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Kolumne "Das deutsche Valley":Kreativ im Bademantel

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Malte Conradi (San Francisco), Alexandra Föderl-Schmid (Tel Aviv), Christoph Giesen (Peking) und Ulrich Schäfer (München) im Wechsel.

Wo hat man die besten Ideen? Am Schreibtisch? In öden Meetings? Nein! Neun von zehn Arbeitnehmern sagen, sie hätten diese außerhalb des Büros.

Wenn Susanne Westphal auf gute Ideen kommen will, geht sie überallhin - nur nicht ins Büro. Sie setzt sich lieber aufs Sofa, den Liegestuhl, in den Garten. Geht in den Wald oder steigt auf die Kampenwand, einen beliebten Gipfel in den Chiemgauer Alpen. Auch ihre Kunden müssen ihr dann mitunter folgen. Jenseits des Schreibtisches, sagt sie, sei sie einfach kreativer.

Und Westphal, die mit ihrer Familie an einem See im bayerischen Voralpenland wohnt, hat in der Tat ziemlich viele Ideen. Wer sie trifft, natürlich außerhalb ihres Büros, kommt kaum nach, um ihre Gedanken zu notieren, ihre Vorschläge, ihre Ideen, wie man doch dieses oder jenes besser machen könne.

Westphal arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Unternehmerin. Anfang der 1990er-Jahre gründete sie die Firma Preiswärter, die für ihre Kunden per Telefon bei Dutzenden von Händlern den günstigsten Preis für ein Produkt suchte; das war zu einer Zeit, als es im Internet noch keine Preisvergleichsportale gab und die Idee, Dutzende von Angeboten in ganz Deutschland zu vergleichen, noch recht neu. Danach verdingte sie sich für ein paar Jahre bei einem Mobilfunkunternehmen, was ihr aber schnell zu langweilig wurde. Und so gründete Susanne Westphal im Jahr 2002 die Kommunikationsagentur Suewest. Seither coacht sie Unternehmen und deren Führungskräfte und bietet ihnen Workshops und Seminare an - nicht selten an ungewöhnlichen Orten. Einer ihrer erfolgreichsten Workshops heißt zum Beispiel "Ideentag im Pool". Jedes Jahr im Januar verbringt sie in Hamburg und München einen Wellness-Tag mit einem Dutzend Frauen, um mit ihnen gemeinsam Pläne für das kommende Jahr zu entwickeln. Im Bademantel, sagt Westphal, gehe das viel besser als am Konferenztisch.

Die studierte Betriebswirtin schreibt zudem immer wieder Bücher, vor wenigen Wochen ist ihr jüngstes Werk erschienen, es heißt "Die neue Lust an der Arbeit". Die wichtigste Botschaft darin fasst Westphal im Gespräch so zusammen: "Ob wir Spaß an der Arbeit haben, hängt in erster Linie von uns selber ab. Wir haben es zu einem großen Teil in der Hand, unser Arbeiten und die Bedingungen dafür so zu gestalten, dass wir zufrieden sind."

Und dazu gehört nach Ansicht der Buchautorin nicht zuletzt auch der Arbeitsort. Klar, nicht in jedem Beruf habe man die Freiheit, dort zu arbeiten, wo man es wolle, das ist Westphal durchaus bewusst. Wer in die feingetaktete Produktion eines Industriebetriebs eingebunden ist oder als Installateur zum Kunden geschickt wird, wenn ein Boiler defekt ist, hat keine Wahl; für ihn führt kein Weg in den Wald oder auf die Kampenwand.

Aber in vielen anderen Berufen, sagt Westphal, sei dies sehr wohl machbar - und zwar vor allem in all jenen Berufen, für die man üblicherweise in ein Büro kommt, sich Tag für Tag am immer gleichen Schreibtisch niederlässt und zwischendurch in ein paar öden Meetings verschwindet. "Wollen wir so arbeiten? Macht das wirklich Spaß?", sagt Westphal, und natürlich ist das nur eine rhetorische Frage.

Die Antwort darauf hat vor ein paar Jahren das Frankfurter Zukunftsinstitut gesucht, in einer Umfrage unter deutschen Arbeitnehmern: 94 Prozent der Befragten sagten, ihnen kämen die besten Gedankenblitze, die schönsten Ideen, die kreativsten Vorschläge außerhalb des Arbeitsplatzes. Denn da haben sie den Kopf oft freier, sind nicht genervt von Mails, die auf dem Bildschirm aufpoppen, oder von Kollegen, die ablenken, weil sie ständig ungefragt ins Büro hereinplatzen.

"Warum sollen wir bei Meetings immer im Stuhlkreis sitzen und uns Beamerfolien anschauen?"

Den Kopf frei bekommt man natürlich besonders gut beim Sport. Kasper Rorsted, der Vorstandsvorsitzende des Sportartikelherstellers Adidas, geht deshalb mit seinen Managern gern ins Gym. Oder sie begeben sich auf eine Schneeschuhwanderung in den Bergen. Bei einem Sportunternehmen wie Adidas liegt dieser Ansatz natürlich nahe, aber anderswo tun sich Chefs oft schwer mit der Vorstellung, man könne Meetings hin und wieder beim Sport oder in der freien Natur abhalten.

Susanne Westphal, die selbst auf dem Land lebt, hat da weniger Berührungsängste und versucht, dies auch den Führungskräften bei ihren Workshops nahezubringen: "Ich habe es mir zum Beispiel abgewöhnt, in Hotels die Konferenzräume mitzubuchen. Das spart Geld und verschafft einem zudem ganz neue Freiheiten." Stattdessen setzt sie sich mit ihren Kursteilnehmern lieber auf die Terrasse, in den Garten oder läuft mit ihnen um einen See. So kämen die Teilnehmer, sagt Westphal, viel besser in ein intensives Gespräch, seien motivierter, inspirierter, kreativer.

Ein Vorgehen, das sich ihrer Ansicht nach auch auf viele Unternehmen übertragen lässt. "Warum sollen wir bei Meetings immer im Stuhlkreis sitzen und uns Beamerfolien anschauen?" Besprechungen ohne die üblichen Konferenz-Rituale und ohne Powerpoint-Präsentation, sagt sie, seien oft viel besser.

Wenn also Unternehmen die Kreativität ihrer Mitarbeiter fördern wollen, sollten sie diesen - sofern es die betrieblichen Abläufe erlauben - die Freiheit einräumen, ihren Arbeitsort möglichst frei wählen zu dürfen: mal im Büro, mal daheim, mal im Park oder im Café. Die Firmen sollten ihren Beschäftigten zudem ermöglichen, die Arbeitszeit möglichst flexibel einzuteilen. Denn das erlaubt es den Mitarbeitern, zwischendurch mal abzuschalten und etwas anderes zu machen - und sei es, eine Runde mit dem Rennrad zu fahren oder durch den Wald zu joggen. Nicht selten steht am Ende des Sportprogramms dann eine kluge Idee. Und wer sich anschließend wieder mit seiner Arbeit beschäftigt, geht mit neuem Elan ans Werk.

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Alexandra Föderl-Schmid (Tel Aviv), Christoph Giesen (Peking) und Ulrich Schäfer (München) im Wechsel.