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Nachhaltigkeit:Biologische Vielfalt ist gut fürs Geschäft

Humans Do The Work of Bees in Rural China

Für manche eine düstere Zukunft, in einer chinesischen Region 2016 schon Realität: Eine Frau bestäubt einen Obstbaum per Hand.

(Foto: Kevin Frayer/Getty)

Artenschutz nutzt nicht nur der Umwelt, sondern auch der Bilanz. Das beginnen Unternehmen aber erst langsam zu begreifen. Wie sehr sie von den kostenlosen Leistungen der Natur profitieren, zeigt eine Studie.

Von Silvia Liebrich, München

Arbeiter, die von Hand die Blüten von Apfelbäumen bestäuben, geben ein irritierendes Bild ab. Es macht deutlich, dass etwas ganz Entscheidendes fehlt: die Bestäuber, die einem massiven Einsatz von Pestiziden zum Opfer fielen. Vor ein paar Jahren gingen diese Aufnahmen aus einer Obstbauregion in China um die Welt. Ohne Bestäubung keine Ernte. Die Arbeit, die sonst kostenlos Abermillionen von Honigbienen und andere Insekten erledigten, oblag nun einer Vielzahl Menschen, die dafür entlohnt werden mussten. Ein anschauliches Beispiel dafür, welchen ökonomischen Schaden das Artensterben anrichten kann.

Wirtschaft und Unternehmen sind gerade erst dabei zu verstehen, welche Folgen der Verlust von Biodiversität für ihr Geschäft haben kann. Was schwer begreiflich ist, lässt sich noch schwerer in Zahlen fassen. Genau dafür haben sich nun die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) und der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) zusammengetan. Einblick in die finanziellen Zusammenhänge liefert ein Studie mit dem Titel "Wirtschaften im Einklang mit der Natur", die an diesem Mittwoch veröffentlicht wird. Die Biodiversität stellt demnach jährlich mehr als 170 Billionen Dollar an Ökosystemleistungen bereit, zusätzlich zu ihrem Eigenwert. Eine gewaltige Summe, die dem Doppelten der aktuellen weltweiten Wirtschaftsleistung entspricht. Und jedes Jahr gehen laut Studie mehr als sechs Billionen Dollar an wirtschaftlich relevanten Umweltleistungen verloren.

Es ist der Versuch zu beziffern, was die Natur in Form von nährstoffreichen Böden, Wasser, Bestäubung und vielem mehr der Menschheit zur Verfügung stellt - oder eben verloren geht, wenn es nicht geschützt wird. Klar ist auch, solche Zahlen können nur eine grobe Annäherung sein. Sie zu berechnen ist nach Angaben von BCG-Partner Torsten Kurth viel komplizierter als etwa der CO₂-Ausstoß. Auch, weil der Artenrückgang schwerer messbar sei. Viele Unternehmen hätten das Problem inzwischen erkannt. Doch er sagt auch: "Biodiversität steht noch nicht so prominent auf der Agenda von Firmen wie CO₂."

Das wahre Ausmaß des Problems werde in der Wirtschaft verkannt, kritisiert Nabu-Präsident Präsident Jörg-Andreas Krüger. Nach seiner Wahrnehmung ist die Diskussion um die Biodiversität dort angelangt, "wo wir mit der Klimakrise vor zehn Jahren standen". "Der Verlust von Biodiversität sei im Gegensatz zur Klimakrise ein regionales Problem", ergänzt er. "Defizite können nicht wie bei CO₂ an anderer Stelle ausgeglichen werden."

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass vor allem fünf große Wirtschaftssektoren für den globalen Artenverlust verantwortlich sind. "Knapp 60 Prozent dieser Belastungen gehen aktuell auf das Konto von Land- und Forstwirtschaft, Rohstoffabbau, industrieller Produktion und der Ausweitung von Infrastruktur." Der Schutz der biologischen Vielfalt spiele bei den meisten unternehmerischen Entscheidungen derzeit keine Rolle, stellen die Autoren fest. Genau das muss sich nach ihrer Einschätzung grundsätzlich ändern.

Das Dilemma wird in keinem anderen Sektor so deutlich wie in der Landwirtschaft

Den größten ökonomischen Beitrag leisten den Angaben zufolge Meeresökosysteme, die 68 Prozent des Gesamtwertes darstellen. Sie tragen erheblich dazu bei, das Klima zu regulieren oder Küstengebieten vor Erosion zu schützen. Der Rest wird den Lebensräumen an Land zugeschrieben.

Das Dilemma wird in keinem anderen Sektor so deutlich wie in der Landwirtschaft. Intensiver Ackerbau, intensive Tierhaltung und Forstwirtschaft gelten hierzulande als einer der Hauptverursacher für den Verlust von biologischer Vielfalt. Pestizide und chemischer Dünger sollen gute Ernten sichern. Zugleich werden so aber auch Böden ausgelaugt, Bienen und anderen Insekten fehlt es an Nahrung. Ein Teufelskreis, der am Ende der Landwirtschaft selbst schadet.

Ein Teil der landwirtschaftlichen Erzeuger sei sich dessen inzwischen bewusst, ähnliches gelte auch für andere Branchen, stellt BCG-Experte Kurth fest. "Viele Firmen haben angefangen, das Thema ernst zu nehmen. Was fehlt, ist ein systematischer Ansatz, der der Herausforderung auch gerecht wird." Er will die Studie auch als Leitfaden für Unternehmen verstanden wissen, der dabei hilft, Geschäftsmodelle neu zu justieren. Nach seiner Beobachtung ist ein Umdenken in manchen Chefetagen bereits zu erkennen. Er weiß aber auch, bis dies Produktionsebene umgesetzt wird, können Jahre vergehen.

© SZ
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