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Technologie:Die Brennstoffzelle soll Daimlers nächstes großes Ding werden

Mercedes-Benz GLC F-CELL (X253) 2017  Mercedes-Benz GLC F-CELL (X253) 2017

Brennstoffzellenauto von Mercedes. Nun arbeitet der Konzern an einer neuen, emissionsfreien Technologie für den Lastverkehr.

(Foto: oh)

Bei der Batteriezelle haben sich die deutschen Autohersteller abhängen lassen - und sind nun abhängig von Asien. Bei der nächsten Technologie soll nun alles anders werden.

Von Stefan Mayr, Stuttgart

Ein Wort nennt Andreas Gorbach sehr oft: Vollgas. "Deutschland muss als Technologiestandort Vollgas geben, damit nicht dasselbe passiert wie mit der Batteriezelle", sagt der 45-jährige Daimler-Manager. Der promovierte Ingenieur ist beim Stuttgarter Autokonzern dafür verantwortlich, dass es seinem Arbeitgeber bei der Brennstoffzelle nicht ähnlich ergeht wie bei der Batteriezelle. Denn Mercedes und alle anderen deutschen Hersteller haben die Entwicklung von Batteriezellen verschlafen und sind nun von asiatischen Lieferanten abhängig. Das will Daimler bei der nächsten Technologie unbedingt verhindern, deshalb macht das Unternehmen nun einen großen Schritt hin zum Hersteller von Brennstoffzellen-Lkw.

Vor den Toren Stuttgarts entsteht ein neuer Standort, an dem demnächst Ingenieure an einer Technik basteln, die für den angeschlagenen Konzern ein wichtiges Standbein werden könnte. Sie entwickeln hochmoderne Produktionsanlagen mit Reinräumen und Präzisionsgeräten, die im Mikrometerbereich arbeiten. Diese Anlagen sollen mittelfristig serienmäßig Brennstoffzellen produzieren für Lastwagen mit Elektromotoren, die keine schweren Batterien mitschleppen und nicht lange aufladen müssen. Sondern schnell Wasserstoff tanken, der dann in der Brennstoffzelle in Strom umgewandelt wird. Für Andreas Gorbach ist das eine wichtige Zukunftstechnologie: "Je länger und je schwerer ein Lkw ohne Unterbrechung unterwegs ist", desto besser seien Brennstoffzellen im Vergleich zu Batterien.

Auch Daimlers Truck-Chef Martin Daum ist überzeugt, dass nur mit der Brennstoffzelle ein CO₂-neutraler Lastverkehr möglich ist: "Wir gehen nun konsequent in Richtung Serienfertigung von Brennstoffzellen und leisten damit absolute Pionierarbeit." Wie viel Geld sich Daimler seinen neuen Standort kosten lässt, verrät er nicht. In Konzernkreisen ist von einer zweistelligen Millionensumme die Rede. Zunächst werden in die neuen Hallen im Esslinger Stadtteil Pliensauvorstadt etwa 100 Ingenieure einziehen.

Daraus könnte sich etwas sehr Großes entwickeln. Denn - anders als beim Thema Batterie - ist Daimler bei der Brennstoffzelle fest entschlossen, sie von vorne bis hinten selbst herzustellen. "Wir decken praktisch die gesamte Wertschöpfung ab, von der Beschichtung der Membrane über die Zelle bis zum Stack und Aggregat", sagt Gorbach. Er ist Geschäftsführer der Daimler Truck Fuel Cell GmbH, die im Juni gegründet wurde. Noch 2020 will diese ein Brennstoffzellen-Joint-Venture mit der Volvo Group eingehen. Und "in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts" will Gorbach in die Großserie einsteigen.

Zudem plant Daimler sogar den Sprung in ganz neue Märkte: Stationäre Brennstoffzellen sollen als Notstromaggregate für Datenzentren etwa von Tech-Konzernen wie Amazon oder Google dienen. "Dieser Markt hat ein enormes Potenzial", betont Gorbach. Erstens wachse der Bedarf an großen Datenzentren, zweitens wollten immer mehr Regierungen und Unternehmen den CO₂-Ausstoß verringern. "Wasserstoff ist hier eine hervorragende Lösung", sagt Gorbach. Zusammen mit Rolls-Royce Power Systems arbeitet Daimler an einer stationären Lösung.

Die Fahrzeugzelle von Bosch soll schon 2023 auf der Straße sein

Der Stuttgarter Autozulieferer Bosch nimmt ebenfalls viel Geld in die Hand, um die Wasserstoff-Technologie voranzutreiben. Wie die Nachbarn von Daimler arbeitet auch Bosch sowohl an mobilen als auch stationären Brennstoffzellen - und wird dabei sogar zum Wettbewerber.

Die Fahrzeugzelle von Bosch soll schon 2023 auf der Straße sein, in Pkw und auch Lkw: Das US-Start-up Nikola will in Ulm zusammen mit Iveco Wasserstoff-Trucks bauen - mit Bosch-Zellen. Zudem beliefert Bosch einen chinesischen Pkw-Hersteller, der ebenfalls 2023 auf den Markt rollen will. "Wir stecken in Bamberg mitten in der Fertigungsvorbereitung, das sieht schon richtig nach Serienfertigung aus", sagt Produktbereichsleiter Jürgen Gerhardt. Bei der mobilen Brennstoffzelle tritt Bosch als klassischer Zulieferer auf. Für die erste Generation werden noch Komponenten zukauft. Das könnte sich aber ändern, deutet Gerhardt an: "Wir prüfen intensiv, ob wir in der zweiten Generation noch tiefer in die Wertschöpfungskette hineingehen können."

Bei der stationären Brennstoffzelle will Bosch - wie Daimler - das komplette Gesamtsystem produzieren. Pilotanlagen an diversen Bosch-Standorten sind schon im Betrieb. Mögliche Anwendungsfälle sind die dezentrale Stromerzeugung für Industrie, für ganze Stadtgebiete, für Rechenzentren und für Elektro-Ladestationen. Noch 2020 wird entschieden, ob Bosch diese Technik industrialisieren wird. Die Chancen stehen gut. "Bosch erwartet, dass sich der Markt bis 2030 auf bis zu 20 Milliarden Euro entwickeln wird", sagt der kaufmännische Leiter Wayne-Daniel Kern. Diesen Markt wolle Bosch weltweit mitgestalten.

Hierfür müsste die Politik die Wasserstoff-Technologie noch entschlossener fördern als bisher, fordert Kern. "Wenn wir jetzt nicht handeln, dann werden andere Regionen diesen Zukunftsmarkt besetzen."

© SZ vom 30.06.2020
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