Dubiose Atomgeschäfte:EnBW-Spitze gerät in Russland-Affäre in Bedrängnis

Lesezeit: 4 min

Kernkraftwerk Obrigheim

Das Kernkraftwerk Obrigheim im Jahr 2005. 

(Foto: REUTERS)

Wende in der Affäre um dubiose Atomgeschäfte: Nun gerät nach SZ-Informationen auch die EnBW-Spitze unter Druck. Ein Schiedsgericht wirft dem Vorstand vor, von Deals mit dem Moskauer Lobbyisten Bykow gewusst zu haben.

Von Markus Balser und Uwe Ritzer

Der Auftrag war vage, die Bezahlung jedoch fürstlich. Der Vertrag, den im Oktober 2006 eine Tochter des Energieriesen EnBW mit dem Moskauer Lobbyisten Andrej Bykow schloss, dürfte in der deutschen Wirtschaft einmalig sein. Satte 46,5 Millionen Euro versprach der Konzern für Dienstleistungen rund um den Rückbau seines Atomkraftwerks in Obrigheim.

Was genau der Russe dafür tun sollte, beschrieb der Vertrag nur ungefähr. Das Geld floss allerdings schon binnen weniger Wochen. Sicherheiten? Verbindliche Fristen? Garantien? Fehlanzeige. Was bewegt einen Milliardenkonzern, der seine Kunden bei 20 Euro Zahlungsrückstand eher schnell mahnt, so viele Millionen beim Risiko des Totalverlusts sofort zu überweisen?

Dieser und andere geheimnisvolle Deals mit Bykow haben EnBW längst in eine schwere Krise gestürzt. Bislang tat die Konzernspitze so, als hätten untergeordnete Chargen im eigenen Haus missgewirtschaftet, Dinge, die man nun eben aufklären müsse. Doch beim 46,5-Millionen-Euro-Vertrag aus dem Jahr 2006 führen nach Informationen der Süddeutschen Zeitung erstmals Spuren ganz nach oben - in den Vorstand der EnBW AG. In diese Richtung weist ein bisher nicht bekannter Spruch eines Berliner Schiedsgerichts aus der vergangenen Woche. Er führt tief hinein in abenteuerliche Vorgänge bei EnBW.

Hochsensible Geschäfte mit Andrej Bykow

Es sind durchweg hochsensible Geschäfte mit Andrej Bykow, die nun scheibchenweise bekannt werden: Geheim gehaltene Lieferungen von Uran aus russischen Militärbeständen, der Rückbau von Kernkraftwerken mit russischen Partnern, Abwehrsysteme gegen Nuklearterror - der schillernde russische Geschäftsmann war eine Art Mädchen für alles. Geld floss immer reichlich. Insgesamt rund 220 Millionen Euro überwies EnBW an Bykows Firmengeflecht, das in der Schweiz angesiedelt ist.

Wofür? Das fragt sich nicht nur die Mannheimer Staatsanwaltschaft. Bykow sagt, er habe einen Teil der Millionen ausgegeben, um russische Entscheider für EnBW-Geschäfte gewogen zu machen. Deutsche Fahnder wittern Korruption.

Der Karlsruher Konzern weist den Verdacht von Korruption und Scheinverträgen weit von sich, tut sich ansonsten mit Antworten schwer und startete stattdessen allerhand Gegenangriffe. Drei Ex-Manager und der amtierende Vorstand Hans-Josef Zimmer wurden auf 220 Millionen Euro Regress verklagt. Das Quartett soll die Bykow-Verträge eigenmächtig abgeschlossen - oder nicht hart genug hinterfragt haben. Die Prozesse werden Jahre dauern. Von Bykow forderte EnBW 130 Millionen Euro zurück, für die er keine Gegenleistung erbracht habe, sagen die EnBW-Juristen. Drei Schiedsgerichtsverfahren wurden angezettelt, deren Bilanz für den Konzern beschämend ist: 24,5 Millionen Euro muss der Russe zurückzahlen, rund 100 Millionen darf er behalten.

Ein Desaster, bei dem die Konzernspitze bislang ihre Hände in Unschuld wusch. Nun allerdings könnte die Affäre auch die Chefetage erreichen.

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