Süddeutsche Zeitung

Ernährung:Den Deutschen können Lebensmittel nicht billig genug sein

  • In Deutschland sind Lebensmittel besonders günstig. Und die Kunden gelten als Schnäppchenjäger.
  • Das hat auch mit den weiterverarbeitenden Betrieben zu tun, die besonders billig produzieren.
  • Auch wenn die Nachfrage nach billigen Lebensmitteln weiter hoch ist: Die Debatten über Fleisch- und Milchpreise haben etwas in Bewegung gebracht.

Frühling für Frühling ist ein Wunder zu beobachten. Kaum neigt sich der April dem Ende zu, sind die Deutschen tatsächlich bereit, sechs, sieben, auch acht Euro für ein Kilo Gemüse zu bezahlen. Dann bricht die Spargelzeit an und das "königlich" genannte Gestänge schafft es Jahr für Jahr, sich teuer bezahlen zu lassen. Ähnlich ist es mit den Kirschen, ab Juni sind sie nur für viel Geld zu erstehen. Und werden auch gekauft.

Das ist ein Wunder, weil "die Leute sich eigentlich nicht mehr dafür interessieren, wie die Lebensmittel entstehen", sagt Peter Sutor, Leiter des Instituts für Ernährungswirtschaft in München. Beim Spargel, bei Kirschen, auch bei Erdbeeren legten sie aber noch Wert darauf, woher diese kommen, wann ihre Saison angebrochen ist. "Die sind den Leuten noch etwas wert", sagt Sutor.

Die meisten anderen Lebensmittel können den Deutschen dagegen nicht billig genug sein. Schweinebraten - das Kilo wird derzeit bei einem Discounter für 2,99 Euro angeboten; ein Liter Milch, der aktuell so viel kostet wie ein paar Brausebonbons; frische Eier, für die 2016 genauso viel bezahlt werden muss wie 1970; ein Kilo Kartoffeln für einen Euro. Tatsächlich sind die Deutschen bereits fast Europameister - zumindest, wenn es darum geht, möglichst wenig Geld fürs Essen auszugeben. Etwas mehr als zehn Prozent des Einkommens gehen im Durchschnitt dafür drauf, nur Briten und Österreicher zahlen weniger.

Das Land von Aldi und Co

Mitte des 19. Jahrhunderts mussten noch mehr als 60 Prozent der Einkünfte für die Überlebensmittel aufgewendet werden, in den 1960er-Jahren waren es immerhin noch knapp 40 Prozent. Umgekehrt gerechnet musste der Durchschnittsdeutsche 1960 38 Minuten für ein halbes Pfund Butter arbeiten, heute sind es fünf Minuten. Ein Liter Milch musste einem einst zehn Minuten der Arbeitszeit wert sein; jetzt sind es weniger als zwei. Ein Zustand, den Jürgen Heinrich, Betriebswirt am Institut für Ernährungswissenschaften in Halle, knapp kommentiert: "Das ist obszön".

Es markiert den vorläufigen Endpunkt einer Entwicklung, die mit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft Ende der 1950er-Jahre begann. Unter dem Eindruck der dürren Nachkriegszeit schrieben die Mitgliedsländer in ihren Statuten fest, dass die Ernährung gesichert sein müsse - zu günstigen Preisen. Mit zunehmendem Wohlstand mutierte die Billigpreis-Strategie immer mehr auch zur Industriepolitik: Je weniger die Europäer für Essen und Trinken ausgeben mussten, desto mehr Geld hatten sie für Waschmaschinen, für Autos und Urlaube übrig. So hätten sich die Europäer an die niedrigen Preise für Lebensmittel gewöhnt, sagt Heinrich: "Das war ein Erziehungsprozess." Die Aufnahme der eher rückständigen Länder Osteuropas in die EU verhinderte dann in den vergangenen Jahren, dass diese Politik geändert wurde.

Deutschland - die günstigste Landwirtschaft in ganz Europa

Dass gerade die Deutschen Geiz besonders geil finden, hat aber noch einen anderen Grund. Die Bundesrepublik ist die Heimat von Aldi, das Konzept des Discounters wurde hier für Europa erfunden. Da Lebensmittel Produkte sind, die immer gekauft werden, wurden sie von den Discountern gerne billig angeboten. So sollten Kunden angelockt werden. Deutschland ist seitdem führend beim Geschäft der Discounter, ein Drittel der Menschen kauft dort tagtäglich ein. Wie stark die Macht der Billig-Märkte ist, musste auch Walmart erfahren. Weltweit einer der umsatzstärksten Billigmarkt-Ketten, ging der US-Gigant hierzulande baden. Weil er sich nicht gegen die heimische Konkurrenz durchsetzen konnte, gab Walmart das Deutschland-Geschäft 2006 nach mehr als zehn Jahren entnervt auf.

Der Agrarindustrie der Republik ist so etwas gelungen, was im Land von Dichtern und Denkern, von Premiumprodukten und Made in Germany erstaunt: Sie ist die günstigste Landwirtschaft in ganz Europa. Der Stolz darauf prägt auch die Politik der Agrarlobby, die sich weiterhin an niedrigsten Preisen orientiert. Es ist die Butterkäse-vs.-Roquefort-Strategie: Der Käse, den Deutschland exportiert, kostet nur ein Drittel des Käses, der aus Frankreich, Italien oder anderen Ländern importiert wird.

Schweden ist einen anderen Weg gegangen

Dass Deutschland so günstig produzieren kann, liegt vor allem an den weiterverarbeitenden Betrieben wie Großschlachtereien und Molkereien. Sie haben bei den Bauern von jeher Preise durchsetzen können, die auch international konkurrenzfähig sind. Und die Bauern haben ihrerseits gut verdient, solange ihre Abnehmer expandierten. Doch nun, da Märkte wie Russland oder China wegbrechen, bricht auch dieses System zusammen. "Die Preise an den Weltmärkten sind zurzeit weit niedriger als die Kosten der Produktion in Deutschland", sagt der Betriebswirt Jürgen Heinrich. Würden keine Subventionen mehr gezahlt, wären in Deutschland mittelfristig nur noch große Agrarfabriken möglich. Weizen, Roggen, so etwas. Jegliche Form der Tierhaltung, die wesentlich aufwendiger ist, könnte sich bei den Preisen kein Bauer leisten. "Aber ist das die Zukunft, die wir wollen?", fragt Heinrich.

Die Debatten über Fleisch- und Milchpreise, über das Wohl der Tiere haben jedenfalls etwas in Bewegung gebracht. Gelten die Deutschen bei Lebensmitteln als unverbesserliche Schnäppchenjäger, macht eine Studie der Georg-August-Universität in Göttingen Hoffnung. Die Menschen schauten demnach inzwischen wesentlich kritischer auf die Arbeitsbedingungen der Bauern. "Die Leute haben eine große Sympathie für die Landwirtschaft", sagt Achim Spiller, Professor an der Fakultät für Agrarwissenschaften. Die niedrigen Preise bei Milch und beim Fleisch "erzeugten zunehmend ein Störgefühl". Dass dies auch praktische Auswirkungen hat, macht Spiller an den geänderten Einkaufsgewohnheiten fest: So liegen Bio- oder Heumilch und ähnliche teurere Produkte inzwischen bei 40 Prozent des Milchabsatzes.

Schweden ist einen anderen Weg gegangen: Dort kann jeder Kunde an der Kasse entscheiden, ob er zusätzlich zehn Cent für die Bauern zahlen möchte. Zwei Drittel der Schweden entrichten den Obolus.

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SZ vom 31.05.2016/jps
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