Buchhandel Endlich wieder cool sein

Nina Hugendubel während eines Rundgangs durch die neue Buchhandlung Hugendubel am Stachus in München.

(Foto: Jan A. Staiger)
  • Die großen Buchhandelsketten Hugendubel und Thalia versuchen mit neuen Konzepten, mehr Kunden in die Geschäfte zu locken.
  • Die Branche leidet unter der starken Konkurrenz durch Internet-Versandhändler wie Amazon.
  • Künftig sollen Buchläden der Ketten eine Mischung aus übersichtlichen Themenwelten, Coworking-Space und Ruheräumen sein.
Von Dieter Sürig

Für jedes Gedicht ein Haus: Lange vor der Krise des Buchhandels wollte der Schweizer Architekt Peter Zumthor zur Weltausstellung Expo 2000 in Hannover ein Kunstprojekt realisieren, das die Idee eines Buchladens auf die Spitze getrieben hätte. Er wollte unter dem Titel "Poetische Landschaft" 13 Gedichten jeweils ein Haus bauen, in denen die Unikate exklusiv zu lesen gewesen wären. Die Expo verzichtete darauf, doch die Grundidee ist aktueller denn je - nur unter umgekehrten Vorzeichen. Wer einen Buchladen betreibt, muss den Leser locken, weil es das gewünschte Buch ÜBERALL gibt. In Tausenden anderen Buchläden und - im Internet.

Im Hinblick auf die stagnierenden Umsatzzahlen der Buchbranche, den dramatischen Schwund der Buchkäufer und darauf, dass im vorigen Jahr fast 19 Prozent des Buchumsatzes im Internet getätigt wurden, müssen sich die Buchhändler etwas einfallen lassen. "So wie bisher können wir den Buchhandel nicht weiterbetreiben", sagt Nina Hugendubel, die das Münchner Familienunternehmen mit 82 Filialen und 70 Karstadt-Buchabteilungen zusammen mit ihrem Bruder Maximilian führt. Das hört sich drastisch an. Doch mehr Lesungen, mehr Kaffee, mehr Leseecken - das allein reicht nicht mehr, um Kunden in die Läden zu holen. Dass auch mehr Bücher auf immer größeren Flächen nicht reichten, haben die Buchketten leidlich erfahren. Sie mussten Läden schließen, große gegen kleinere tauschen, Flächen schrumpfen. Nun kommt der nächste Schritt des Projekts "Wir erfinden uns neu", der Wandel erreicht eine neue Qualität.

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Wenn Hugendubel an diesem Donnerstag seinen Flagship-Store am Münchner Stachus wiedereröffnet, möchten die Betreiber "neue Maßstäbe für den Buchhandel" setzen, vom "Buchshop der Zukunft" ist die Rede. Konkurrent Thalia aus Hagen mit 232 Filialen in Deutschland will eine Woche später damit beginnen, sein neues Buchhandelskonzept auszurollen - die Filialen sollen zum "lebendigen Treffpunkt für alle" werden und den Leser dabei unterstützen, in Geschichten "eintauchen" zu können. Beide Ketten investieren jeweils Millionen in die neue Bücherwelt.

"Wir müssen uns verändern - nicht in kleinen Schritten und nicht nur mit einem neuen Ladenbau", sagt Nina Hugendubel, 48. "Wir wollen wirklich weit nach vorne gehen." Damit meint sie vor allem, dass sie sich im wahrsten Wortsinne von alten Strukturen verabschieden will. "Wir mischen die Sortimente in neue Welten und lösen die Bestandswarengruppen komplett auf." Das bedeutet, dass die von Generationen Buchhändlern gepflegte Ordnung "Belletristik von A bis Z" abgeschafft wird. Was in den vergangenen Jahren behutsam mit Thementischen begann, wird nun um so konsequenter fortgesetzt. Disruption im Buchhandel gewissermaßen.

Die kameralistische Verwaltung von Warengruppen hat keine Chance mehr

"Wir haben fünf Welten kreiert, die auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet sind", sagt Hugendubel. "Das funktioniert mit den alten Warengruppen nicht." Die Kunden finden auf den 2000 Quadratmetern der modernisierten Münchner Filiale Bücherwelten namens "Abtauchen", "Leben, wohnen und genießen", "Lernen, spielen und machen" sowie "Fenster zur Welt" und "Horizonte" vor. "Menschen wollen in andere Welten abtauchen, aber das ist nur ein Teil der Belletristik", sagt Hugendubel. "Ein anderer Teil beschäftigt sich mit Gegenwartsliteratur und anspruchsvollen Texten. Solche Dinge trennen wir." Die kameralistische Verwaltung von Warengruppen hat da keine Chance mehr. "Wenn das funktioniert, dann wird das auch die Systeme in der Firma umkrempeln", sagt Nina Hugendubel.

Für das Stöbern mag das ganz inspirierend sein, aber wie findet der Kunde, was er sucht? Das Zauberwort heißt "Visual Merchandising": Die Welten sind intuitiv inszeniert, ein kleiner Elefant weist etwa den Weg zu Romanen, Bildbänden oder Reisebüchern über Afrika. Oder der neueste Thriller des schwedischen Lieblingsautors steht bei den Schwedenkrimis. Und nicht in den endlosen Regalreihen von Mord und Totschlag aus aller Welt.

Die Buchflächen wirken geräumiger und übersichtlicher - auch weil viele Bücher mit dem Cover präsentiert werden, nicht traditionell mit dem Rücken. Das hat Konsequenzen: Anstatt der bisher 50 000 Produkte sind es nur noch 35 000, weniger ist mehr. Und wenn der Kunde etwas nicht findet, kann er weiterhin einen Mitarbeiter fragen. Der soll sich "mehr als Gastgeber verstehen und nicht nur als Buchhändler", sagt Nina Hugendubel. Das äußert sich dann auch darin, dass der Mitarbeiter den Kunden womöglich mit einem Gratis-Kaffee aus der Maschine überrascht.