Amazon-Buchhandlungen Amazon und die Rückkehr der Bibliothekare

Ein Kunde im ersten und bisher einzigen Buchladen von Amazon. Weitere Filialen in Portland, San Diego und New York sollen folgen.

(Foto: Elaine Thompson/AP)

Jeff Bezos hat viele Buchhandlungen auf dem Gewissen. Jetzt eröffnet der Amazon-Chef selbst welche - mit einem ungewöhnlichen Konzept. Ein Besuch.

Von Jürgen Schmieder, Seattle

Zur Zeit ist die Nachricht im Umlauf, dass Jeff Bezos' Versandkonzern in New York einen Buchladen eröffnen will. Noch handelt es sich nur um ein Gerücht. Aber weil Amazon wie die meisten digitalen Konzerne eine Firma ist, die nur wenig über sich preisgibt, muss man es sehr ernst nehmen.

Immerhin ist Amazon der Konzern, der daran schuld ist, dass in Amerika sehr viele Buchläden verschwunden sind. Die Buchhandelskette Borders ist schon in die Knie gegangen. Die andere Kette, Barnes & Noble, hat neben vielen anderen Geschäften ihren legendären ersten Laden im Uni-Viertel geschlossen. Vor allem aber ist New York das Zentrum der amerikanischen Bücherwelt. Hier sind die meisten großen Verlage. Hier leben viele berühmte Schriftsteller. Warum also will Jeff Bezos hier einen Buchladen eröffnen? Warum will er überhaupt Geschäfte eröffnen?

Wenn Jeff Bezos einen Buchladen eröffnet, muss es einen guten Grund geben

Der amerikanische Buchhandel steckt schon seit Jahrzehnten in der Krise. Das war auch der eigentliche Grund, warum Jeff Bezos seine Firma 1994 als Versandhandel für Bücher gründete. Er hätte auch Drogeriewaren verkaufen können, Möbel oder Elektrogeräte (all das tut er inzwischen auch). Er war ja von Haus aus kein Buchhändler, sondern Informatiker, der zuletzt beim Hedgefonds D. E. Shaw & Co. gearbeitet hatte. Nein, er suchte sich mit dem sicheren Jagdinstinkt des Unternehmers die schwächste aller Branchen, um den Einzelhandel zu revolutionieren. Es muss also auch einen guten Grund dafür geben, dass er nun Buchläden eröffnet.

So sieht der Amazon Bookstore in Seattle aus

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Um ihn zu verstehen, besucht man am besten den Prototyp dieser Buchhandlungen. Bezos hat ihn vor einigen Monaten in Seattle eröffnet, der Stadt im Nordwesten der USA, in dem auch der Firmensitz von Amazon liegt.

Der Laden ist in einer Ziegelbox mitten im University Village untergebracht, einer jener Shopping Malls, die mit ihren Wegen und Gassen das Gefühl simulieren, man flaniere durch organisch gewachsene Einkaufsstraßen. "Kommen Sie mal mit, ich habe da genau das Richtige für Sie", sagt Andrea. Sie ist eine der etwa 15 Mitarbeiter des Geschäftes und führt den Besucher durch die Gänge. Sie hat erfahren, dass er die Fernsehserie "Lost" liebt und gerne Bücher von Chuck Palahniuk liest. Das genügt, schließlich hat Andrea - das steht auf ihrem Mitarbeiterschild - bereits mehr als 1000 Bücher auf dem Kindle gelesen. "Dazu noch viel mehr echte Bücher!"

In den Regalen stehen nur 6000 Titel, ein Drittel des Sortiments vergleichbarer Läden

Andrea, die ihre Brille an einer um den Hals hängenden Kette befestigt, hätte vor zwanzig Jahren vielleicht die Bibliothek einer Kleinstadt geleitet. Sie hätte einem Teenager ein Buch von Franz Kafka in die Hand gedrückt, eines von Douglas Adams und augenzwinkernd noch eines von Charles Bukowski, damit er möglichst viel über das Leben lernt. Nun führt sie einen milde lächelnd und doch recht zielstrebig durch die Gänge.

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