bedeckt München

Boeing:US-Aufsicht lässt "737 Max" unter Auflagen wieder starten

Damit endet eine Episode, die Boeings Ruf beinahe zerstört hat, vor allem aber 346 Menschen das Leben kostete. Bis Fluglinien die Maschine wieder einsetzen, dürfte es aber noch dauern.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Wenn der lange geschasste ehemalige Boeing-Chef Dennis Muilenburg recht behalten hätte, dann würde die Boeing 737 Max schon seit eineinhalb Jahren wieder fliegen. Die technischen Änderungen seien schnell einzuführen, hatte Muilenburg seinen Kunden immer wieder versichert, so lange, bis ihn irgendwann der Verwaltungsrat doch noch hinauswarf. Das war kurz vor Weihnachten 2019.

Es hat dann noch fast ein Jahr gedauert, bis die amerikanische Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA) sich dazu in der Lage sah, das seit März 2019 geltende Flugverbot für das Kurz- und Mittelstreckenflugzeug aufzuheben. Am Mittwoch gab FAA-Chef Stephen Dickson sein Einverständnis dafür, die Maschine wieder in den Liniendienst zurückzuholen, vorausgesetzt, Boeing und die Betreiber erfüllen alle von der FAA vorgegebenen Auflagen, darunter die Installation einer neuen Steuerungssoftware an den Flugzeugen.

Damit endet eine Episode, die Boeings Ruf zeitweise zerstört und den Konzern bislang einen zweistelligen Milliardenbetrag gekostet hat, an deren Anfang aber vor allem der Tod von 346 Passagieren und Besatzungsmitgliedern steht.

Am 29. Oktober 2018 war eine Max der Lion Air kurz nach dem Start in der indonesischen Hauptstadt Jakarta abgestürzt, 189 Menschen kamen ums Leben. Am 10. März 2019 verunglückte eine Max der Ethiopian Airlines unter ähnlichen Umständen in der Nähe von Addis Abeba, 157 Menschen starben. Hauptursache der beiden Unfälle war die fehlerhaft konstruierte und mangelhaft abgesicherte Software Maneuvering Characteristics Augmentation System (MCAS), die in bestimmten Fluglagen massiv in die Steuerung eingreift. Bei beiden Flügen war vermutlich ein kaputter Geschwindigkeitssensor Auslöser einer Kette von Ereignissen, die die Piloten nicht mehr unterbrechen konnten.

Die meisten Airlines wollen das Flugzeug erst 2021 wieder einsetzen

Die FAA verlangte nicht nur, dass MCAS entschärft und besser gegen Routinepannen abgesichert wird, sondern auch bessere Informationen und Schulungen für die Piloten. Boeing musste am Ende auch Kursen im Flugsimulator zustimmen, die das Unternehmen aus Kostengründen unbedingt vermeiden wollte. Auch andere Behörden wie Transport Canada und die European Union Aviation Safety Agency (EASA) haben die Unfälle analysiert und zum Teil eigene Forderungen eingebracht. Die EASA etwa hatte durchgesetzt, einen weiteren synthetischen Sensor einzuführen, um möglicherweise abweichende Werte der beiden bereits existierenden abgleichen zu können.

So oder so wird es noch Wochen dauern, bis die ersten Max wieder Passagiere befördern. American Airlines hat angekündigt, die Maschinen Ende Dezember zunächst von New York auf den Strecken nach Florida einzusetzen, praktisch alle anderen Airlines werden wohl erst 2021 folgen. Boeing hatte bis zum Flugverbot etwa 380 Maschinen ausgeliefert, die die Betreiber nun wieder reaktivieren können. Hinzu kommen rund 400 Jets, die zwischen März 2019 und Anfang 2020, als Boeing die Produktion vorübergehend einstellte, gebaut wurden. Von den 400 sollen im kommenden Jahr rund 200 ausgeliefert werden, obwohl die Fluggesellschaften derzeit nichts weniger brauchen als neue Flugzeuge.

© SZ

SZ PlusBoeing 737 Max 8
:Protokoll einer Katastrophe

Mensch gegen Bordcomputer: Wie die Piloten zweier fabrikneuer Boeing "737 Max 8" verzweifelt versuchten, den Absturz zu verhindern. Eine Rekonstruktion.

Von Jens Flottau, Claus Hulverscheidt und Nicolas Richter

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite