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Corona:Das Virus schwächt bereits den Welthandel

Coronavirus - Autoindustrie

Gerade am Beispiel der Autoindustrie zeigt sich, wie verwoben die Lieferketten deutscher Konzerne sind.

(Foto: dpa)
  • Wegen des Coronavirus gehen die Menschen in China kaum noch einkaufen - und auch in anderen Ländern wird ein "Nachfrageschock" immer wahrscheinlicher.
  • Viele fürchten zudem, dass das Virus Lieferketten zerschneidet und bald auch in Europa die Bänder stillstehen könnten.

Als die Modefirma Armani am Wochenende ihre Models auf der Mailänder Fashion Show auflaufen ließ, da sagte der Auftritt auch etwas über den Zustand der Weltwirtschaft. Wegen Corona hatte Armani alle Gäste ausgeladen, die Show fand vor leeren Rängen statt. Ein Video zeigt: Die Gänge und Wände neben dem Laufsteg hatte Armani in einem allverschluckenden Schwarz inszeniert. Mit dieser Farbwahl spricht das Unternehmen vielen Ökonomen quasi aus der Seele.

Noch vor wenigen Tagen hatten sie das Thema Coronavirus fast abgehakt, die Zahl neuer Infektionen in China ging schließlich zurück. Das Virus? Bald schon ausgestanden, das war die einhellige Meinung. Doch nun werden bislang unbekannte Ansteckungsherde in Italien, Südkorea und Iran offenbar. "Das ist jetzt ein völlig anderes Bild", sagt Chefvolkswirt Ulrich Kater von der Deka-Bank. Auch mit Blick auf die wirtschaftlichen Folgen.

Bereits jetzt zeigt sich, dass die Menschen in China kaum noch einkaufen. Sollte sich das Virus nun allerdings weiter ausbreiten, könnten auch die Menschen in Norditalien und Südkorea zu Hause bleiben. Selbst in Ländern, die gar nicht betroffen sind, könnte das Virus zumindest auf die Stimmung der Verbraucher schlagen. "Ein Nachfrageschock wird immer wahrscheinlicher", sagt Chefökonom Kater.

Dass Verbraucher weniger einkaufen, ist jedoch längst nicht die einzige Sorge von Ökonomen. Viele fürchten inzwischen auch, dass das Coronavirus die Produktion in chinesischen Fabriken lahmlegt, Lieferketten zerschneidet - und in einigen Wochen auch in Europa Bänder stillstehen lassen könnte.

Gerade am Beispiel der Autoindustrie zeigt sich, wie verwoben Lieferketten sind. So bezieht Daimler formell Teile von 213 Zulieferern. Doch allein die zehn größten Zulieferer haben selbst wiederum 588 Zulieferer. Und diese kaufen Teile bei mehr als 2900 weiteren Sub-Zulieferern. Das Problem: "Bereits ein Bauteil aus China kann die Produktion in Europa stoppen", sagt Uwe Burkert von der Landesbank Baden-Württemberg. Noch seien die Lager der Zulieferer für etwa zwei bis sechs Wochen gefüllt, danach bereits dürfte es zu ersten Produktionsstopps in Europa kommen. Der britische Autobauer Jaguar Land Rover lässt manche Teile bereits im Koffer aus China einfliegen. "Es ist ein logistischer Albtraum", sagt Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer in China.

Adidas und Primark lassen große Teile ihrer Ware in China produzieren

Auch die Textilindustrie gehört zu den besonders stark betroffenen Branchen. So kaufen europäische Modeunternehmen knapp 30 Prozent ihrer Ware in China. Das zeigt sich konkret in den Daten des Sportartikelfabrikanten Adidas: 2018 bezog das Unternehmen etwa 20 Prozent seiner Schuhe und Kleidung aus China, bei Gütern wie Fußbällen und Taschen waren es gar knapp 40 Prozent. Und der Rest kam oft aus anderen Ländern in Asien, wie Vietnam oder Bangladesch. Der Modehändler Primark gibt an, dass es bei einigen Kollektionen knapp werden könnte. Gut 40 Prozent der Ware kommt aus China.

Dass der neue Ansteckungsherd des Virus in Norditalien rund um Mailand liegt, macht viele Experten nervös. Die Deutsche Post stellt bereits keine Pakete mehr in die "besonders betroffenen Regionen" Italiens zu, wie das Unternehmen mitteilte. Die Folgen des Ausbruchs dort sind schnell abschätzbar. "Allein in Mailand ist rund die Hälfte der 200 größten Unternehmen Italiens angesiedelt", sagt Landesexperte Marco Wagner von der Commerzbank. Und die norditalienischen Regionen machen 50 Prozent der italienischen Wirtschaftsleistung aus. Nach Deutschland wiederum exportieren die Italiener vor allem Maschinen, Autos und Metallteile. "Die geografische Nähe zählt hier", sagt Chefvolkswirt Kater von der Deka-Bank. Laut Statistischem Bundesamt importierte Deutschland 2018 fast so viele Waren aus Italien wie aus den Vereinigten Staaten.

Zahlreiche Banken rasieren daher derzeit ihre Wirtschaftsprognosen. Im Schnitt rechnen sie für Deutschland im ersten Quartal 2020 gerade noch mit einem Wachstum von 0,1 Prozent. Auf das Gesamtjahr gesehen dürfte ein Plus von 0,6 Prozent stehen. Bislang war mit 1,1 Prozent gerechnet worden. Aber es sind nicht nur die kurzfristigen Folgen. Das Coronavirus könnte auch eine grundsätzliche Entwicklung beschleunigen - und die globale Wirtschaft weiter entkoppeln. Bereits der Handelskonflikt zwischen USA und China hat einige grenzüberschreitende Lieferbeziehungen zerschnitten. "Das Coronavirus könnte mit dazu führen, dass Unternehmen künftig möglicherweise wieder stärker auf lokaler Ebene produzieren", sagt Philippe Waechter vom Vermögensverwalter Ostrum.

Doch alle Prognosen sind lediglich Momentaufnahmen: Erste Hinweise, dass sich die deutsche Wirtschaft infiziert hat, gibt es. Doch wie schlimm die ökonomischen Folgen des Coronavirus werden, lässt sich kaum belastbar sagen. Auch in dieser Hinsicht hat das Virus also eine Art Inkubationszeit.

© SZ vom 26.02.2020/vit
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