Luftverkehr:Kommt jetzt die Fusionswelle unter Europas Airlines?

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Lufthansa-Flugzeuge am Flughafen München

Flugzeuge von Lufthansa auf dem Franz-Josef-Strauß-Flughafen in München. Auch die deutsche Fluggesellschaft könnte von einer möglichen Fusionswelle betroffen sein.

(Foto: Christof Stache/AFP)

Sie stellen den Betrieb ein oder warnen vor einer Liquiditätskrise: In Europa verlieren mehrere kleinere Fluggesellschaften den Anschluss. Dabei geht es auch um das Überleben einiger großer Konzerne.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Noch vor ein paar Tagen warb die kleine englische Fluggesellschaft Flybe auf Twitter um neue Mitarbeiter. Bewerbungen würden derzeit für eine Reihe von offenen Stellen angenommen, so steht in dem sozialen Netzwerk. Auf dem Werbefoto lächeln ein Pilot und eine Flugbegleiterin in ihren Uniformen, während sie auf ein Smartphone schauen - klassische Rollenverteilung, typischer Reflex.

Nur wenige Tage später war gar nichts mehr klassisch, und die Bewerbungen, sollten welche eingegangen sein, hatten sich auch erübrigt: Flybe stellte am vergangenen Samstag von jetzt auf gleich den Betrieb ein, Tausende Passagiere strandeten vor allem an britischen Flughäfen und mussten sich neue Tickets kaufen, denn bei der Fluggesellschaft war nichts mehr zu holen. Man habe in der schwierigen wirtschaftlichen Lage und unter großem Druck nach neuen Investoren gesucht - doch seien die Versuche leider gescheitert, so Konzern-Chef Dave Pflieger.

Flybe ist im europäischen Flugmarkt nur ein kleiner Fisch, dessen Verschwinden den allermeisten nicht weiter auffallen wird - Mitarbeiter natürlich ausgenommen. Doch in den nächsten Monaten geht es in der Luftverkehrsindustrie um das Überleben einiger weit größerer Anbieter mit bekannten Namen: ITA Airways, die Nachfolgerin der Alitalia, TAP Portugal, SAS Scandinavian Airlines und Air Europa. Die Wackelkandidaten sind in der Regel mittelgroße Fluggesellschaften mit klassischem Geschäftsmodell, die aber noch keinem der drei großen europäischen Konzerne Lufthansa, Air France-KLM und International Airlines Group (IAG) angehören. Sie sind nicht groß genug, um bei den Langstrecken-Drehkreuzen mithalten zu können, gleichzeitig wird ihr schwächelndes Europageschäft von den Billig-Fluglinien angegriffen. Nur zum Vergleich: Marktführer Ryanair machte im dritten Quartal (Oktober-Dezember) einen Gewinn von 211 Millionen Euro, so viel wie nie zuvor.

Von den vier Übernahme-Kandidaten ist ITA Airways trotz horrender Verluste der Rettung am nächsten. Am vergangenen Freitag gab die italienische Regierung bekannt, dass sie exklusive Verhandlungen mit der Lufthansa Group befürwortet. Lufthansa will bekanntlich zunächst nur einen Anteil von rund 40 Prozent erwerben, reklamiert aber die unternehmerische Führung von Beginn an für sich. Lufthansa erhofft sich von dem Einstieg Wachstum in dem großen Markt Italien, für die erst Ende 2021 gestartete ITA geht es schon ums Überleben. Zumal die Europäische Kommission weitere Staatshilfen für die Airline ausgeschlossen hat.

Die Fluglinien in Skandinavien haben es besonders schwer

Auch TAP Portugal soll bald wieder privatisiert werden. Der portugiesische Staat hatte die Fluglinie während der Corona-Pandemie mit Milliarden-Zuschüssen in der Luft gehalten. Die Kommission genehmigte die Hilfen unter der Bedingung, dass das Unternehmen bald wieder verkauft werden solle. Die Konstellation ist brisant: TAP ist wie Lufthansa Mitglied der Star Alliance und betreibt ein sehr dichtes Streckennetz nach Südamerika, vor allem nach Brasilien. Lufthansa, die in der Region seit Jahren schwächelt, kann es sich kaum leisten, auch noch den Partner zu verlieren, der wenigstens über Lissabon viele Ziele in der Region anbietet.

Daher gilt es als sicher, dass Lufthansa nach der ITA-Transaktion auch für TAP bieten wird. Air France-KLM wiederum könnte einen starken Südamerika-Spezialisten ebenfalls gut vertragen. Der Einstieg bei TAP hätte den zusätzlichen Vorteil, dass er Hauptrivale Lufthansa empfindlich schwächen würde. IAG hingegen dürfte nicht mitbieten, denn mit Iberia ist die Muttergesellschaft von British Airways im Südamerika-Geschäft schon gut vertreten. Außerdem kauft die Gruppe sich in den nächsten Wochen wahrscheinlich auch noch bei der ebenfalls spanischen Air Europa ein, deren Spezialgebiet ebenfalls der Südatlantik ist.

Besonders prekär ist die Lage seit Jahren für die Fluglinien in Skandinavien. Norwegian hatte sich schon vor der Pandemie mit einem zu aggressiven Wachstumskurs übernommen und hat die Krise nur mit drastischen Einschnitten überlebt. Mittlerweile ist Norwegian aber wieder stabilisiert. SAS Scandinavian Airlines, einer der Pioniere in der europäischen Luftfahrt, stellte im Frühjahr 2022 freiwillig in den USA einen Insolvenzantrag, nachdem ein Pilotenstreik das Sanierungskonzept gefährdet hatte. SAS verhandelt seither mit den Gläubigern, vor allem mit den Flugzeugleasing-Firmen, über günstigere Verträge. Der Konzern überlebt nur dank Krediten, die Investoren zur Verfügung gestellt haben. Doch die längerfristigen Aussichten sind trübe: Keiner der drei großen Flug-Konzerne interessiert sich so richtig für einen Sanierungsfall in einem kleinen Markt.

Wie ernst die Lage dort ist, zeigte sich akut am Montag. Die kleine norwegische Billig-Fluglinie Flyr, gegründet erst vor eineinhalb Jahren, warnte vor einer "kritischen kurzfristigen Liquiditätssituation". Weder aktuelle Anteilseigner noch neue Investoren hätten bislang dringend nötiges frisches Geld zur Verfügung gestellt. Die Flyr-Aktie verlor daraufhin am Morgen 78 Prozent ihres Wertes. Die für Montag geplanten Flüge sollen noch planmäßig stattfinden. Doch danach droht eine weitere Pleite.

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