Finanzbranche Null Toleranz für Banken

Top-Banker beklagen den Zustand ihrer Branche. Im Bild: die Skyline von Frankfurt vom neuen EZB-Gebäude aus gesehen.

(Foto: Bloomberg)
  • Nach der Finanzkrise forderten viele Kritiker, die Bankbranche stärker zu regulieren und damit künftigen Krisen vorzubeugen.
  • Viele der angestoßenen Reformen sind allerdings gescheitert. Das berichten 30 ehemalige Top-Banker (G30) in einem aktuellen Bericht.
  • Der Abwärtstrend der Branche begann demnach schon vor Jahrzehnten.
  • Die Banker fordern, dass moralische Standards in der Branche besser durchgesetzt und Verstöße härter bestraft werden sollen.
Analyse von Claus Hulverscheidt, New York

Zu den vielen Verschwörungstheorien über die vermeintlich böse Finanzwelt gehört jene, die besagt, dass die großen Geldhäuser nach dem Ausbruch der globalen Bankenkrise im Jahr 2008 einfach so weiterwurschteln durften wie zuvor. Ein Blick ins Gesetzblatt oder ins Organigramm der Europäischen Zentralbank (EZB) reicht, um zu sehen, dass das nicht wahr ist. Und doch erwischen die Kritiker die Branche an einem wunden Punkt, denn vielerorts sind die eingeleiteten Reformen versandet, auf halbem Weg stehen geblieben oder wieder in Vergessenheit geraten. Zu diesem Urteil kommt nun auch ein Bericht der "Gruppe der 30" (G 30), der am Donnerstag in New York vorgestellt wurde. Was zunächst wenig originell klingt, ist durchaus eine Besonderheit, denn hinter der G 30 verbergen sich nicht etwa Wissenschaftler, Journalisten oder Globalisierungskritiker, sondern Vertreter der Finanzwelt selbst. Angeführt wird die Gruppe von den ehemaligen Notenbankchefs Jean-Claude Trichet (EZB), Paul Volcker (Fed) und Jacob Frenkel (Bank of Israel). Hinzu kommen frühere Top-Manager wie William Rhodes (Citigroup), David Walker (Barclays) und Gerd Häusler (Bayern-LB)

. Im Fußball spräche man von Altstars. Wie es um die Branche steht, stellen die Insider gleich zu Beginn ihrer rund 80 Seiten umfassenden Analyse klar. "Banken und Bankgeschäfte haben heutzutage einen denkbar schlechten Ruf. Sowohl um das Vertrauen der Kunden als auch um die Ertragskraft ist es schlecht bestellt", heißt es in dem Bericht. Tatsächlich gibt es weltweit keinen Wirtschaftszweig, dessen Ansehen in den letzten Jahren so gelitten hat, wie ein Blick auf das sogenannte Trust Barometer der US-Kommunikationsagentur Edelman zeigt: Galt die Finanzwirtschaft noch 2006 als zweitglaubwürdigste Branche überhaupt, übertroffen nur von der IT-Industrie, liegt sie heute auf dem vorletzten Platz - knapp vor den Medien.

Interessant ist, dass der Abwärtstrend aus Sicht der G 30 schon lange vor der Krise begann. "Das Vertrauen der Menschen erodiert bereits seit zwei Jahrzehnten", so die Experten. Viele Banken betrachteten Kunden demnach zunehmend als Gegenspieler und Spielmasse. Auch nutzten sie ihren Informationsvorsprung gegenüber Bürgern und Unternehmen, um Geschäfte zu deren Lasten und zum eigenen Nutzen zu tätigen. Und schließlich schufen sie aus bloßer Profitgier Produkte, deren Risiken am Ende niemand mehr durchblickte und deren ungebremste Verbreitung sich als fatal für das Weltfinanzsystem erwies.

"Gravierende kulturelle Fehler der Banken waren ein wesentlicher Treiber der jüngsten Finanzkrise", heißt es in dem Bericht. "Sie haben sowohl einzelne Banken als auch die Gesellschaft viel Geld gekostet." Um den Schaden zu reparieren, müssten "die Banken wieder lernen zu dienen - sowohl ihren Kunden bei der Verwirklichung von deren finanziellen Zielen als auch den Gesellschaften und Volkswirtschaften, in denen sie tätig sind."

