Deutsche Bahn Kein einziger Güterzug auf der Vorzeigestrecke

Der ICE fährt viel schneller als früher vom Berliner Hauptbahnhof nach Bayern.

(Foto: Oliver Lang/Deutsche Bahn AG)
  • Im Personenverkehr ist die neue Schnelltrasse zwischen Berlin und München, die zehn Milliarden Euro kostete, ein Erfolg: Die Fahrgastzahlen haben sich 2018 nahezu verdoppelt.
  • Doch es fuhr noch kein einziger Güterzug auf der Vorzeigestrecke, obwohl das eigentlich geplant war.
  • Damit steht die Wirtschaftlichkeit des Projekts infrage. Der Bund hätte wohl kaum so viel Steuergeld für den Neubau bereitstellen können.
Von Markus Balser

Es geht um ein Projekt der Superlative. 29 Talbrücken und 22 Tunnel - mit der Neubaustrecke durch Thüringen und Oberfranken eröffnete die Deutsche Bahn vor gut einem Jahr das größte Verkehrsprojekt der deutschen Einheit, die Schnelltrasse von Berlin nach München über Erfurt. Zehn Milliarden Euro verbauten Bund und Bahn. Das Ziel: Die Reisezeit von Personen und Gütern zwischen den Metropolen deutlich zu verkürzen und die Schiene für Verkehr aller Art attraktiver zu machen.

Seither reißen die Erfolgsmeldungen von Bahn und Politik nicht ab. Nach neuesten Angaben der Regierung fuhren im vergangenen Jahr 4,9 Millionen Fahrgäste auf der Strecke. Das sind 2,5 Millionen mehr als auf der alten Route. Die Züge sind auch nur noch gut vier statt sechs Stunden unterwegs. Selbst mit dem Flugzeug ist man kaum schneller. Doch nun wird klar: Während die Strecke im Personenverkehr ein Erfolg ist, bahnt sich im Güterverkehr ein Fiasko an. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung war auf dem Kernstück des Milliardenprojekts bislang kein einziger Güterzug unterwegs - anders als geplant. Denn Sparmaßnahmen machen die Route für schwere Züge praktisch unpassierbar. Die Bundesregierung hatte eigentlich ganz andere Hoffnungen geweckt und pries die Strecke auch als Möglichkeit, Güter von der Straße auf die Schiene zu holen. Man gehe davon aus, dass auf der Neubaustrecke täglich eine ICE-Linie mit 20 Zugpaaren verkehrtem und circa 70 Güterzüge, je Richtung wohlbemerkt. So ließ es die Regierung noch 2010 offiziell wissen.

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Zwischen den beiden Städten fahren künftig zwei zusätzliche Schnellzüge. Die Strecke ist zu stark ausgelastet. Außerdem steigen die Preise leicht.

In einer Antwort auf eine kleine Anfrage der Grünen räumt das Bundesverkehrsministerium nun ein, dass diese Ziele krachend verfehlt werden. Es habe im gesamten vergangenen Jahr zwei Anmeldungen für Güterzüge auf dem Kernstück gegeben, die durch das Eisenbahnunternehmen jedoch "storniert wurden", teilt Verkehrsstaatssekretär Enak Ferlemann in dem Schreiben mit. Auch für dieses Jahr gibt es nur zwei Anmeldungen für die neue Passage zwischen Erfurt und Ebensfeld - und das auch nur für eine "Triebfahrzeugfahrt" - also Loks ohne Zug. Denn es gibt da ein gewichtiges Problem. Für schwere Güterzüge ist die Trasse gar nicht ausgelegt. Um Kosten zu sparen, wurden an vier Signalstellen Steigungen von fast zwei Prozent eingeplant. Deshalb dürfen nun auf der Strecke nur solche Güterzüge fahren, deren Grenzlast bei höchstens 1200 Tonnen liegt. Schwerere Züge könnten aus eigener Kraft an Signalen sonst nicht anfahren. Doch schwerere Züge sind die Regel. Güterloks können bis zu 2200 Tonnen ziehen. Die Regel sind 1600 Tonnen. Aus Kostengründen werden solche Gewichtsklassen meist auch ausgereizt. Gerade die hohen Trassenpreise auf der Neubaustrecke würden sich sonst kaum rechnen.

Probleme bereitet dem Güterverkehr aber auch das so genannten Begegnungsverbot. Denn aus Sicherheitsgründen dürfen die bis zu 300 Kilometer pro Stunde schnellen ICE nicht in einem Tunnel an einem Güterzug vorbeifahren. Weil es nur wenige Überholmöglichkeiten gibt, steht die Strecke Güterzügen eigentlich nur nachts zur Verfügung. Außerdem müssen die Züge auf der Strecke mit dem elektronischen und teuren Zugsteuerungssystem ETCS ausgerüstet sein - das halten Fachleute noch für das geringste Problem.

Damit steht im Nachhinein auch die Wirtschaftlichkeitsberechnung der Trasse in Frage. Ohne die Prognose, dass auch viele Güterzüge auf der Strecke fahren, hätte der Bund wohl kaum so viel Steuergeld für den Neubau bereit stellen können. Wegen fehlender Wirtschaftlichkeit hätten die Pläne wohl nicht die erforderlichen Bestnoten für eine Umsetzung bekommen. Die Strecke würde möglicherweise gar nicht stehen. "Als es in der Planungsphase darum ging, das Projekt über die Hürde der Wirtschaftlichkeit zu hieven, hat der Bund die Zahlen im Güterverkehr künstlich schöngerechnet", glaubt Matthias Gastel, Verkehrspolitiker der Grünen. Auch künftig sei nicht zu erwarten, dass die Nachfrage auch nur annähernd in Richtung der Prognosezahlen entwickele. "Damit bleibt die Neubaustrecke für Güterzüge ein Flop." Die Bundesregierung kündigt zwar Nachbesserungen an. Durch Änderungen bei den Signalen solle eine höhere Grenzlast von 1500 Tonnen möglich und Einschränkungen beseitigt werden. Grünenpolitiker Gastel bleibt skeptisch: Das Problem werde die Politik nun wohl so schnell nicht lösen können.

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