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Corona-Impfstoffe:Biontechs Gewinn ist ein Gewinn für alle

Die Köpfe hinter Biontech: Das Gründerpaar Uğur Şahin und Özlem Türeci.

(Foto: AFP)

Die Pharmaindustrie macht jetzt Kasse - und das ist wunderbar.

Kommentar von Bastian Brinkmann

Bei Traumreisen stößt man wenig Aerosole aus und die menschlichen Kontakte sind auf null reduziert, ganz wie es den Virologen gefällt. Traumreisen sind also die ideale Reiseform in der Pandemie, und sie erlauben, sich Folgendes vorzustellen: Wie sähe die Welt aus, wenn Biontech im ersten Quartal 2021 nicht rund eine Milliarde Euro Gewinn gemacht hätte - sondern 100 Milliarden Euro? Wenn also die Welt im Vorjahr entschieden hätte, die Impfstoffhersteller mit Geld zu übergießen. Davon hätten die anderen Impfstoffhersteller ebenso profitiert: Der US-Konzern Moderna, der ebenfalls einen in Europa verspritzten mRNA-Impfstoff entwickelt hat, käme also nicht auf einen Quartalsgewinn von umgerechnet einer Milliarde Euro, sondern auf 100 Milliarden Euro. Und Astra Zeneca soll in dieser Traumwelt bitte auch 100 Milliarden Euro Gewinn machen; in der Realität hat das Unternehmen übrigens verkündet, mit dem Impfstoff keinen Gewinn machen zu wollen.

300 Milliarden Euro für die Pharmaindustrie - ist das nicht verrückt, Konzernen und ihren Eigentümern so viel Geld zu wünschen? Nein. Denn die Schäden der Pandemie sind zigfach größer. Sie werden nicht in Milliarden gemessen, sondern in Billionen. Und je mehr Impfstoff verspritzt wird, desto geringer wird der Schaden. Jeder Euro, den Biontech als Gewinn verkündet, ist ein Gewinn für die gesamte Gesellschaft. Das müssen auch alle eingestehen, die Konzernen eigentlich nicht über den Weg trauen und Krankheiten sonst lieber nicht mit den Produkten der Pharmaindustrie lindern, sondern mit einem Tee aus Gartenkräutern.

Im Jahr zwei der Corona-Pandemie ist es ein Leichtes, als einer von 83 Millionen deutschen Virologen aus dem Lehnstuhl heraus zu sagen, was 2020 alles hätte besser laufen sollen. Und Pharma-Branchenkennerinnen sind äußerst skeptisch, ob mehr Geld für die Impfstoffhersteller in gleichem Maße die Zahl der verfügbaren Dosen gesteigert hätte. Denn Kapital ist schlicht nicht der einzige Faktor, es braucht Wissen, Fachkräfte, Materialien. Nur weil eine Forscherin zehn Mal mehr verdient, findet sie nicht automatisch zehn Mal schneller das perfekte Zusammenspiel von Lipiden und Ethanol im Labor, das ein mRNA-Impfstoff braucht.

Aber selbst wenn lediglich eine Produktionsstätte mehr hätte geschaffen werden können, hätte sich ein Mehr an staatlichen Ausgaben für Impfstoffe ökonomisch schon gelohnt. So immens sind schlicht die Folgeschäden der Seuche.

Über die Finanzmärkte hätten die Staaten Milliarden für die Impfstoffproduktion mobilisieren können

Politökonomisch ist es immer gefährlich, mit einem großen Sack Geld in Verhandlungen zu gehen. Das schwächt die eigene Verhandlungsposition und kann dubiose Geschäftemacher anlocken. Die Maskenaffäre zeigt genau das. Allerdings ist eine Maske schneller genäht als ein Impfstoff gemischt. Und zwickt die Maske, ist das weniger schlimm, als wenn ein Impfstoff verunreinigt wäre. Je hochtechnisierter der Bereich, desto kleiner ist also das Sack-Geld-Dilemma. Aber ein Restrisiko bleibt immer, wenn Staaten Hunderte Milliarden in Aussicht stellen (beispielsweise kommt ein Wladimir Putin und versucht, Geopolitik mit Sputnik V zu machen).

Doch das Dilemma ist lösbar, zumindest für die nächste Seuche: Programme für Pandemie-Impfstoffe können über staatliche Schulden finanziert werden. Das hat zwei Vorteile. Erstens lässt sich so viel mehr Geld mobilisieren als über knappe Staatskassen. Und zweitens sind die Summen wiederum nicht grenzenlos. Die Finanzmärkte können als Kontrollinstanz wirken, die durch steigende Zinsen signalisieren, wann Schulden zu hoch werden. Auch diese Variante wäre natürlich nicht perfekt, aber Perfektion ist in einer Pandemie schwierig. Klar ist: Am Geld darf der Kampf gegen den Keim nicht scheitern.

© SZ
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