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Corona-Impfstoff:Was Curevac fehlt

Corona-Impfstoff: Labor des Biotech-Unternehmens CureVac

Viele Pipetten, ein Ziel: Der Impfstoff soll her, daran arbeiten sie auch im Labor von Curevac.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Wo bleibt eigentlich der Impfstoff aus Tübingen? Curevac veröffentlicht neue Zahlen - zu den Finanzen. Aber medizinisch entscheidende Daten lassen auf sich warten.

Von Elisabeth Dostert

Schweigen macht manchmal verdächtig. Um den Tübinger Corona-Impfstoffhersteller Curevac ist es in den vergangenen Wochen still geworden. Die Stille wirkt deshalb so groß, weil der Lärm um die anderen so groß ist. Über das Mainzer Unternehmen Biontech, dessen mRNA-basierter Impfstoff schon seit Wochen in vielen Ländern gespritzt wird, wird fast täglich geredet und berichtet. Über den schwedisch-britischen Hersteller Astra Zeneca und den US-Konzern Johnson & Johnson auch, weil ihre Vektor-Impfstoffe in seltenen, aber gravierenden Fällen zu Hirnvenenthrombosen führen.

Aber was ist mit Curevac? Am Donnerstag veröffentlichte das an der US-Technologiebörse Nasdaq gelistete Unternehmen Zahlen für das Geschäftsjahr 2020. Die Verluste übersteigen die Erlöse deutlich. Im Gesamtjahr setzte der Konzern knapp 49 Millionen Euro um, fast drei Mal so viel wie ein Jahr zuvor. Der operative Verlust lag bei knapp 110 Millionen Euro nach einem Minus von knapp 100 Millionen Euro im Vorjahr. Den Anstieg schreibt Curevac vor allem höheren Kosten für Forschung und Entwicklung des Impfstoffes zu. Der Verlust vor Steuern lag bei rund 130 Millionen Euro, im Vorjahr waren es 100 Millionen Euro. Dafür ist die Kasse voll: Die Liquidität lag zum Jahresende bei 1,3 Milliarden Euro und hat weiter zugelegt.

Bei der Entwicklung des Impfstoffes sieht sich der Konzern "gut im Zeitplan". Seit Mitte Februar läuft das rollierende Verfahren bei der europäischen Zulassungsbehörde EMA. Es soll die Zulassung beschleunigen, in dem die nötigen Daten fortlaufend eingereicht und geprüft werden. Für die zulassungsrelevante Phase 2b/3 seien in Europa und Lateinamerika mehr als 40 000 Teilnehmer rekrutiert worden. Eine Zwischenanalyse zur Wirksamkeit des Impfstoffes werde für das zweite Quartal 2021 erwartet. Einen formalen Antrag für die bedingte Zulassung will Curevac bei der EMA ebenfalls noch im zweiten Quartal stellen.

Wieler und Spahn gegen Notfallzulassung

"Bei der EMA dauert es oft zu lange, das haben wir schon bei Biontech gesehen", kritisiert SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. "Wenn Curevac ähnlich gut wirkt wie Biontech oder Moderna, was zu erwarten ist, sollte der Impfstoff schnellstmöglich zugelassen und verimpft werden", sagte er dem Spiegel. Alle drei basieren auf mRNA, sie liefert dem Immunsystem des Impflings die Bauanleitung, um die Abwehr aufzubauen. Lauterbach drängt auf eine "nationale Notfallzulassung". Er sehe keine Notwendigkeit für eine Notfallzulassung, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler am Donnerstag in der Bundespressekonferenz. Deutschland habe in den vergangenen Monaten mit den Maßnahmen der Zulassung, mit der genauen Betrachtung eventueller unerwünschter Nebenwirkungen den richtigen Weg gewählt. "Wir sollten immer sichergehen", sagte Wieler. Die Zulassung des Impfstoffes von Curevac hänge momentan nicht daran, dass die Zulassungsbehörde nicht schnell genug sei, sondern an den Daten, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU): "Wir haben noch nicht die Wirksamkeitsdaten, zum Beispiel. Ohne Wirksamkeitsdaten ist auch eine Notfallzulassung nicht möglich."

FILE PHOTO: Employee Philipp Hoffmann, of German biopharmaceutical company CureVac, demonstrates research workflow on a vaccine for the coronavirus (COVID-19) disease at a laboratory in Tuebingen

Ein Mitarbeiter in einem Labor von Curevac in Tübingen.

(Foto: Andreas Gebert/Reuters)

In den vergangenen Monaten hat Curevac ein Partnernetzwerk aufgebaut, dem unter anderem Bayer und Glaxo Smith Kline angehören. Zu den Partnern, die wichtige Fertigungsschritte für den Impfstoff namens CVnCoV abdecken sollen, gehören unter anderem Wacker Chemie, Fareva, Rentschler Biopharma, Novartis und die Celonic Group. Als Blaupause dient dabei die bestehende eigene Produktion in Tübingen, in der der Impfstoff bereits produziert werde - "auf eigenes Risiko", sagte Vorstandschef Franz-Werner Haas in einer Telefonkonferenz. Die eigene Großproduktionsanlage in Tübingen solle in der zweiten Jahreshälfte 2022 in Betrieb gehen.

Das Netzwerk werde im Laufe des Jahres 2021 voraussichtlich weiter ausgebaut, um eine Produktionskapazität von bis zu 300 Millionen Dosen zu erreichen. Für 2022 erhöht Curevac am Donnerstag die Prognose von bis zu 600 Millionen auf bis zu eine Milliarde Dosen. Curevac verhandele mit Regierungen und Institutionen wie der Initiative Covax, sagte Haas. Die Nachfrage nach Impfstoffen gegen das Coronavirus sei hoch und sie übersteige das Angebot.

Mag man den Verlautbarungen glauben, haben Curevac und Biontech etwa zur gleichen Zeit und wenige Wochen nach den ersten Berichten aus China über das neue Virus damit angefangen, sich Gedanken über einen Impfstoff zu machen. Zwar sprang im Juni 2020 der Bund dem Tübinger Unternehmen bei und erwarb über die Staatsbank KfW für 300 Millionen Euro knapp ein Viertel des Kapitals von Curevac. Weitaus früher, schon im März 2020, holte sich Biontech mit dem US-Konzern Pfizer und dem chinesischen Konzern Fosun sowohl aus fachlicher als auch finanzieller Sicht potente Partner an Bord, um den Corona-Impfstoff zu entwickeln. Im Dezember erteilte die US-Zulassungsbehörde FDA Biontech und Pfizer eine Notfallzulassung für seinen Impfstoff Comirnaty, kurze Zeit später erhielt das Präparat auch eine bedingte Genehmigung für die Europäische Union. Curevac-Chef Haas rechnet für sein Vakzin mit einer Zulassung im zweiten Quartal.

© SZ
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