Um zwanzig nach eins hat Hanno Berger genug, bäumt sich auf und wirft seinen Kugelschreiber auf den Tisch. "Tschuldigung, ich kann mir das nicht mehr anhören", sagt er und blickt fassungslos in Richtung Zeugenstand. Bis hierhin hat er selten aufgeschaut, seit Stunden schreibt er Seite für Seite voll, unterstreicht, tuschelt mit seinem Verteidiger und blättert in dicken Aktenordnern. Aus seinen Augen sprechen Unverständnis, Enttäuschung und Wut. Zeitweise schüttelt er fast ununterbrochen den Kopf. Wenige Meter vor ihm sitzt und spricht der Mann, der ihm einst alles zu verdanken hatte - und der jetzt großen Anteil daran hat, dass Berger überhaupt hier ist, an diesem Montag auf der Anklagebank, und ansonsten in Untersuchungshaft. Dass er, Berger, im Falle einer Verurteilung wegen Steuerhinterziehung mit einer langen Haftstrafe rechnen muss.
Es ist ein Duell zweier Top-Anwälte, einst Meister und Ziehsohn, heute Gegenspieler. Ein Steuerexperte und ein Kapitalmarktrechtler, die einst schlauer zu sein glaubten als die Behörden, und die gemeinsam mit Banken und Investoren die Staatskasse geplündert haben sollen - mit sogenannten Cum-Ex-Geschäften: Aktiendeals, nur gemacht, um sich Steuern erstatten zu lassen, die zuvor niemand gezahlt hat. Es war ein gutes Geschäft. Bis die zwei in verschiedene Richtungen gelaufen sind: Der eine, Berger, bekämpfte jahrelang Ermittlungen gegen ihn aus dem Schweizer Exil, mit allen juristischen Mitteln, bis er am Ende nach Deutschland ausgeliefert wurde. Jetzt verteidigt er sich hier am Landgericht Bonn gegen den Vorwurf, in drei Fällen Steuern in Höhe von 278 Millionen Euro hinterzogen zu haben und steht wegen eines anderen, ähnlichen Fallkomplexes parallel in Wiesbaden vor Gericht. Er bestreitet, sich strafbar gemacht zu haben.
Der andere, Kronzeuge S., ging nach langem Zögern zur Staatsanwaltschaft Köln und ließ sich vernehmen, erzählte an Dutzenden Tagen, was er wusste über die Deals, die Berger und er auf den Weg gebracht hatten. Erst in Diensten amerikanischer Großkanzleien, dann als Namenspartner ihrer eigenen Sozietät. Bis Ermittler den Börsengeschäften zulasten des Fiskus auf die Schliche kamen und alles auseinanderflog.
Die einstigen Partner sehen sich an diesem Montag zum ersten Mal seit mehr als sechs Jahren. Gleich zu Anfang erzählt S. von einem entscheidenden Treffen am Flughafen Zürich im Juli 2016. Berger und er, damals zwei von nur ein paar Dutzend Beschuldigten in Sachen Cum-Ex, trauten sich nicht mehr nach Deutschland. Berger habe Gesetzestexte, Kommentare und Gutachten an die Anwälte und Mitstreiter im Raum verteilt und vorgetragen, erzählt S.: Man müsse die Reihen geschlossen halten gegen die Behörden in Deutschland. Die "Phalanx" müsse stehen gegen die Ermittler in Köln, vor allem gegen Staatsanwältin Anne Brorhilker, die damals seit Jahren den steuerschädlichen Deals auf der Spur war.
Die Reaktion von Alfred Dierlamm, dem Verteidiger von S., fiel kurz aus. "Wir machen es genau andersherum", habe er zu Berger gesagt. "Wir gehen nach Köln und reden mit der Staatsanwaltschaft." Es war der entscheidende Bruch. S. versinnbildlicht das, er sei damals mit dem anderen gut 40 Beschuldigten auf einer Autobahn in dieselbe Richtung gefahren, mit Vollgas. Dann habe er gebremst, sei umgekehrt und habe sich gefühlt wie ein Geisterfahrer. Aber er habe eben auch gedacht: Wenn die Geschäfte wirklich alle rechtens waren, dann würde man das der Staatsanwaltschaft doch so erklären können. Oder?
