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Buchhandel:Showküchen, Instagrambühnen und ein Raum für Stille

Das bereits obligatorische Café wird deshalb nicht aufgegeben, sondern aufgewertet - mit Fensterblick auf den Stachus: "Da kommen erfahrungsgemäß richtig viele junge Leute", dies will Hugendubel noch ausbauen. Mit verkabelten Coworkingplätzen - ausdrücklich auch für Schüler, die Referate vorbereiten und kostenlos Bücher aus der Filiale nutzen dürfen. Das klingt so, als ob da jemand die Starbucks-Idee des öffentlichen Arbeitsplatzes weitergesponnen hätte - als neue Art der Kundenbindung. "Das macht den Jugendlichen vielleicht so viel Spaß, dass sie einen anderen Zugang zu Büchern finden und irgendwann ein Buch bei uns kaufen", hofft Hugendubel. "Sie für den Einzelhandel zu begeistern, ist auch das Ziel."

Ihre Mitarbeiter hat sie bereits begeistert, sie mussten sich intern für die Pilotfiliale bewerben, wo 45 "Lesensberater" das neue Konzept leben und ausprobieren. Und sie ist überzeugt davon, dass die vielen Arbeitsgruppen in den vergangenen Monaten auch die Kultur in der Firma verändert haben. "Im Verständnis, wie wir Buchhandel von morgen sehen, sind wir noch mehr zusammen gewachsen."

Auch die Buchkette Thalia setzt auf eine neue Erlebniswelt in den Filialen.

(Foto: oh)

Die Idee, aus der Buchhandlung eine Begegnungsstätte zu machen, ist nicht neu. Doch Hugendubel will darüber hinausgehen, Buchinhalte zum Leben erwecken: Mit Bühnen, Workshops, Basteltischen für Kinder, einer Showküche oder auch einer Instagrambühne für Selfies. Und wer von der Einkaufshektik ganz platt ist, findet: einen leeren Raum der Stille, gedämpft, mit Stoff ausgekleidet, ein bisschen Licht - sonst nichts. Kein Buch, gar nichts. Fast schon absurd: 16 Quadratmeter leerer Raum an einem der teuersten Einzelhandelsstandorte Deutschlands. "Damit die Kunden ein bisschen durchatmen können, um mal innezuhalten, sich rauszunehmen, bei sich zu sein - das ist die Idee." Womöglich werden dort viele Kunden vor allem ihr Smartphone checken oder ein elektronisches Buch lesen: Im Wlan-Netz der Buchhandlung kann der Kunde alle E-Books kostenlos lesen - gedruckte Bücher stehen ja auch zur Verfügung.

Für Medienexperte Werner Ballhaus von der Unternehmensberatung PwC sind solche Angebote eine logische Konsequenz in der schwächelnden Branche. "Der stationäre Buchhandel wird sich künftig nur behaupten können, wenn er sich radikal verändert." Dazu gehört auch die Strategie, die Absatzkanäle Filiale und Internet zu pflegen und auch zu kombinieren. Er hat beobachtet, dass auch Buchketten, die Flächen reduziert haben, wieder auf die Buchhandlung setzen. "Sie bietet dem Kunden ein breites Einkaufserlebnis rund um das Buch. Dort kann er Produkte anschauen, Events besuchen oder sich zu neuen Titeln inspirieren lassen."

Auch Thalia-Geschäftsführer Michael Busch, 54, besinnt sich zurück auf die Filiale - trotz steigender Umsätze im Internet. "Wir wollen regional präsent sein, das ist wichtig für die Marke Thalia." Er möchte die Buchkette neu positionieren und "zu einem Content-, Service- und Erlebnislieferanten werden", wie er es ausdrückt. Fast gleichzeitig mit Hugendubel haben mehr als 100 Thalia-Mitarbeiter ein neues Filialkonzept entwickelt, das zunächst in Hagen, Düsseldorf und Leipzig ausprobiert werden soll.

Übernachtungen in der Buchhandlung

Die Entwürfe zeigen neben den Bücherregalen großzügige Flächen, lange Tische mit Arbeitsplätzen, ein Café, einen Bereich für Kinder und ein dominantes baumähnliches Gebilde. Eine Holzarchitektur will Geborgenheit vermitteln, zum Verweilen einladen, ein visuelles Orientierungssystem mit Piktogrammen das Konzept spielerisch abrunden. "Wir möchten dem Treffpunkt Buchhandlung mehr Raum geben", sagt Thalia-Vertriebs-Geschäftsführer Ingo Kretzschmar, 39. Thalia hat gerade eine Imagekampagne für das Lesen gestartet. Der Anspruch, Kunden wieder dazu zu animieren, sich für das Lesen zu begeistern, soll auch von dem neuen Ladenkonzept unterstützt werden. "Wir möchten unseren Kunden eine hohe Aufenthaltsqualität und die passende Atmosphäre bieten."

Themenevents, Lesetage oder auch Übernachtungen in der Buchhandlung sollen für Vielfalt sorgen. Das Unternehmen will deshalb auch die Titelauswahl in den Läden erhöhen. "Thematische Leuchttürme und Empfehlungslisten bringen die notwendige Sortimentstiefe." Buchhändler, Prominente und Blogger werden Lesetipps liefern. Das Sortiment soll zudem mit Non-Books angereichert werden, die besser zu den Büchern passen als bisher. Der Anteil werde aber nicht über 30 Prozent steigen, "weil wir zuallererst Buchhändler sind und bleiben", sagt Kretzschmar. "Wir möchten in den Läden Freiräume schaffen und pointierter Themen setzen, die die Menschen bewegen." Dies ist ganz im Sinne von PwC-Analyst Ballhaus: "Das Buch wird weiter seinen Platz behaupten." Er rechnet in den nächsten Jahren mit einem leichten Wachstum der Branche. Gut möglich, dass die neuen Buchflächen entscheidend dazu beitragen werden.

© SZ vom 15.11.2018/vd

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