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Deutsche Bank:300 Millionen Euro für den Mülleimer

Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt

Zwei Türme in Frankfurt: Auch in der Bilanz gibt es quasi zwei Deutsche Banken.

(Foto: Michael Probst/AP)

Klammheimlich verschiebt die Deutsche Bank bestimmte Kosten in ihre Bad Bank. Nutznießer sind ausgerechnet die Investmentbanker, wie ein eindrückliches Beispiel zeigt.

Von Meike Schreiber, Frankfurt

Die Deutsche Bank residiert in Frankfurt in zwei Türmen, im Volksmund auch Soll und Haben genannt. Im A-Turm ganz oben gehen die Vorstände ihren Geschäften nach, im B-Turm werkelt die übrige Truppe. Aber auch mit Blick auf die Zahlen gibt es gewissermaßen zwei Deutsche Banken. Es gibt eine, bei der läuft trotz Corona alles halbwegs nach Plan, das ist die Kernbank mit Privat- und Firmenkundengeschäft sowie dem Investmentbanking. Und es gibt die Bad Bank, eine Art bilanziellen Mülleimer, welchen das Kreditinstitut ebenso irreführend wie sperrig "Kapitalfreisetzungseinheit" nennt.

Der Clou: In die Bad Bank kann die Institutsführung Kosten und Verluste verschieben, um damit einen unverstellten Blick auf das Kerngeschäft zu bieten - und freilich auch, um den Mitarbeitern in diesem Kerngeschäft weiter Boni bezahlen zu können. Wie das genau läuft, ist schwer nachzuvollziehen, Transparenz war selten eine Stärke der Deutschen Bank.

Ein anschauliches Beispiel zeigt aber, wie das Geldhaus dabei vorgeht. Dabei geht es um die Bankenabgabe. Das klingt harmlos, ist aber ein riesiger Posten. Wer die Präsentationen der Bank genau studiert, findet, dass das Institut ziemlich genau die Hälfte der sogenannten Bankenabgabe ihrer Bad Bank zuordnet, also der dortigen Gewinn- und Verlustrechnung zuteilt. Da die Bad Bank ohnehin über die Jahre mehrere Milliarden Euro Verlust macht, fällt es da nicht weiter auf. Verboten ist das nicht, aber es ist wichtig zu wissen, um den Erfolg der Kernbank beurteilen zu können, mit der die Deutsche Bank spätestens ab 2022 wieder durchstarten will.

Weil die Deutsche Bank so groß ist und zudem so viele Derivate auf der Bilanz hat, muss sie vergleichsweise viel Bankenabgabe zahlen. Mit Derivaten können sich Firmen gegen Preisschwankungen absichern. Sie laden aber auch zum Zocken ein, Kreditderivate gehörten zu den Auslösern der Finanzkrise. 2020 musste die Deutsche Bank daher stattliche 600 Millionen Euro Bankenabgabe bezahlen. Das ist ein Vielfaches dessen, was die Analysten 2020 als Jahresgewinn erwarten. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um Beiträge für den EU-Bankenabwicklungsfonds, der 2014 eingerichtet wurde, um die Finanzbranche im Ernstfall an ihrer Rettung zu beteiligen, also nicht allein die Steuerzahler zur Kasse zu bitten. Seit Jahren müssen die Institute die Abgabe zahlen, gemessen an der Höhe ihrer Spargelder, damit der Topf bis zur nächsten Krise gefüllt ist.

Mehr vom Firmen- und Privatkundengeschäft, weniger vom schwankungsanfälligen Investmentbanking - das hatte Bankchef Christian Sewing im Sommer 2019 versprochen.

(Foto: John MacDougall/AFP)

Bloß: Die klammheimliche Verschiebung der Bankenabgabe lässt vor allem das Investmentbanking glänzen, und zwar bei den Kosten - es macht also jene schwankungsanfällige, selten rentable Sparte optisch profitabler, als sie ist. Eigentlich sollte das Investmentbanking hinter dem braven, stabileren Firmen- und Privatkundengeschäft zurücktreten, so hatte es Konzernchef Christian Sewing im Sommer 2019 versprochen. Weil die braven Sparten aber nicht ganz so gut laufen, gilt der Handel nun wieder als Hoffnungsträger.