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Konkret fordern die Experten, dass jede Bank einen individuellen Katalog ihrer moralischen Grundsätze und Prinzipien entwickelt, der für jeden Mitarbeiter verbindlich ist. Diese "kulturellen Kernstandards" sollen vor allem auch in ethischen Grauzonen Wirkung entfalten, in denen feste Regeln versagen und der Gang der Dinge von der Entscheidung des Einzelnen abhängt.

Jeder Verstoß gegen die Prinzipien soll drastisch sanktioniert werden - von der Kürzung oder Streichung des Jahresbonus über Karrierebeschränkungen bis zur Entlassung. "Es muss sichergestellt sein, dass jene, die sich an Fehlverhalten und einer Verletzung der Bankkultur beteiligen, den Preis dafür zahlen", heißt es in dem Bericht. Notwendig sei eine "Null-Toleranz-Politik". Auch die Vorgesetzen des Missetäters bis zum Vorstandschef sowie alle, die wissentlich weggesehen hätten, müssten bestraft werden. Die Durchsetzung ethischer Standards müsse zu einer der Kernaufgaben von Vorstand und Aufsichtsrat werden, denn es gelte: "Der Ton an der Spitze wird ein Echo am Grund hervorrufen."

Trichet und seine Mitstreiter fordern eine Art Rundumschutz für Whistleblower

Doch wie das Beispiel Deutsche Bank gezeigt hat: Der gute Ton an der Spitze allein reicht nicht. Dieser Ansicht ist auch die G 30, denn sie verweist darauf, dass es in vielen Instituten einen Mittelbau gibt, der den Kulturwandel von oben faktisch blockiert. So werde in einzelnen Abteilungen die Ertragsmehrung weiter als alleiniges Erfolgskriterium definiert. In solch einer Umgebung würden veränderungswillige Mitarbeiter ausgebremst. Um das zu verhindern, fordern Trichet und seine Mitstreiter eine Art Rundumschutz für "Whistleblower": Alle Mitarbeiter müssen demnach die Garantie erhalten, dass, wenn sie Fehlverhalten melden, ihre Berichte ernst genommen und vertraulich behandelt werden und keinerlei Repressalien gegen den Überbringer nach sich ziehen.

In Großbanken sollen zudem die 200 bis 400 Top-Manager regelmäßig daraufhin überprüft werden, ob sie die Kernstandards der Bank befolgen und befördern. Zudem müsse die Vermittlung der firmeneigenen Ethikstandards integraler Bestandteil der Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern werden, auch sollten Beschäftigte zwischen normalen Geschäfts- und Aufsichtsposten hin und her wechseln.

Wichtig ist der G 30 allerdings, dass die Banken die Einhaltung der Regeln nicht nur per Strafandrohung erzwingen, sondern die Mitarbeiter durch ein Anreizsystem auch für den Kulturwandel begeistern. Wer die Kernwerte der Bank besonders gut vertrete, müsse dafür "gefeiert" werden. Eine wichtige Rolle komme dabei den Aufsichtsräten zu, die im Übrigen viel öfter auch mit Frauen besetzt sein müssten.

Dies weite die Perspektive. Neben den Banken muss sich aus Sicht der Experten auch die Bankenaufsicht verändern. Zwar lasse sich "Kultur nicht regulieren", auch gebe es keine Art Einheitsgebaren, das auf alle Häuser passe und sich der Branche einfach überstülpen lasse. Die Behörden könnten und müssten jede einzelne Bank aber sehr wohl auf Defizite hinweisen, deren Beseitigung einfordern und Fehlverhalten streng sanktionieren. Allerdings haben nach Überzeugung der Experten auch die Aufseher selbst Nachholbedarf. Viele Kontrolleure hätten es in der Vergangenheit schlicht versäumt, mit der rasanten Entwicklung der Branche Schritt zu halten. Deshalb seien Risiken falsch eingeschätzt worden und Schritte zu deren Beseitigung unterblieben. Für alle Beteiligten gelte, so das Fazit des Berichts: "Es dauert Jahre, um Vertrauen aufzubauen, aber es reicht ein Moment, um es zu zerstören."