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Pandemie:Eiskalte Verpackung für den Impfstoff

Corona-Impfstoff: Mitarbeiter der Firma "Va-Q-Tec" füllen Trockeneis in Transportboxen

Mitarbeiter der Firma Va-Q-Tec in Würzburg füllen eine Transportbox mit Trockeneis auf. Einige Impfstoffe müssen tiefgekühlt transportiert werden.

(Foto: Alex Kraus/Bloomberg)

Vakzine gegen das Coronavirus müssen bei stabilen Temperaturen transportiert werden. Die Boxen dafür liefert unter anderem die Firma Va-Q-Tec.

Von Elisabeth Dostert

Manchmal sieht Joachim Kuhn, 56, seine Boxen und Container jetzt im Fernsehen. Nicht in irgendwelchen Wissenschaftsformaten, die sich in einer Folge mal der Kunst des Kühlens annehmen, sondern in den Nachrichten. "Ich erkenne unsere Boxen sofort, selbst dann, wenn noch ein Karton drum rum ist", sagt Kuhn. Er ist Mitgründer und Vorstandsvorsitzender des Würzburger Unternehmens Va-Q-Tec. Es produziert, verkauft und vermietet Boxen und Container, in denen sich der Inhalt über mehrere Tage bei stabilen Temperaturen lagern und transportieren lässt. Die Bandbreite liegt den Angaben zufolge zwischen minus 70 Grad und plus 30 Grad.

Testkits für die USA und Brasilien

Der Inhalt sind derzeit oft Corona-Tests, oder auch Speichel- und Blutproben. Die ersten Anfragen erreichten die Firma im März aus Südkorea. "In unseren Boxen wurden bis heute weltweit einige Hundert Millionen Testkits transportiert, allein fünf bis sieben Millionen nach Brasilien. Wir haben auch die USA versorgt", sagt Kuhn. Seit "einigen Wochen" stecken in den Kisten auch Impfstoffe gegen das neue Virus. Noch ist keiner von ihnen zugelassen, aber bereits jetzt würden weltweit Dosen für klinische Tests ausgeliefert. Viele Länder hätten begonnen, Lager aufzubauen, damit nach der Zulassung die Impfungen sofort losgehen könnten. "Wir sind in etwa 30 Impfstoffprojekte in unterschiedlichem Umfang involviert." Das will Kuhn allerdings nicht näher erläutern, Namen darf er nicht nennen. Besonders Boxen für Temperaturen von weniger als minus 20 Grad seien gefragt.

In der langen Kette, über die der Impfstoff gegen das Coronavirus von den Herstellern zu den Menschen kommen soll, sind Firmen wie Va-Q-Tec wichtige Glieder.

Kuhn und Roland Caps, der seit 2017 die Abteilung Innovation und Qualität leitet, haben die Firma 2001 als Spin-Off der Universität Würzburg und des Bayerischen Zentrums für Angewandte Energieforschung gegründet. Beide sind promovierte Physiker. Sie haben schon ihre Doktorarbeiten über Dämmstoffe geschrieben. Was für die meisten Menschen nur das gelbe weiche Material zwischen Gipskartonplatten und Dachziegeln ist oder das weiße Styropor in der Kühlbox, genau das fasziniert Kuhn: "Dämmstoffe sind ein anspruchsvolles Thema. Es gibt eine Menge physikalischer Herausforderungen zu lösen, wie etwa der Wärmetransport von Festkörpern, Luft und Strahlung. Im Grunde nutzt man die gleichen Gleichungen für den intergalaktischen Austausch von Strahlungen."

Kuhn kann das Problem auch einfacher erklären. "Wenn man am Lagerfeuer sitzt, wird im Laufe von Minuten auch das Gesicht heiß durch die Wärmestrahlung des Feuers, die über die Luft transportiert wird. Diesen Transport gilt es zu unterbrechen." Viele der Probleme hat Va-Q-Tec mit seinen Vakuumisolationspaneelen gelöst. Sie bestehen aus mehreren Schichten, die das Eindringen von Luft verhindern. Innen herrscht ein Vakuum, "damit fällt die Luft als Transportweg für Wärme schon mal weg".

