Konjunkturschwäche in China "Die chinesische Regierung hat die USA unterschätzt"

Arbeiter stärken sich inmitten der Pekinger Hochhäuser.

(Foto: AFP)

Die USA zeigen sich bereit, die Kosten eines längerfristigen Handelskonflikts zu tragen. Damit hat Peking nicht gerechnet, sagt Doris Fischer von der Uni Würzburg. Den Deutschen rät sie, sich nicht am Säbelrasseln der Amerikaner zu beteiligen.

Von Lea Deuber

Doris Fischer gehört zu den führenden deutschen Experten für Chinas Wirtschaftssystem. Sie studierte BWL und Sinologie in Hamburg und Wuhan. An der Uni Würzburg hat sie seit 2012 einen Lehrstuhl inne und forscht zu Chinas Wirtschaftspolitik.

Interview am Morgen

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SZ: Frau Fischer, die jüngsten Wirtschaftszahlen aus China sind schlechter als erwartet. Der Export geht zurück. Der Konsum schwächelt. Droht dem Land eine Rezession?

Doris Fischer: Ich würde die Meldungen aus China nicht überbewerten. Wenn man davon ausgeht, dass die offiziellen Wachstumszahlen korrekt sind, ist die Lage bisher nicht dramatisch. Es gibt zwei Gründe für die schlechten Ergebnisse der vergangenen Monate. Der Handelskrieg zwischen China und den USA belastet den Export. Viele Konsumenten und Firmen im Land sind verunsichert. Sie halten sich mit Ausgaben und Investitionen zurück. Dazu kommen die Versuche Pekings, die Wirtschaft neu aufzustellen. Als wichtigste Maßnahme sehe ich die Entscheidung der Regierung 2017, stärker gegen die rasant gestiegenen Schulden vorzugehen. Die restriktivere Geldpolitik war bereits in der ersten Jahreshälfte 2018 durch eine sich abschwächende Konjunktur spürbar und dann drückte im vergangenen Quartal der Handelskonflikt aufs Wachstum.

Peking hat bereits neue Investitionen in die Infrastruktur angekündigt.

Das Wachstum war zuletzt vor allem von Schulden getrieben. Nach der Finanzkrise 2008 investierte Peking Milliarden in die heimische Infrastruktur, um ein Einbrechen der Konjunktur zu verhindern. Solche Investitionen generieren aber pro investiertem Euro immer weniger Wachstum. Deshalb setzt Peking auch auf Steuerentlastungen. Bis diese zu spüren sind, könnte es aber eine Weile dauern. Chinas Wachstumsmodell ist an seine Grenzen geraten. Das Land muss seine Industrie modernisieren - ein langwieriger Prozess. Notwendige Reformen sind bisher ausgeblieben. Unter Präsident Xi Jinping geht es eher rückwärts.

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Könnte der Handelskonflikt mit den USA die Reformen in China beschleunigen?

Beide Staaten verhandeln miteinander. Peking möchte aber nicht den Eindruck erwecken, dass es Washington gegenüber einknickt. Die chinesische Regierung hat die USA unterschätzt, und deren Bereitschaft, die Kosten eines längerfristigen Konflikts zu tragen.

5200 deutsche Firmen sind in China aktiv. Für viele Unternehmen ist es einer der wichtigsten Absatzmärkte. Volkswagen verkauft dort fast jedes zweite Auto. Was bedeutet ein möglicher Abschwung in China für die deutsche Wirtschaft?

Wenn sich chinesische Konsumenten zurückhalten, drohen Gewinneinbußen. Langfristig können produzierende Unternehmen zwar von sinkenden Preisen profitieren. Kurzfristig belastet ein Abschwung die Konzerne. Das hat auch Folgen für die Wirtschaft in Deutschland. Noch sehe ich keinen Grund zur Sorge. Wenn zum Beispiel ein Autohersteller in China investiert hat und von einem Wachstum von acht bis zehn Prozent ausgegangen ist, ist ein Rückgang der Wachstumsrate um einige Prozent bereits ein Problem. Er kämpft dann mit Überkapazitäten und seinen Händlern, die die Autos loswerden müssen. Trotzdem sind die Wachstumszahlen in Branchen wie dem Automarkt immer noch höher als in anderen Märkten. Ernst wird es nur, wenn die Wirtschaftszahlen längerfristig deutlich unter dem liegen, was Peking offiziell verkündet hat.

Im Handelskonflikt steht Deutschland zwischen seinem größten Handelspartner China und den USA als wichtigstem Verbündeten. Wie soll Deutschland jetzt agieren?

Die USA werfen China vor, ausländische Firmen im Land zu gängeln, gegen Vorschriften der Welthandelsorganisation zu verstoßen und systematisch geistiges Eigentum zu stehlen. Das ist auch ein Problem für deutsche Firmen. Trotzdem sollten die Europäer nicht auf Konfrontation setzen, sondern auf Dialog. Es wäre ein Fehler, sich dem Säbelrasseln der Amerikaner anzuschließen. Wir sind eine Nation, die vom internationalen Handel lebt. Beide Länder sind wichtige Partner. Das Zerfallen der Welt in zwei Teile wäre ein Desaster für die deutsche Wirtschaft.

In Deutschland diskutiert man über den Einsatz der Technologie von Huawei beim Ausbau des 5G-Netzes. Dem chinesischen Konzern wird zu große Nähe zu Peking vorgeworfen. Wie privat können Firmen in China überhaupt sein?

Die Beziehungen zwischen Firmen und der Regierung sind eng. Einige Unternehmer sitzen auch in politischen Gremien in Peking. Die USA werfen Huawei vor, chinesischen Sicherheitsdiensten durch die Technologie Zugriff auf ausländische Netzwerke zu ermöglichen. Dafür gibt es allerdings bisher keine Belege. Aus meiner Sicht sollte Deutschland auch nicht auf Wirtschaftssanktionen setzen, sondern auf eine strenge Aufsicht solcher Netze. Jedem Unternehmen aus China eine Verbindung zur Regierung zu unterstellen, finde ich falsch. Huawei ist ein Beispiel dafür, dass die Konzerne selbst kein Interesse an zu großer Staatsnähe haben. Das Unternehmen verliert durch den Verdacht weltweit den Zugang zu wichtigen Märkten.

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