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Die Recherche zu Arbeit:Zum Leben zu wenig

Stattdessen reise ich durch ganz Deutschland und mittlerweise auch ins Ausland, um für miese Honorare Vorträge über feministische Gesellschaftspolitik, Aktivismus und Gewalt im Netz zu halten. Ich darf neben Hartz IV 100 Euro pro Monat dazuverdienen, von jedem weiteren Euro darf ich 20 Prozent behalten. Nach zwei Jahren Vortragserfahrung bekomme ich langsam ein Gefühl dafür, was meine Arbeit wert ist. Ich korrigiere meine Honorare vorsichtig nach oben, um mich nicht unter Wert zu verkaufen und anderen nicht den Markt kaputt zu machen.

Aber ich verdiene trotzdem zu wenig, um davon leben zu können, und muss am Ende nur mehr ans Jobcenter abgeben. Wenn ich dann am Wochenende zur Hochzeit einer Freundin am anderen Ende Deutschlands oder über die Weihnachtstage zu meinen Eltern fahren möchte, muss ich einen Antrag stellen und mich, sobald ich zurück bin, persönlich beim Jobcenter melden. Als "Kundin" dort stehen mir nur 30 Tage "Ortsabwesenheit" im Jahr zu - Wochenenden und Feiertage eingeschlossen.

Mit den 100 Euro, die ich monatlich dazuverdienen darf, zahle ich den Teil meiner Miete, der aus bürokratischen Gründen nicht komplett vom Jobcenter übernommen wird. Da ist selten Geld übrig, um nach einem Vortrag mit den Auftraggebern noch was trinken zu gehen und dabei vielleicht den nächsten Auftrag zu bekommen.

Zukunft der Arbeit Ausbeutung statt Arbeit?
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Neues Recherche-Thema

Ausbeutung statt Arbeit?

Das neue Thema unseres Projekts Die Recherche steht fest. Die SZ-Leser wollen wissen, wie gerecht es in deutschen Fabriken und Büros zugeht. Oder ob wir uns im Job ausbeuten lassen. Und vor allem: Was sich ändern muss.   Von Sabrina Ebitsch

Lernen, wie man einen Computer einschaltet

Ich kann verstehen, wenn Menschen sich vom Jobcenter ungerecht behandelt oder alleingelassen fühlen. Als ich meinen ersten Antrag nach SGB II, also auf Hartz IV, stellte, wurde ich direkt in einen zweitägigen Bewerbungskurs gesteckt: Wir sollten lernen, wie die Jobsuchmaschine der Arbeitsagentur funktioniert. Die funktioniert wie jede andere Jobsuchmaschine auch und wer sich regelmäßig im Internet bewegt, kann eigentlich wenig falsch machen.

Ich bin eine der Initiatorinnen des Hashtags #aufschrei, der mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde; ich leite Social-Media-Workshops und diskutiere auf Podien unter anderem über Onlinekommunikation. Meine Vorerfahrungen wurden aber nicht berücksichtigt bei der Auswahl des Kurses, den zu besuchen ich verpflichtet war. Also starrte ich zwei Tage lang auf einen Bildschirm, während der Großteil der Kursteilnehmer lernte, wie der Computer eingeschaltet wurde.

Ich habe in einem Alter mein Studium abgeschlossen, in dem andere nicht wissen, was sie überhaupt studieren sollen. In dem wieder andere schon die Hände von Mamis Vorgesetzten geschüttelt haben oder mit wichtigen Leuten Kaffee trinken gehen, weil sie schon als Kinder auf deren Schoß gesessen haben. Ich bin kein Akademikerkind und so fehlt mir das Wichtigste, um erfolgreich zu sein: gute Beziehungen.

Der Gedanke, dass wir alles schaffen können, wenn wir uns nur anstrengen, ist ein neokapitalistisches Märchen. Er blendet aus, dass Menschen unterschiedliche Startpositionen haben und welche Diskriminierungsstrukturen es gibt.

Um im Berufsleben erfolgreich zu sein, spielen informelle Kriterien eine große Rolle: Wer sich souverän in akademischen Kreisen bewegt, kommt besser an als Menschen, die dort neu sind. Was mir und anderen in ähnlichen Situationen fehlt, ist nicht der Wille - es sind Netzwerke, Wissen über soziale Codes und positive Erfahrungen. Ich habe keine Ahnung, wie andere berufliche Kontakte knüpfen und wie ich mich auf Veranstaltungen verhalten soll, auf denen Leute mit Sektglas in der Hand herumstehen. Wer aus einer nicht akademischen Familie den Weg an die Uni fand, kennt das Gefühl, nicht dazuzugehören.

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