könne die Privatwirtschaft immer bessere Gehälter bieten, was die Lücke noch vergrößere, sagt Andreas Kosmider von der Helmholtz-Gemeinschaft. Auch die Fraunhofer-Gesellschaft sieht den Grund dafür, dass die Besten gehen, in den Arbeitsbedingungen: Die Angebote der Wirtschaft sind einfach besser, das könne Fraunhofer als öffentlich geförderte Gesellschaft nicht bieten, so das Institut. Dies hätten Gespräche mit Wissenschaftlern gezeigt.

Helmholtz, Leibniz, Max Planck

Ihre Ziele beschreiben die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft, die Leibniz Gemeinschaft und die Max-Planck-Gesellschaft unterschiedlich: So will Helmholtz langfristig das Leben der Menschen verbessern und deren Lebensgrundlagen erhalten. Bei Leibniz heißt es, man wolle gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevante Fragen bearbeiten. An den Hunderten Standorten der Einrichtungen arbeiten etwas mehr als 100 000 Menschen. Sie erforschen alles - von theoretischer Grundlagenforschung bis hin zu anwendungsorientierter Forschung in allen Bereichen. Fraunhofer arbeitet dabei eher anwendungsorientiert, Max-Planck befasst sich mit der Grundlagenforschung. Alle vier Einrichtungen werden großteils von Bund und Ländern finanziert. 2017 erhielten sie laut Bundesministerium für Forschung und Entwicklung knapp zehn Milliarden Euro. Ein kleinerer Teil des Geldes, das die Forscher brauchen, stammt aus Drittmitteln: Oft bekommen die Einrichtungen Geld von Firmen, die einzelne Projekte fördern, weil sie am Resultat interessiert sind. Der größere Teil der Drittmittel ist aber Geld von Stiftungen oder von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, einem eingetragenen Verein, der die deutsche Forschung vorantreiben will.

Mit einer Familie ist die Wissenschaft schwer vereinbar

Apothekerin Claudia Gutschalk ist auch so ein typischer Fall. Sie hat sich dagegen entschieden, in der Wissenschaft Karriere zu machen, aber nicht wegen der Bezahlung. Sie wollte kein "Wissenschaftlervagabundenleben". Ständig müsse man den Arbeitsplatz wechseln, um aufzusteigen. "Es gibt nur diesen einen Weg. Auf einer Stelle verweilen kann man nicht", sagt die 43-Jährige. Ständig mehr zu arbeiten und alle paar Jahre den Wohnort zu wechseln, sei mit ihrem Familienleben nicht vereinbar gewesen. Sie hat drei Kinder: fünf, zehn und zwölf Jahre alt. Deswegen wechselte sie vom Helmholtz Zentrum zu einem Pharmaunternehmen. Sie vermisse schon das freie Forschen am Helmholtz Institut. Dort durfte sie sich selbst aussuchen, was sie erforscht, wie das auch an Universitäten der Fall ist. Hauptsache, die Forschung könnte zu Erkenntnissen führen.

Bei dem Pharmaunternehmen ist das anders: Erforscht wird, was sich für das Unternehmen lohnt. Gutschalk kümmert sich jetzt unter anderem darum, dass die Arznei so verpackt ist, wie es in dem Land vorgegeben ist: "Ziemlich viel Kleinkram mit ziemlich vielen Fachabteilungen". Doch am Ende zählte: Sie kann sich mit dem neuen Job viel besser um die Familie kümmern als zu der Zeit, in der sie in der großen, weitsichtigen Forschung gearbeitet hat. Und sie verdient jetzt viel mehr.

Zeit mit der Familie ist auch dem IT-Experten Jetzfellner wichtig. Der 39-Jährige hat einen fünfjährigen Sohn. "Mit dem Tarifgehalt, das mir Helmholtz gezahlt hätte, hätte ich mir eine Dreizimmerwohnung und eine Kinderbetreuung in München nicht leisten können." Mit dem Siemens-Gehalt hat er ein Haus gekauft, in Aschheim bei München.

Dass sich viele jüngere Forscher aus privaten Gründen einen neuen Arbeitgeber suchen, ist eigentlich sogar vorgesehen. Die Institute verstehen sich auch als Ausbilder von Fachkräften, die dann bei Unternehmen arbeiten. Nur führen die Arbeitsbedingungen an den Instituten inzwischen dazu, dass die auf dem Arbeitsmarkt begehrten Leute früher wechseln, als die Institute wollen. Zudem brauchen sie auch einige erfahrene IT-Experten und Ingenieure, damit die sich um die Infrastruktur kümmern. Das werde problematisch, sagt Helmholtz-Mann Kosmider. Riskant könne der Fachkräftemangel bei Bauvorhaben werden: Wenn ein Projekt zum Beispiel zehn Millionen Euro Steuergeld koste und nur dadurch, dass es unerfahrene Ingenieure leiten, ein 25-prozentiges Risiko entstehe, dass das Projekt in Schwierigkeiten gerät, lohne sich das nicht, sagt Kosmider. Das Ausfallrisiko sei zu hoch. "Bei so wichtigen Stellen sollte man den Tarif aussetzen und einem erfahrenen Ingenieur ein paar tausend Euro mehr zahlen", sagt er.

Weniger Erfüllung im Job, dafür aber ein erfülltes Familienleben

Das Bildungsministerium weiß um das Problem: Bei IT-Experten und Ingenieuren sei es "schwierig, geeignete Fachkräfte zu finden". Aber man müsse die durch den Tarifvertrag vorgegebenen Gehälter einhalten, sonst belaste das den Bundeshaushalt zu sehr. Wenn das Geld nicht vom Bund, sondern aus Drittmitteln stamme, könne man mehr zahlen, als der Tarif vorgibt. Aber lässt sich dann noch garantieren, dass die Forschung frei von wirtschaftlichen Zwängen ist? Das Ministerium arbeite an Lösungen, um auch in Zukunft noch die Experten zu bekommen, die die Forschungseinrichtungen brauchen.

Solange aber niemand das Problem des Gehalts und der Arbeitsbedingungen löst, bleiben den Instituten vorerst nur die wissenshungrigen Idealisten; also die, die der Forschung dienen wollen und die all die Top-Angebote ablehnen, weil sie der gesellschaftliche Nutzen ihrer Arbeit mehr anspornt als die Aussicht, ein Vielfaches ihres aktuellen Gehalts zu bekommen, dazu flexiblere Arbeitszeiten und einen unbefristeten Arbeitsvertrag.

Jetzfellner aber bekennt: "Ich bin ein pragmatischer Mensch." Er und Gutschalk wissen beide: Ihr Weg vom Institut zum Unternehmen bietet ihnen weniger Erfüllung im Job, dafür aber ein erfülltes Familienleben ohne finanzielle Sorgen.

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Quelle:
SZ vom 10.05.2019/lüü
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