Brexit Boris bedient das Bauchgefühl

Geschickter Populist: Großbritanniens Außenminister Boris Johnson (im Bild einen Tag nach dem Brexit-Referendum)

(Foto: REUTERS)

Mit seinem Plan für den Brexit attackiert der britische Außenminister die Premierministerin. Und gibt seinen Landsleuten, wonach sie sich so sehnen: Bestätigung.

Kommentar von Cathrin Kahlweit, London

Boris Johnson, der britische Außenminister, sieht immer aus, als sei er gerade auf seinem Rennrad 20 Kilometer gegen den Wind angestrampelt und hätte dabei, zur Stärkung, gleich mehrere Flaschen Bier gekippt. In den Medien wird er regelmäßig als Lachnummer oder Quartals-Narzisst hingestellt. Aber der Coup, mit dem Johnson am Wochenende die Debatte um den Brexit aufgemischt hat, ist - das muss man ihm lassen - gelungen.

Es ist ein Meisterstück der politischen Propaganda, das er da im konservativen Telegraph publizierte und das die Mitarbeiter der entsetzten Premierministerin, der Form halber, ein paar Stunden vor Drucklegung zu sehen bekommen haben sollen. In den britischen Medien wird seine im Stil pathetische, im Inhalt faktenarme Wortmeldung auf Lächerlichkeiten (Steuer auf Tampons senken) und Sinnloses (Der Brexit wird großartig, weil er großartig wird) reduziert. Auch "Boris der Lügner" ist zurück: Während der Leave-Kampagne hatte er, allen Experten zum Trotz, behauptet, 350 Millionen Pfund zusätzlich pro Woche für das Gesundheitswesen seien ein Leichtes, wenn das Geld endlich, statt in die EU, ins eigene Land fließen könne.

Nun wiederholt er die Zahl und seine Behauptung, er ist dabei allerdings vorsichtiger geworden: Jetzt heißt es, nach einer endgültigen Bilanzierung aller Kosten und Einsparungen und wenn das Land endlich befreit sei von Brüssels Fesseln, müsse doch wohl genug Geld übrig sein, um den NHS, das chronisch unterfinanzierte Gesundheitswesen, mit dicken Finanzspritzen wiederzubeleben. Alle Bürger - Leave-Befürworter und Brexit-Gegner - warten in Großbritannien teils bis zu einem Jahr auf Operationen, die nicht lebenswichtig sind. Johnson erreicht mit solchen politischen Forderungen, die tatsächlich wenig mit dem Ausstiegsdeal und Brüssel zu tun haben, womöglich mehr Menschen, als es die recht akademische Debatte über harten oder weichen Brexit derzeit vermag.

Boris Johnson bedient die Sehnsucht nach Bestätigung

Johnson ist ein Populist, aber er ist ein geschickter Populist; viele, die in den vergangenen Monaten von Theresa May zur Seite gedrängt worden waren, wittern Morgenluft und versammeln sich hinter dem ehemaligen Londoner Bürgermeister. May ist von allen Seiten massiv unter Druck, sie will am Freitag in Florenz eine "große" Brexit-Rede halten, um den Stillstand in den Verhandlungen zu beenden, die Rede soll auch ein persönlicher Befreiungsschlag sein. Nun ist Johnson ihr zuvorgekommen. Das ist ein kalkulierter Affront. Ob dieser zum Schluss ihn - oder May - den Kopf kostet, wird man sehen; May ist in den Augen ihrer Kritiker (Fans hat sie ohnehin wenige) in jedem Fall die weniger riskante Alternative. Aber viele Tories an der Basis sind begeistert: Endlich jemand, der mal wieder Stimmung macht, der mit einer Beschwörung britischer Einzigartigkeit und Größe die Herzen erreicht. Was zählen da banale Fakten, ökonomische Gesetze oder auch nur die Befindlichkeiten der Verhandlungspartner in Brüssel?

Johnsons Vorstoß mag inhaltlich irrational und größenwahnsinnig sein, aber er legt, einmal mehr, ein grundlegendes Problem des gesamten Brexit bloß: Die Entscheidung der 52 Prozent für den Ausstieg war weniger gespeist von Wut über Zahlungen in bestimmte Kassen oder Widerstände gegen bestimmte Gesetze - als von einer Sehnsucht nach Bestätigung: Wir sind Briten, wir sind anders, wir waren, sind und werden groß sein. Johnson bedient mit seinem Pathos schamlos, was May schon aufgrund ihrer persönlichen Gehemmtheit und Unsicherheit nicht bedienen kann: Er spricht den Bauch an, nicht den Kopf, er verspricht einen "mächtigen" Erfolg für den Brexit. Das ist es, was viele Briten nach Monaten der Verunsicherung hören wollen. Es wird die Verhandlungen mit Brüssel nicht leichter machen.

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