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Studie:Befürworter des Grundeinkommens sind weniger liberal als angenommen

Bettler in Berlin

Wer "Geld für alle" ruft, meint auf den zweiten Blick nicht "alle", zeigt eine Auswertung des IW Köln.

(Foto: picture alliance / dpa)

Für den etwa auch? Wer das bedingungslose Grundeinkommen befürwortet, will nicht alle mit Geld beglücken, zeigt eine Studie.

Von Lea Hampel

Befürwortern eines bedingungslosen Grundeinkommens wird gern unterstellt, ein besonders positives Menschenbild zu haben. Dass das nicht der Fall ist, zeigt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Sie wird an diesem Mittwoch veröffentlicht und lag der Süddeutschen Zeitung vorab vor. Die Auswertung zeigt: So mancher, der "Geld für alle" ruft, hat auf den zweiten Blick eine eher eingeschränkte Definition von "alle".

Für die Studie haben die Wissenschaftler Daten der jüngsten European Social Survey (ESS) neu ausgewertet und unter anderem Folgendes herausgefunden: 42,4 Prozent derjenigen, die in Europa ein Grundeinkommen für gut befinden, wollen den Zugang auf Menschen beschränken, die mindestens ein Jahr gearbeitet und Steuern gezahlt haben. Auch Befürworter des Grundeinkommens scheinen also zu finden, dass vornehmlich Erwerbsarbeit Arbeit ist und der Sozialstaat eine reziproke Angelegenheit sein sollte.

Ebenfalls bemerkenswert an der Neuauswertung ist, dass sich weniger Deutsche auf ein Grundeinkommen einigen können (38 Prozent) als darauf, den Zugang zum Sozialstaat für Zuwanderer zu beschränken (mehr als 50 Prozent).

Mit ihrer Meinung befinden sich die Deutschen im europäischen Mittelfeld: Die Bewohner skandinavischer Länder sind seltener für ein Grundeinkommen, würden es aber möglichst vielen gewähren. Das Gegenbeispiel bilden viele Staaten Osteuropas, wo, wie Studienautor Matthias Diermeier sagt, eine Art "exklusiver Etatismus" herrscht: Viele finden dort ein Grundeinkommen gut, wollen es aber nur Staatsbürgern zahlen.

Wenn sich der Nachbar auf der Gartenliege fläzt, kann einen das schon mal ärgern

Menschen die, kurz gesagt, dafür sind, dass nur eine eingeschränkte, nach ethnischer Zugehörigkeit oder scheinbar objektiver Leistung definierte Gruppe vom Sozialstaat profitiert, bezeichnet man in der Wissenschaft als Wohlfahrts-Chauvinisten. In diese Rubrik fallen der Analyse zufolge jedoch bei Weitem auch nicht alle Befürworter des Grundeinkommens: Nur zwei Prozent der befragten Deutschen würden Migranten nie Zugang zum Sozialstaat gewähren. Und mehr als 20 Prozent der Befürworter würden sogar Menschen ein Grundeinkommen zugestehen, die ein Jahr im Land waren, in der Zeit aber keine Steuern gezahlt haben.

Dennoch relativiert die Studie so manche erfolgreiche Unterschriftenaktion und Kampagne. "Wenn man es ganz klar konkretisiert, werden die Unterschiede in den Grundeinkommenskonzepten deutlich, und damit ist es schwerer, Mehrheiten zu bekommen", sagt Diermeier. Tatsächlich bestätigt die Forschung auch, was Menschen, die sich lange mit dem Thema befassen, gern sagen: Das Knifflige am bedingungslosen Grundeinkommen ist nicht, ob man eines möchte. Sondern ob man es aushält, dass der Nachbar eines bekommt und es beispielsweise dafür nutzt, auf der Gartenliege zu fläzen.

Die Ergebnisse sind dennoch unter Vorbehalt einzuordnen. Die Werte der European Social Survey stammen von 2016. Seitdem hat unter anderem das Experiment in Finnland stattgefunden, und in Berlin wurden Hunderte einjährige Grundeinkommen verlost.

So manch einer dürfte zudem spätestens in den vergangenen Monaten seine Meinung zu einer grundsätzlichen Sicherung geändert haben. Die Frage, ob es leichter auszuhalten ist, dass der Nachbar auf der Gartenliege lungert, wenn man selbst wegen Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit zu ähnlichem gezwungen ist, bliebe freilich zu erforschen.

© SZ vom 22.07.2020

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