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Ernährung:Deutschland - die günstigste Landwirtschaft in ganz Europa

Dass gerade die Deutschen Geiz besonders geil finden, hat aber noch einen anderen Grund. Die Bundesrepublik ist die Heimat von Aldi, das Konzept des Discounters wurde hier für Europa erfunden. Da Lebensmittel Produkte sind, die immer gekauft werden, wurden sie von den Discountern gerne billig angeboten. So sollten Kunden angelockt werden. Deutschland ist seitdem führend beim Geschäft der Discounter, ein Drittel der Menschen kauft dort tagtäglich ein. Wie stark die Macht der Billig-Märkte ist, musste auch Walmart erfahren. Weltweit einer der umsatzstärksten Billigmarkt-Ketten, ging der US-Gigant hierzulande baden. Weil er sich nicht gegen die heimische Konkurrenz durchsetzen konnte, gab Walmart das Deutschland-Geschäft 2006 nach mehr als zehn Jahren entnervt auf.

Der Agrarindustrie der Republik ist so etwas gelungen, was im Land von Dichtern und Denkern, von Premiumprodukten und Made in Germany erstaunt: Sie ist die günstigste Landwirtschaft in ganz Europa. Der Stolz darauf prägt auch die Politik der Agrarlobby, die sich weiterhin an niedrigsten Preisen orientiert. Es ist die Butterkäse-vs.-Roquefort-Strategie: Der Käse, den Deutschland exportiert, kostet nur ein Drittel des Käses, der aus Frankreich, Italien oder anderen Ländern importiert wird.

Schweden ist einen anderen Weg gegangen

Dass Deutschland so günstig produzieren kann, liegt vor allem an den weiterverarbeitenden Betrieben wie Großschlachtereien und Molkereien. Sie haben bei den Bauern von jeher Preise durchsetzen können, die auch international konkurrenzfähig sind. Und die Bauern haben ihrerseits gut verdient, solange ihre Abnehmer expandierten. Doch nun, da Märkte wie Russland oder China wegbrechen, bricht auch dieses System zusammen. "Die Preise an den Weltmärkten sind zurzeit weit niedriger als die Kosten der Produktion in Deutschland", sagt der Betriebswirt Jürgen Heinrich. Würden keine Subventionen mehr gezahlt, wären in Deutschland mittelfristig nur noch große Agrarfabriken möglich. Weizen, Roggen, so etwas. Jegliche Form der Tierhaltung, die wesentlich aufwendiger ist, könnte sich bei den Preisen kein Bauer leisten. "Aber ist das die Zukunft, die wir wollen?", fragt Heinrich.

Die Debatten über Fleisch- und Milchpreise, über das Wohl der Tiere haben jedenfalls etwas in Bewegung gebracht. Gelten die Deutschen bei Lebensmitteln als unverbesserliche Schnäppchenjäger, macht eine Studie der Georg-August-Universität in Göttingen Hoffnung. Die Menschen schauten demnach inzwischen wesentlich kritischer auf die Arbeitsbedingungen der Bauern. "Die Leute haben eine große Sympathie für die Landwirtschaft", sagt Achim Spiller, Professor an der Fakultät für Agrarwissenschaften. Die niedrigen Preise bei Milch und beim Fleisch "erzeugten zunehmend ein Störgefühl". Dass dies auch praktische Auswirkungen hat, macht Spiller an den geänderten Einkaufsgewohnheiten fest: So liegen Bio- oder Heumilch und ähnliche teurere Produkte inzwischen bei 40 Prozent des Milchabsatzes.

Schweden ist einen anderen Weg gegangen: Dort kann jeder Kunde an der Kasse entscheiden, ob er zusätzlich zehn Cent für die Bauern zahlen möchte. Zwei Drittel der Schweden entrichten den Obolus.

© SZ vom 31.05.2016/jps

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