Es war damals eine Zeit, in der weithin noch von einer Gesetzeslücke die Rede war, die Berger, S. und ihre Geschäftspartner bloß kreativ ausgenutzt hätten. Cum-Ex, das sind Aktiengeschäfte über den Dividendenstichtag, an dem börsennotierte Konzerne einen Teil ihres Gewinns an die Aktionäre ausschütten. Auf diese Ausschüttung zahlen Aktionäre Kapitalertragsteuer, wobei sich etwa Investmentfonds diese Steuer erstatten lassen können. Bis mindestens Ende 2011, als eine Gesetzesänderung das Treiben beendete, handelten die an Cum-Ex-Geschäften beteiligten Banken, Investoren und ihre Helfer Aktien so, dass sie am Ende doppelt oder gar mehrfach Steuern geltend machen konnten, die zuvor niemand gezahlt hatte.
Folgt man der Staatsanwaltschaft, war Hanno Berger eine Art Pate
Mehr als fünf Jahre dauerte diese Plünderei, kostete den Steuerzahler mehr als zehn Milliarden Euro, stellte den Gesetzgeber bloß, der das Problem jahrelang nicht in den Griff bekam. Die Staatsanwaltschaft Köln spricht schon lange von einer Form von organisierter Kriminalität - unter Beteiligung der größten Banken der Welt, namhafter inhabergeführter Privatbanken, renommierter Anwaltskanzleien und angesehener Unternehmer.
Wenn man dem folgt, war Hanno Berger eine Art Pate. Er schnauft wieder, schüttelt den Kopf, spricht mit seinem Verteidiger und tippt dabei auf das Papier vor ihm: Was S. gerade zu den ersten Berührungspunkten mit Cum-Ex-Deals im Jahr 2005 sagt, hält er offenbar für Quatsch - wie so vieles von dem, was S. in langen Antworten auf kurze Fragen vorträgt. Und S. erzählt noch einmal alles: seinen Werdegang, seine ersten Begegnungen mit Berger. Den Wechsel zu einer anderen US-Großkanzlei, die Selbständigkeit der beiden. Das Werben um vermögende Investoren, die in Cum-Ex-Fonds investieren sollten, die Termine mit der tief in Cum-Ex verstrickten Hamburger Privatbank Warburg, und wie seine Gier überhandnahm.
Es ist ein gut einstudierter Vortrag, den S. zum vierten Mal am Landgericht Bonn aufsagt. Die Aufregung des ersten Auftritts im September 2019 ist der Routine gewichen. Seinen Kopf bewegt er kaum, und zu Berger, der ihn immer wieder kopfschüttelnd anblickt, schaut er nicht ein einziges Mal hinüber in seinen ausschweifenden Erklärungen.
Auch nicht, als es um die Scheinrechnungen geht, die Berger und er geschrieben haben sollen, um an ihrer Kanzlei vorbei von den Aktiendeals zu profitieren. Da blickt er erst einmal zurück auf sein Selbstbild als Anwalt, der den Staat abzockte: "Ich hatte ein gewisses Selbstbewusstsein als Organ der Rechtspflege", sagt S. "Ich hatte ein Ethos. Und dann fing es an, dass ich das Ethos fallengelassen habe. Und warum? Weil es Geld gab." Man sei korrumpiert worden. "Wir waren gierig, wir wollten immer mehr Geld. Wir wollten, dass das Geld weiter fließt", sagt er. "Wir wollten auch 2009, als die Ampel längst auf Rot stand, immer weitermachen."
Es ist der Moment, in dem Berger der Kragen platzt und er seinen Kuli auf den Tisch knallt. Er will selbst reden, Fragen stellen, nicht mehr zuhören. Doch dafür ist an diesem Tag keine Zeit mehr. Die Antworten von S. waren zu lang, die Richter sehr geduldig. Das Kreuzverhör ist vertagt.