In den Paneelen stecken unter anderem synthetisches Siliciumdioxid, Polyurethan-Schäume oder auch Glasfasern. Mit den Paneelen werden Boxen und Container ausgekleidet. In die größten Container passen zwei Paletten, das Innenvolumen liegt bei 3000 Litern. Die kleinste Box hat etwa 25 Zentimeter Seitenlänge und ein Innenvolumen von vier Litern. Die großen Container kosten Kuhn zufolge so viel wie ein Kompaktklasse-Wagen, die Boxen wenige Hundert Euro.

va-Q-tec

In diesen großen Container passen Paletten.

(Foto: Natascha Libbert/oh)

Seit 2006 stellt Va-Q-Tec auch die Temperaturspeicher-Elemente selbst her. Sie werden auf die gewünschte Temperatur vorgekühlt und kommen dann in die Boxen, die dann keine eigene Energiequelle brauchen. Bei extremen Außentemperaturen bleibe die Temperatur in den Boxen mindestens fünf Tage stabil, bei normalen auch schon mal zehn Tage.

Es gibt Bäckereien, die liefern in den Boxen ihre Teiglinge aus

"Wir hatten schon immer eine Schlüsseltechnologie, wenn es um stabile Temperaturen geht, die kommt jetzt mehr und mehr zum Tragen, da auch immer mehr Biopharmazeutika auf den Markt kommen", sagt Kuhn: "Ein großer Teil der Medikamententransporte findet heute auch bei kontrollierter Raumtemperatur statt." Die Pharmaindustrie ist den Angaben zufolge der größte Abnehmer, aber nicht der einzige. "Wir haben auch Bäckereien, die in den Boxen Teiglinge transportieren." Mit den Paneelen beliefert das Unternehmen auch einige Hersteller von Kühlschränken.

Va-Q-Tec ist seit 2016 börsennotiert. Die Familien der beiden Gründer halten mehr als 25 Prozent des Kapitals. Der Aktienkurs hat im bisherigen Jahresverlauf 2020 kräftig zugelegt. 2019 stieg der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 28 Prozent auf knapp 65 Millionen Euro. Der Nettoverlust lag bei knapp zwei Millionen Euro - wegen der Investitionen für das weitere Wachstum, heißt es.

In den beiden Werken am Stammsitz in Würzburg und in Kölleda in der Nähe von Erfurt beschäftigt Va-Q-Tec knapp 500 Mitarbeitende. "Unter Strich hätten wir 2020 ohne Corona mehr Umsatz gemacht", sagt Kuhn. Zwar legte das Geschäft mit Pharmafirmen zu, dafür bestellten zum Beispiel die Hersteller von Kühlschränken deutlich weniger Paneele. Für das Gesamtjahr rechnet Kuhn mit einem Umsatz von mehr als 70 Millionen Euro.

Joachim Kuhn, Mitgründer und Vorstandsvorsitzender va-Q-tec

Joachim Kuhn, Firmenchef und Mitgründer von Va-Q-Tec.

(Foto: oh)

Im nächsten Jahr könnte allein das Geschäft mit Boxen für Impfstoffe, Test-Kits und Proben für ein "kräftiges Wachstum" sorgen, erwartet Kuhn. Va-Q-Tec werde mehrere Tausend palettengroße Container bauen und eine "deutlich sechsstellige Zahl" an Boxen. Das Wort Krisengewinnler hört Kuhn nicht gern. "Wir sind ein Krisenhelfer, und wenn dabei ein gutes Ergebnis rauskommt, freuen wir uns." Er treffe jeden Tag Entscheidungen, bei denen er nicht zuerst auf die Kosten schaue, sondern erst einmal, dass seine Kunden ihre oft "lebensrettenden Produkte" auf die Straße bringen.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels waren der Name des Mitgründers und das Gründungsdatum der Firma Va-Q-Tec falsch geschrieben. Das Unternehmen wurde 2001 und nicht 2011 gegründet; die Gründer heißen Joachim Kuhn und Roland Caps, nicht Cap.

© SZ/cat
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