Corona-Krise:Nachbarschaftshilfe, die ankommt

Corona-Krise: Nachbarn fahren für den Suppenladen von Christiane Kutsch (re.) in München ehrenamtlich per Rad das Essen an Kunden aus.

Nachbarn fahren für den Suppenladen von Christiane Kutsch (re.) in München ehrenamtlich per Rad das Essen an Kunden aus.

(Foto: oh)

Der Staat will kleinen Firmen in der Corona-Krise beispringen. Doch schneller und unbürokratischer helfen vielerorts Nachbarn - oder Stammkunden.

Von Kathrin Werner

Martin Bucksch steht jeden Abend auf seinem Balkon in Hamburg und klatscht. Er klatscht für die Menschen, die Deutschland am Laufen halten, für Krankenschwestern oder Supermarkt-Verkäuferinnen. Sein Blick wandert über die Jugendstil-Fassaden in seiner hübschen Straße und die großen Autos, die unten geparkt sind. Seit Wochen schon steht er da Tag für Tag. Aber eines Abends hatte er eine Erkenntnis: "Ich lebe in einem der reichsten Viertel in einer der reichsten Städte in Deutschland", sagt Bucksch. "Ich kann mehr machen als klatschen. Und viele meiner Nachbarn auch."

Der 54-jährige Tierarzt hat sich überlegt, wie viel Geld er am Ende des Monats übrig hat und wie wenig diejenigen haben, für die er da klatscht. Er gibt zudem gerade sehr viel weniger aus, in Restaurants oder Konzerte kann er schließlich nicht gehen. Also hörte er sich in seiner Nachbarschaft um, wer das Geld dringender braucht als er selbst und fand Nesrin Kara. Kara betreibt einen Laden, das Kleine Kaufhaus am Grindel. Sie hat schon seit Mitte März geschlossen und war der Verzweiflung nah. Bucksch rief sie an und bot ihr Geld an, in etwa so viel wie die Monatsmiete des Ladens. Ohne Bedingungen, weil er wollte, dass ihr Laden die Krise übersteht. "Am Ende des Telefonats haben wir beide geweint", sagt Bucksch. "Am nächsten Tag war das Geld auf meinem Konto", sagt Kara.

Die Corona-Krise ist nicht nur eine Gesundheits-, sondern natürlich auch eine Wirtschaftskrise, und zwar eine, die kleine Geschäfte wie Buchläden, Gaststätten, Hotels oder Friseure zuerst trifft. Vielen von ihnen hilft der Staat, sowohl die Bundesregierung als auch die Landesregierungen, etwa mit Direktzuschüssen, KfW-Krediten oder Steuererleichterungen. Daneben aber springen oft auch Nachbarn, Stammkunden oder andere wohlmeinende Helfer zur Seite, schnell und unbürokratisch. Die Corona-Krise ist, trotz aller Horrornachrichten, auch eine Zeit großer Solidarität.

Karas Kleines Kaufhaus gibt es seit drei Jahren, seit einem halben Jahr läuft das Geschäft gut. Die Zeit hat aber nicht gereicht, um mit dem Verkauf ihrer Haushaltsartikel, Schreibwaren, Fahrradzubehör oder Heliumballons genug für schlechte Zeiten zurückzulegen. Sie hat Soforthilfe vom Staat bekommen. "Es hat mich sehr gefreut, dass das, was gesagt wurde, auch eingehalten wurde", sagt sie. Am Montag öffnet sie ihren Laden wieder, gerade bereitet sie ihn vor, klebt Pfeile für Einbahnstraßen auf den Boden, eine Plexiglasscheibe hat sie auch bestellt. Sie kauft Bastelsachen ein, die sie an Eltern in der Nachbarschaft weiterverkaufen will, "Kinderbeschäftigungsmaterial", sagt sie. Aber für die ersten Wochen rechnet sie nur mit sehr niedrigen Umsätzen. Nur dank der Spende von Bucksch, eine niedrige vierstellige Summe, und einer Vermieterin, die ihr entgegen kam, kann sie überleben. "Solange es solche Menschen gibt, ist nicht alles schlecht", sagt sie. "In dieser Krise können wir es nur gemeinsam schaffen."

