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Deutsche Wirtschaft sucht Arbeitskräfte:Nachfrage ungleich Angebot

Eine Million offene Stellen und drei Millionen Arbeitslose - die Situation ist paradox: Viele Firmen suchen Mitarbeiter, doch sie finden nicht die richtigen Fachkräfte. Die Lücke lässt sich schwer schließen.

Es geht um einen Rekord, von dem viele Bürger bislang noch nie etwas gehört haben dürften. Die deutsche Wirtschaft sucht nach Arbeitskräften wie seit langem nicht mehr. Gut eine Million Arbeitsplätze sind derzeit unbesetzt.

FDP signalisiert Kompromissbereitschaft bei Zeitarbeit

Dank des Aufschwungs suchen viele Firmen Mitarbeiter. Doch sie finden häufig nicht die richtigen.

(Foto: dpa)

Der Stellenindex der Bundesagentur für Arbeit, sozusagen der amtliche Indikator für die Nachfrage nach Arbeitskräften, erreichte im Juni einen Höchststand. Hinter der guten Nachricht steckt aber auch eine schlechte: In einzelnen Berufen und Regionen wird es auf Grund des zunehmenden Fachkräftemangels immer schwerer, die freien Stellen zu besetzen.

Die Situation erscheint paradox: Wie kann es sein, dass sich bei knapp drei Millionen Arbeitslosen so viele Unternehmen oft monatelang vergeblich um einen geeigneten neuen Mitarbeiter bemühen? Fachleute nennen dieses Phänomen "mismatch". Salopp übersetzt könnte man dafür "passt nicht" sagen, Angebot und Nachfrage stimmen nicht überein.

Alexander Wilhelm, Arbeitsmarktexperte der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), sieht dafür vor allem zwei Gründe: "In den Unternehmen gibt es einen großen Bedarf an Fachkräften. Mehr als 40 Prozent der Arbeitslosen haben aber keine Berufsausbildung, und ein Großteil davon nicht einmal einen Schulabschluss." Diese Menschen müssten zunächst für den Arbeitsmarkt "fit gemacht werden".

"Flächendeckender Fachkräftemangel"

Hinzu kommt: Angebot und Nachfrage sind unterschiedlich verteilt. "Arbeitslose gibt es vor allem in Nord- und Ostdeutschland. Die offenen Stellen konzentrieren sich dagegen auf den Süden und Südwesten", sagt Wilhelm.

Es passt nicht, heißt es deshalb auch bei den Gesundheits- und Pflegeberufen. Hier sieht die Bundesagentur für Arbeit (BA) inzwischen einen "flächendeckenden Fachkräftemangel". So stehen Pflegekräfte auf der Liste der zehn Berufsgruppen, für die es am meisten offene Stellen gibt. 25.000 Altenpfleger, Erzieherinnen und Sozialarbeiter wurden im Juni über die BA gesucht. Zugleich waren jedoch zum Beispiel 48.700 Altenpfleger arbeitslos.

Offene Stellen in schechtbezahlten Metiers

BDA-Experte Wilhelm führt dies auch auf die fehlende Qualifikation zurück. "Gesucht werden examinierte Fachkräfte, viele Erwerbslose sind das als Altenpflegehelfer allerdings nicht." Das dürfte nicht das einzige Problem sein: In Branchen, die bekannt sind für eine eher schlechte Bezahlung und miese Arbeitsbedingungen, haben die Arbeitgeber es besonders schwer, offene Stellen zu besetzen. So stehen auf der Liste der zehn Berufsgruppen, für die es die meisten offenen Jobs gibt, auch Verkäufer, Krankenschwestern, Kellner oder Kraftfahrer.

Die Zahlen der BA zeigen allerdings nur die halbe Wahrheit. Bei der Suche nach neuen Mitarbeitern verzichten viele Arbeitgeber auf amtliche Hilfe. Von den etwa 1,05 Millionen offenen Stellen, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung errechnet hat, sind knapp 480.000 bei der Nürnberger BA verzeichnet.

Vor allem wenn es um Mitarbeiter mit besonderen Fachkenntnissen oder um Führungspositionen geht, suchen die Firmen lieber selbst, schalten Personalvermittler oder Headhunter ein. Bei weniger qualifizierten Jobs ist dagegen die Bundesagentur gefragt.

Jede dritte Annonce eine Zeitarbeitsfirma

Dies könnte auch ein Grund dafür sein, dass etwa ein Drittel der bei der BA gemeldeten offenen Stellen Jobangebote von Zeitarbeitsfirmen sind, die nach Angaben des Interessenverbands der Branche nach wie vor die "erste Anlaufstelle für ungelernte Hilfskräfte" sind.

Es gibt aber auch andere Erklärungsmodelle für den Boom der Zeit- beziehungsweise Leiharbeit, die im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte des Beschäftigungszuwachses ausmachte: "Den Unternehmen fehlt noch das Vertrauen darauf, dass die Auftragslage dauerhaft stabil bleibt", sagt eine Sprecherin der Bundesagentur. Die Firmen würden noch zu viele Risiken sehen. Sie scheuen daher Festanstellungen und beauftragen lieber Zeitarbeitsunternehmen.

Jutta Krellmann, Sprecherin für die Themen Arbeit und Mitbestimmung bei der Linken-Fraktion im Bundestag, warnt dagegen vor einem Missbrauch der Leiharbeit. Sie hat die Bundesregierung bereits zweimal nach dem Anteil der Leiharbeit an den offenen Stellen gefragt. Das Ergebnis, das das Bundesarbeitsministerium nun vorlegte, hält sie für "erschreckend". So erhöhte sich der Anteil der Leiharbeit an den offenen Jobs innerhalb von einem Jahr von 30,6 auf 34,4 Prozent im Juni 2011.

Krellmann sagt deshalb, dass auch nach der Gesetzesreform durch Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) "Leiharbeit ein lukratives Geschäft mit dem Lohndumping" geblieben sei.

Unternehmerisches Risiko verlagert

Beate Müller-Gemmeke, Sprecherin für Arbeitnehmerrechte bei den Grünen, stimmt zu: Die Unternehmen verlagerten verstärkt "das unternehmerische Risiko auf die Leiharbeitskräfte, die zu Beschäftigten zweiter Klasse werden", kritisiert die Abgeordnete. Dies habe mit dem ursprünglichen Ziel, durch Leiharbeit Auftragsspitzen abzufedern, nichts mehr zu tun.

Egal ob es um Leiharbeit oder andere Branchen geht - hält der Aufschwung am Arbeitsmarkt an, werden es die Arbeitsagenturen und Jobcenter zunehmend schwerer haben, offene Stellen schnell zu besetzen.

Als Indikator für die Knappheit an Arbeitskräften gilt die Zeitspanne, die zwischen der Ausschreibung einer Stelle und ihrer Besetzung liegt. Diese Vakanzzeit wird wieder länger. Im Juni lag sie bei 60 Tagen. Der Durchschnitt sagt jedoch nichts über die einzelnen Berufe aus. Wird über die Bundesagentur etwa ein Arzt gesucht, dauert es im Schnitt 146 Tage, bis die Stelle besetzt ist.