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Dieselskandal:Die Empörung der Politiker über Schadstofftests ist wohlfeil

Wieder zeigt sich, wie zynisch und selbstherrlich die Autoindustrie ist. Doch die, die jetzt entrüstet tun, haben selbst dazu beigetragen.

Kommentar von Jan Heidtmann

Natürlich ist die Empörung jetzt groß. Offenbar wurde an Affen und dann auch an Menschen getestet, wie sich bestimmte Mengen an Abgasen beziehungsweise Schadstoffen auswirken. Es ist eine weitere Wendung in dem an Ungeheuerlichkeiten reichen Dieselskandal. Gefördert und finanziert wurden die Tests von einer pseudowissenschaftlichen Vereinigung, die von den Großen in der deutschen Autoindustrie getragen wurde. Dabei sind die Auswirkungen von Stickoxid hinlänglich bekannt: Es ist ein Gift, das krank macht und töten kann.

Doch das Ziel der Tests war nicht etwa, die Gefährlichkeit von Stickoxiden zu untersuchen, sondern Stoff für eine Marketing-Kampagne zum "Clean Diesel", zum sauberen Diesel, zu liefern. Das macht diese Versuche am lebendigen Objekt umso zynischer. Trotzdem ist die Entrüstung, die Politiker und Automanager jetzt vortragen, wohlfeil.

Realitätsverlust einer Branche

Seit drei Jahren läuft der Dieselskandal nun und wenn er eines gezeigt hat, dann ist es die Selbstherrlichkeit der Autoindustrie. Wo die Welt nicht so war, wie sie die Unternehmer gerne hätten, da wurde sie eben geschönt: mit Abgastests im Labor, mit sogenannten Thermofenstern, die mehr Ausstoß im Winter zuließen, mit Begriffen wie "Blue Efficiency". Und ein Vertreter des Verbands der Automobilindustrie durfte öffentlich behaupten, "dass ein moderner Diesel in vielen Situationen sozusagen die Luft reinigt".

Gestützt und gefördert wurden die Autobauer von der Politik. Nur so ist der Realitätsverlust einer ganzen Branche zu erklären. Und bis jetzt traut sich kaum ein Politiker an die Unternehmen heran: Die Arbeit einer Expertengruppe der Bundesregierung endete unlängst mit einem Eklat. Zu deutlich war die Handschrift der Autoindustrie in den Empfehlungen zu erkennen.

Politik und Industrie machen durch ihr Nichtstun tagtäglich Zehntausende Anwohner zu Probanden; an den Hauptstraßen und Kreuzungen vieler Großstädte sind sie Stickoxidmengen weit über den zulässigen Grenzwerten ausgesetzt. Wenn die populäre Empörung über Versuche an Affen und Menschen daran jetzt etwas ändert, dann hätten sich die Tests fast gelohnt.

© SZ.de/kjan/jps
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