Noch 2019 bezahlte das Investmentbanking fast die gesamte Bankenabgabe, was vor allem an den Derivaten liegen dürfte. 2020 aber wanderten 300 Millionen Euro in die neu gegründete Bad Bank. Das Investmentbanking, nach Bilanzsumme um ein Vielfaches größer als die Bad Bank, bezahlte plötzlich nur noch 134 Millionen Euro Bankenabgabe. Auf welche Sparten der Rest verteilt wird, verschweigt die Bank - anders als etwa die Commerzbank, welche die Abgaben vollständig aufschlüsselt.

Für die Investmentbanker lohnt sich die Bad Bank in jedem Fall

Weil die Bilanz der Bad Bank bis 2022 schrumpfen soll und das Geldhaus zudem in seiner eigenen selbstbewussten Art bestimmte politische Entscheidungen bei der Planung einfach vorwegnimmt, soll auch die Abgabe sinken. Es bleiben aber immer noch beachtliche 100 Millionen Euro übrig.

Ein Sprecher sagte, die Aufteilung der Abgabe sei "transparent und objektiv". Man bilde dabei "soweit möglich die Methodik" des EU-einheitlichen Abwicklungsgremiums ab. Von außen nachrechnen lässt sich das indes nicht.

Nun könnte man einwenden: Solange die Aktionäre glauben, dass die Bank bis 2022 inklusive Bad Bank ihre Ziele erreicht, kann es ihnen egal sein, wie die Kosten verschoben werden. "Problematisch wird es aber dann, wenn auf Basis scheinbar höherer Profitabilität einer Sparte auch höhere Boni bezahlt werden", sagt der Vertreter eines großen Aktionärs, der nicht genannt werden wollte. Und tatsächlich können sich die Anleihehändler für 2020 auf zehn Prozent mehr Boni einstellen, ließ die Bank durchblicken.

Für die Investmentbanker lohnt sich die Bad Bank also in jedem Fall. Offiziell gibt es diese Einheit aber, weil das Geldhaus 2019 beschlossen hat, sich aus Geschäften wie dem Aktienhandel zurückzuziehen. Sind die Papiere erst einmal weg, werde wertvolles Eigenkapital für andere Geschäfte freigesetzt, so die Hoffnung. Dass die Einheit für sich genommen kein Kapital freisetzt, weil die Verluste die Entlastungseffekte auffressen, ist schon länger klar. Im Dezember aber räumte Finanzvorstand James von Moltke auch noch ein, dass das Geldhaus den Mülleimer gar nicht wie versprochen bis 2022 leeren könne, weil der Verkauf Verluste verursache.

Noch im Sommer 2019 hatte Sewing zugesagt, die Bad-Bank-Wertpapiere von damals 288 Milliarden Euro bis Ende 2022 auf neun Milliarden Euro abzubauen. Es handele sich vorrangig um "Qualitätspapiere" mit kurzer Laufzeit, weswegen das Ganze schnell abgewickelt würde, versprach er, hatte sich aber wohl verschätzt: 2022 werden noch 50 Milliarden Euro übrig bleiben, so die jüngste Prognose.

Im Vergleich zu 1,3 Billionen Euro Gesamtbilanz klingt das überschaubar. Die Papiere aber haben es in sich: Das leicht verkäufliche Aktiengeschäft ist längst weg, übrig sind verlustreiche Zinsderivate. Spannend wird daher, wann die Investoren den unverstellten Blick auf die Bank bekommen werden, weil jeglicher Bilanzschrott weggeräumt ist. Wird das 2022 der Fall sein, wie die Bank verspricht, oder erst später, weil die Verluste der Bad Bank noch länger belasten? Wann der Bilanzmülleimer nun geleert sein soll, dazu schweigt sich das Institut plötzlich aus. Alles, was man weiß: Die Papiere haben im Schnitt noch sieben Jahre Laufzeit. Es kann also noch dauern.

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