Ungleichheit durch Digitalisierung:"Ein Warnschuss"

Ungleichheit durch Digitalisierung: Glücklich die Schülerin, der während des Lockdowns alles Nötige zur Verfügung steht fürs Lernen zu Hause.

Glücklich die Schülerin, der während des Lockdowns alles Nötige zur Verfügung steht fürs Lernen zu Hause.

(Foto: Stefan Puchner/dpa)

Die Corona-Krise pusht die Digitalisierung. Aber zwei Drittel der Deutschen sehen die Ungleichheit wachsen. Das Geld wäre da, dies zu ändern - aber es wird nicht ausgegeben.

Von Marc Beise, München

Dass die Corona-Krise die Digitalisierung in Deutschland schneller vorantreibt, als das vor der Pandemie der Fall war, ist vielfach belegt: Die Technik für Heimarbeit verbreitet sich im Rekordtempo, in vielen Unternehmen laufen Digitalisierungsprozesse, für Schüler und Lehrer wird das Lernen via Bildschirm zur Gewohnheit. Aber nimmt die fortschreitende Digitalisierung alle Bürger mit, und werden jene mit knappem Geld, mangelnder Bildung und schlechterer technischer Ausstattung abgehängt? Eine repräsentative Umfrage des Civey-Instituts zeigt, dass zwei Drittel der Deutschen genau das glauben.

66 Prozent der Befragten sagen, dass die neuen digitalen Möglichkeiten mit Home-Office und Homeschooling in den vergangenen Monaten zu ungleichen Chancen geführt haben. Von mehr Gleichheit sprechen nur 13 Prozent. "Dieses Ergebnis ist ein Warnschuss", sagt dazu Uwe Peter, Deutschland-Chef des Netzwerkausrüsters Cisco, der die Umfrage in Auftrag gegeben hat.

Der US-Konzern aus dem Silicon Valley stattet weltweit und eben auch in Deutschland Unternehmen, aber auch Behörden mit digitaler Technik aus. Das Ergebnis der Umfrage hat Peter selbst so nicht erwartet, sagt er, beobachtet er doch bei seinen Kunden ein massiv gesteigertes Interesse an digitaler Aufrüstung. Er berichtet von Unternehmen, aber auch von Krankenhäusern und Schulen, die gewaltige Fortschritte gemacht haben.

Dass dennoch die Bürger mehrheitlich so schlecht über die digitale Chancengleichheit in Deutschland urteilen, ist für ihn ein "Weckruf an die Politik", die jetzt rasch reagieren müsse. "Digitalisierung darf kein Elitenprojekt sein - sie muss gleiche Chancen für alle schaffen", fordert der Cisco-Chef: "Eine solche Spaltung zeichnet sich aber immer stärker ab, auch wenn wir mit dem Online-Zugangsgesetz eine gute Grundlage haben." So fühlen sich sechs von zehn Befragten beim Zugang zu digitalen Angeboten nicht auf dem neuesten Stand. Besonders in den Bereichen Behörden und Verwaltung (38 Prozent), Bildung (35 Prozent) und Gesundheitswesen (23 Prozent) hätten sich die Deutschen in den vergangenen Monaten konkret bessere Angebote gewünscht.

Bildung ist der Lackmustest

Vor allem im Bereich Bildung kann Technologie viel zur Chancengleichheit beitragen, meinen 52 Prozent der Befragten - einsamer Spitzenwert. Weit dahinter erst folgen Behörden und Verwaltung (24 Prozent) und die Arbeitswelt. Für Peter ist "Bildung aktuell der Lackmustest für den Erfolg unserer Digitalisierungs-Anstrengungen. Hier zeigt sich exemplarisch, dass Digitalisierung nur erfolgreich ist, wenn viele Bereiche und Akteure konstruktiv zusammenwirken."

Peter berichtet von bemerkenswerten Initiativen. Er nennt das Anton Bruckner Gymnasium in Straubing, das innerhalb von einer Woche auf virtuellen Unterricht umgestellt hat. Bremen rüstet gerade alle seine Schulen mit moderner IT aus, um so Distanzunterricht zu ermöglichen. In Bayern wurden 60 000 Lehrkräfte innerhalb von zwei Tagen entsprechend fortgebildet. Und Baden-Württemberg hat mit der Schulcloud BW die Voraussetzung für digitales Lernen an allen Schulen geschaffen. Peter: "Das ist viel mehr als früher, und es geht viel schneller. Aber es ginge mehr - und das Geld ist ja da."

Schon vor dem Auftauchen des Coronavirus hatte der Bund im Digitalpakt bis 2024 fünf Milliarden Euro bewilligt, in der Folge der pandemiebedingten Schulschließungen wurde die Summe 2020 um weitere 1,5 Milliarden aufgestockt speziell für die IT-Administration, für Werkzeuge zur Erstellung von digitalen Inhalten sowie ausleihbare schulische mobile Endgeräte für Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte. Länder bzw. Schulträger wollen nochmals zehn Prozent dazugeben - macht insgesamt mehr als sieben Milliarden Euro.

Aber: Nach zwei Jahren sind nur 916 Millionen Euro bewilligt, abgeflossen ist noch weniger - also nur ein Bruchteil der Summe, die der Bund den Ländern zur Verfügung gestellt hat. Am Geld, wie gesagt, liegt es also nicht. Sondern an unzähligen Vorschriften und Abstimmungsprozessen.

Das ist fahrlässig angesichts der stetig wachsenden Bedeutung der Digitalisierung für die Wettbewerbsfähigkeit der Staaten. Im Weltrisikobericht des Weltwirtschaftsforums in Genf ist die Digitalisierung jetzt erstmals unter die Top-5-Anforderungen an die Staaten aufgenommen worden, um auch in Krisenzeiten stabil zu bleiben.

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