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Flüchtlingspolitik:Bundesweit gibt es etwa 40 psychosoziale Zentren

Geflüchtete sind nicht häufiger physisch krank als die durchschnittliche Bevölkerung in Deutschland. Doch sie haben ein höheres Risiko, psychisch zu erkranken, sagt Hannes Kröger, Wissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin. Gemeinsam mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Integrationsforschung (IAB) und dem Forschungszentrum des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf-FZ) führt das DIW seit 2016 eine Längsschnittbefragung durch. Ihr Ergebnis: Bei mehr als einem Drittel der Geflüchteten bestehe das Risiko, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln. Das psychische Wohlbefinden sei in allen Altersgruppen niedriger als im Bevölkerungsdurchschnitt. Auch das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) hat im vergangenen Jahr 2000 Asylsuchende aus Syrien, dem Irak und aus Afghanistan befragt. Mehr als drei Viertel gaben an, Gewalt und andere traumatische Erfahrungen erlebt zu haben.

Die psychischen Probleme aber "lösen sich nicht von alleine", betont DIW-Forscher Kröger. "Selbst wenn andere Faktoren, wie Wohnung, Kinderbetreuung, Sprachkurs geklärt sind." Im Gegenteil. Wer unter Traumatisierungen oder Depressionen leidet und über lange Zeit keine Hilfe erhält, hat ein erhöhtes Risiko, dass die Beschwerden chronisch werden. Doch nur die wenigsten Geflüchteten haben Zugang zu psychologischer Unterstützung. Bundesweit gibt es etwa 40 psychosoziale Zentren, die sich speziell an Geflüchtete und Folteropfer richten. Ihre Kapazitäten reichen bei Weitem nicht aus. Auch bei niedergelassenen Psychotherapeuten sind die Wartelisten lang, es fehlen Dolmetscher und oft werden die Kosten für die Übersetzung nicht übernommen. Zudem gebe es viele Barrieren für Zuwanderer, sagt Uslucan. Sich psychologische Hilfe zu suchen, fällt schon vielen Deutschen nicht leicht. Noch schwieriger wird es, wenn man das Gesundheitssystem nicht kennt und die Sprache nicht richtig beherrscht.

Firma Samson bildet Flüchtlinge aus

Manchmal ist es schwer, sich auf die Ausbildung zu konzentrieren, wenn private Sorgen und Ängste auf der Seele lasten.

(Foto: Andreas Arnold/dpa)

Erhalten Menschen mit schweren psychischen Belastungen keine Hilfe, können sich gravierende negative Konsequenzen ergeben, warnten auch Wissenschaftler der Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften, in einer umfassenden Studie von 2018. "Flüchtlinge, die psychisch leiden, sind oft nicht in der Lage, ihren Alltag zu bewältigen, vertrauensvolle soziale Beziehungen einzugehen oder eine neue Sprache zu erlernen", schrieben sie und empfahlen dringend, die Versorgung in Deutschland auszubauen.

Wichtig sei vor allem auch, leicht zugängliche Angebote auszuweiten. Denn nicht alle traumatisierten Flüchtlinge würden eine vollumfängliche Psychotherapie benötigen, so die Wissenschaftler der Leopoldina. Sie befürworteten explizit, sogenannte Peer-Berater als Gesundheitslotsen einzusetzen, also Menschen, die selbst Fluchterfahrungen haben, wie die Iranerin Zare Moayedi. Solche Angebote könnten den Betroffenen effektiv und kosteneffizient helfen.

Die Peer-Berater sollen nicht die Psychotherapie ersetzen. "Das ist auch nicht das Ziel von Soul Talk", betont Hannah Zanker. Sie ist eine der beiden Psychologinnen, die das Projekt in Schweinfurt leiten und Zare Moayedi professionell begleiten. Viele Geflüchtete entlaste es schon, zu sehen, dass es anderen genauso geht wie ihnen. Und es helfe ihnen, sich mit einer neutralen, außenstehenden Person in der eigenen Sprache zu unterhalten, sagt Zanker.

Der Fokus der Beratung bei Soul Talk ist auf das Hier und Jetzt gerichtet. "Wir fragen sie nicht aus über ihre Vergangenheit", sagt Zare Moayedi. Das akute Problem seien oft auch nicht so sehr die Traumata, die die Menschen auf der Flucht oder im Krieg erlebt hätten, sondern die aktuellen Belastungen. Der ungewisse Aufenthaltsstatus, die Trennung von der Familie und die Sorgen um sie. Die Angst vor der Abschiebung, die Untätigkeit und das Warten. Das ist auch nicht immer leicht für die Berater. "Wir können an der Ablehnung des Asylantrags und an der Situation ihrer Familie im Heimatland nichts ändern", sagt Zare Moayedi. Aber sie kann zuhören, beruhigen, Methoden vermitteln, um besser mit Ängsten und Stress umzugehen. Und bei Bedarf kann sie an andere Ansprechpartner weiterverweisen und so eine Brücke ins reguläre Gesundheitssystem bilden.

© SZ vom 01.06.2019/swen
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