EZB pumpt Geld in den Markt Milliardenschweres Konjunkturpaket für Banken

Es sind 529.530.810.000 Euro: Die Banken leihen sich die gigantische Summe von mehr als einer halben Billion Euro von der Europäischen Zentralbank. Die Geldflut schürt auch Inflationsängste. Die Zentralbank versucht mit ihrer umstrittenen Aktion, Banken und Schuldenstaaten gleichermaßen zu helfen. Doch was das Geld bewirkt, ist unklar.

Von Jannis Brühl

Geld muss fließen: Die EZB hat am Mittwoch den Banken 530 Milliarden für gerade mal ein Prozent Zinsen zur Verfügung gestellt. Das Geld müssen sie erst in drei Jahren zurückzahlen.

Das klingt sehr technisch, doch hinter diesen Zahlen verbirgt sich ein besonders radikaler Markteingriff der Europäischen Zentralbank. Er soll sicherstellen, dass der Geldkreislauf weiterhin funktioniert. Denn vor allem Staaten der Euro-Zone kamen in letzter Zeit nur sehr schwierig an Geld: Länder wie Portugal, Spanien und Italien haben in den vergangenen Monaten enorme Zinsen zahlen müssen, Griechenland ist vom Kapitalmarkt faktisch abgeschnitten.

Im Finanzjargon heißt die Operation der EZB Tender. Kurzfristige Tender gibt es häufig, die Banken bekommen ein oder sieben Tage Geld. Bei diesem Angebot verleiht die EZB Geld für drei Jahre, ungewöhnlich lange. Die Banken zahlen für die neuen Kredite den jeweiligen Leitzinssatz, der derzeit sehr niedrig liegt, bei einem Prozent. Verändert die EZB den Satz, zahlen die Banken auch dementsprechend mehr oder weniger.

Die neuen Milliarden, exakt sind es 529.530.810.000 Euro, sollen indirekt in die Krisenstaaten fließen. Der EZB ist es verboten, Staatsanleihen direkt von den Ländern zu kaufen und damit deren Schulden zu finanzieren. Den Banken allerdings darf die Zentralbank Geld leihen - dazu ist sie da, dazu erschafft sie Geld aus dem Nichts.

Der Trick mit dem Tender soll das Verbot der Staatsfinanzierung umgehen. Das Ziel: Die Banken kaufen mit dem neuen Geld Staatsanleihen und drücken so die Kosten, zu denen sich die Staaten refinanzieren. Weil die Zinsen, die kriselnde Staaten auf ihre Staatsanleihen bieten müssen, wesentlich höher sind als der Zinssatz der EZB, können die Banken dabei ordentlich verdienen - wenn sie bereit sind, das Risiko einzugehen. Diese Deals heißen im Jargon der Händler Sarko-Trades, weil Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sie als Mittel gegen die Krise empfohlen hatte.

Bereits im Dezember, kurz vor Weihnachten, gab es einen Mega-Tender der EZB, den ersten überhaupt. Damals schlugen 523 Banken zu und nahmen 489 Milliarden mit. Diesmal sind es 800 Institute, und ein paar Milliarden mehr. Damit erhöht sich das Risiko für die EZB und damit für den Steuerzahler weiter, falls eine Bank im Strudel der Schuldenkrise pleitegeht und auch den sehr günstigen Kredit nicht mehr zurückzahlen kann.

Welche Institute sich bei der EZB bedient haben, verrät die Zentralbank nicht. Diese Geheimniskrämerei kritisierte der finanzpolitische Sprecher der Grünen, Gerhard Schick, im Deutschlandfunk: "Wenn sie für ein Prozent Geld bekommen und es dann für vier oder fünf Prozent in Staatsanleihen anlegen können, dann ist das eine direkte Bankenhilfe. Das muss offengelegt werden, welche Bank wie viel davon profitiert."

Die Erfahrung aus dem Dezember-Tender zeigt: Die Banken werden das Geld auch für die eigene Sicherheit nutzen, und nicht nur in Staatsanleihen investieren. Manchen Geldhäusern ist das Risiko in der Schuldenkrise weiterhin zu groß. Sie bunkern ihr Geld in der sogenannten Angstkasse der EZB. Sie legen also ihr frisches Geld zu niedrigen Zinsen sicher bei der Zentralbank an - und bringen es damit dorthin, wo es hergekommen ist. Andere Banken wiederum zahlen mit dem Geld eigene Schulden ab.

Die Banken fürchten, dass der Tender der letzte dieser Größe sein könnte und die EZB sich in Zukunft wieder zurückhalten werde, nachdem sie nun in den beiden Sonderaktionen insgesamt mehr als eine Billion Euro in die Märkte gepumpt hat. Innerhalb der EZB ist die Strategie auch umstritten: Bundesbankpräsident Jens Weidmann hatte den Tender vom Dezember kritisiert. Die EZB müsse aufpassen, sagte er, ihr eigentliches Mandat nicht aus den Augen zu verlieren: die Inflation unter Kontrolle zu halten.

Auch außerhalb der EZB gibt es Kritiker, die vor einer höheren Inflation warnen. Obwohl das Geld zu diesen günstigen Konditionen den Banken zugutekommt, warnt etwa der deutsche Bankenverband: Die EZB müsse die Liquiditätsversorgung sofort drosseln, sobald die Kreditvergabe der Banken im Euro-Raum wieder stärker zunehme.

Doch nicht jeder Euro, der beim Tender verliehen wird, kommt auch zusätzlich im Geldkreislauf an. Netto sieht die Milliardenzahl schon viel kleiner aus: Von den 500 Milliarden Euro aus dem Dezember-Tender bleiben faktisch nur 200 Milliarden als Zusatz. Denn laut EZB haben die Banken in den Wochen nach dem ersten Tender 300 Milliarden Euro weniger geliehen als üblich.

Etwa nur die Hälfte der 530 Milliarden werden wohl netto in die Finanzwelt fließen, lauten erste Schätzungen. Ein Geldmarkt-Händler nannte der Nachrichtenagentur Reuters 275 Milliarden, der Wirtschaftsblogger Egghat kommt auf 272 Milliarden Euro.

Linktipp: Die Neue Zürcher Zeitung hat Mythen rund um den Dreijahres-Tender analysiert und widerlegt.

Mit Material von Reuters