Auch im Münchner Stadtteil Haidhausen helfen die Nachbarn. "Prüf noch mal den Akku, bevor du losfährst", ruft Christiane Kutsch, die Inhaberin des Suppenladens Spoon Up. Für sie liefern nun Bekannte, die in der Gegend wohnen, ehrenamtlich Suppe aus mit ihrem Elektro-Lastenrad. Ein paar Stammkunden haben sogar angeboten, 100 Euro anzuzahlen und diese nach und nach abzufuttern - quasi das Gegenteil von Anschreiben. Kutsch hat das Angebot nicht angenommen. "Aber die Geste war total süß", sagt sie. "Es rührt mich, dass Menschen darüber nachdenken, wie sie mich unterstützen können." Und die Geschäftsinhaber helfen einander. Der Buchhändler aus der gleichen Straße leiht das Rad regelmäßig aus für Buchlieferungen und bringt im Gegenzug auch Suppe zu hungrigen Kunden. Und Kutsch verkauft im Suppenladen selbst genähte Mundschutz-Masken von der Stoffhändlerin, deren Laden geschlossen ist. "Außergewöhnliche Zeiten erfordern eben außergewöhnliche Maßnahmen", sagt Kutsch. "Es ist uns allen hier im Viertel daran gelegen, dass die kleinen Läden überleben." Zwar ist ihr Umsatz eingebrochen und sie musste den Koch in Kurzarbeit schicken, doch mithilfe ihres kostenlosen Lieferdienstes und vieler Suppen-Selbstabholer geht es immerhin weiter. "Ich hoffe, dass unser Angebot mehr und mehr angenommen wird. Irgendwann sind die Leute doch über die Tiefkühlpizzas hinweg."

Das Ganze ist kein deutsches Phänomen. Auch in Portland an der Westküste der USA zum Beispiel tun sich treue Kunden zusammen, um Läden in ihrer Nachbarschaft zu unterstützen. Die Indie-Buchhandlung Powell's Books hatte erst fast alle der 300 Mitarbeiter entlassen, als die Filialen wegen der Pandemie schließen mussten. Dann bestellten so viele Menschen ihre Bücher online bei Powell's statt bei Amazon, dass die kleine Kette mehr als 100 ihrer Mitarbeiter wieder eingestellt hat, schrieb Ladeninhaberin Emily Powell bei Facebook. "Ihre freundlichen Worte, die Botschaften der Ermutigung, die Durchhalte-Ideen und die Bestellungen haben uns den Atem verschlagen." Viele Buchhändler, darunter zum Beispiel Stefanie Hetze, die den Buchladen Dante Connection in Berlin führt, hoffen, dass die Menschen nun eher bei ihnen bestellen statt bei dem großen Online-Händler Amazon. "Amazon priorisiert im Moment andere Bestellungen, Buchlieferungen dauern deshalb oft länger, vielleicht hilft uns das."

Weltweit bieten viele Geschäfte ihren Kunden Gutscheine für bessere Zeiten an

Viele Läden weltweit bieten an, dass treue Kunden während der erzwungenen Schließung Gutscheine kaufen, die sie dann nach dem Ende der Corona-Krise einlösen können. In Berlin ist zum Beispiel die Non-Profit-Initiative LongLiveTheBlock.org gestartet, die kleinen Geschäften helfen will, weiter an Geld zu kommen. Man könnte sich etwa einen Gutschein für Popcorn à la Butterkaramell Tahiti-Vanille zulegen oder einen Kurs zum Keramik-Bemalen buchen. "Zeig, dass Dir Dein Kiez am Herzen liegt und hol Dir Gutscheine, die das Überleben Deiner Lieblingsläden sichern", wirbt die Internetplattform.

In Hamburg sind einige Nachbarn dem Beispiel des Tierarztes gefolgt und haben etwa eine Pizzeria bei der Miete unterstützt. "Jeder sollte sich fragen, ob er nicht gerade ein bisschen Geld entbehren kann, um es dem Restaurant zu geben, in dem er oder sie vorher 20 Jahre lang gut gegessen hat", findet Bucksch. Sein Geld wegzugeben und sich sicher zu sein, dass es auch ankommt, fühlt sich gut an, sagt er. "So viele Leute reden davon, dass die Welt nach Corona vielleicht ein besserer Ort sein wird. Dann fangen wir doch mal an damit!"

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