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Bayer-Hauptversammlung:Die Stimmen verstummen, die Kritik nicht

German drug and crop chemical maker Bayer holds annual general meeting

Die letzte Jahreshauptversammlung war für Bayer-Aufsichtsratschef Werner Wenning (links) und Konzernchef Werner Baumann eher ungemütlich. Wenning findet trotzdem: "Bayer ist strategisch und operativ auf einem sehr guten Weg."

(Foto: REUTERS)

Die letzte Hauptversammlung von Bayer-Aufsichtsrat Werner Wenning findet virtuell statt, ohne Wortbeiträge. Doch das hält die Investoren nicht davon ab, ihre Meinung zu äußern.

Von Elisabeth Dostert

Wenn mit der Hauptversammlung der Aufsichtsratschef eines deutschen Konzerns ausscheidet, darf er in der Regel mit dem Applaus von Aktionären rechnen. Die Lautstärke korreliert mit ihrer Zufriedenheit. Je lauter, desto zufriedener. Je leiser, desto enttäuschter. Irgendwer klatscht immer. Manchmal gibt es sogar Standing Ovations für das Berufslebenswerk.

Der Ausstand von Werner Wenning, 73, Aufsichtsratschef des Chemie- und Pharmakonzerns Bayer, fällt in diesem Jahr sehr leise aus, denn die Hauptversammlung an diesem Dienstag findet wegen der Corona-Pandemie nur virtuell statt und in kleinem Kreis in Leverkusen. Wennings Zögling, Vorstandschef Werner Baumann, wird vor Ort sein, Finanzchef Wolfgang Nickl, Wennings Stellvertreter Oliver Zühlke und sein voraussichtlicher Nachfolger als oberster Kontrolleur Norbert Winkeljohann. Alle anderen Mitglieder von Vorstand und Aufsichtsrat sind online zugeschaltet. Die Aktionäre konnten bis Samstag Mitternacht ihre Fragen schicken. Sie dürfen weder in Leverkusen reden, noch können sie sich online zu Wort melden.

Es lässt sich nur darüber spekulieren, ob Wenning Applaus bekommen hätte und wie laut er wohl ausgefallen wäre. Wenning hat mehr als fünf Jahrzehnte für Bayer gearbeitet. Er hat schon seine Lehre zum Industriekaufmann dort absolviert. 1997 wurde er Finanzvorstand, von April 2002 bis September 2010 war er Vorstandschef und im Herbst 2012 wurde er Chef des Aufsichtsrates. Das ist eine lange Zeit in einem einzigen Unternehmen. Was es schwer macht, ein Gesamturteil zu fällen. Die Erinnerungen verblassen, die Aktionäre vergessen und wechseln, und in der Hauptversammlung urteilen sie ohnehin nur über das jüngst abgeschlossene Geschäftsjahr.

Wenning blieb länger und geht früher als ursprünglich geplant. Eigentlich war er noch bis 2022 gewählt. Ursprünglich wollte er schon 2019 gehen mit Erreichen der für Aufsichtsräte vorgesehenen Altersgrenze. Aber er ließ sich bitten und blieb wegen der "damaligen Lage" länger. "Bayer ist strategisch und operativ auf einem sehr guten Weg", äußerte Wenning Ende Februar in der Mitteilung, in der das Unternehmen die Personalien bekannt gab.

Die damalige Lage ist eine sanfte Umschreibung für die Misere, in welche die Übernahme des US-Konzerns Monsanto Bayer gebracht hat. Auf der Hauptversammlung 2019 in Bonn mit Hunderten Aktionären gab es dafür ein paar kräftige Klatschen. 55 Prozent der Aktionäre verweigerten dem Vorstand die Entlastung. Der Aufsichtsrat um Wenning wurde nur mit 66 Prozent der Stimmen entlastet.

Auch ohne Wortbeiträge haben die Investoren eine Meinung

Die gegenwärtige Lage stellt sich, wie aus dem am Montag veröffentlichten Quartalsbericht hervorgeht, so dar: In den USA steigt die Zahl der Klagen wegen des Unkrautvernichters Glyphosat, den Bayer mit Monsanto übernommen hat, auf etwa 52 500 Mitte April. Anfang Februar waren es 48 600 Klagen. Im Mediationsverfahren unter Führung des US-Anwalts Ken Feinberg habe es Fortschritte gegeben, "bevor der Ausbruch der Covid-19-Pandemie auch dieses Verfahren verlangsamt hat".

Die Investoren dürfen zwar in der diesjährigen Hauptversammlung nicht reden, das hält sie nicht davon ab, ihre Meinung zu äußern. Die Übernahme habe zu einer "gigantischen Wertvernichtung geführt, die Bayer massiv geschwächt hat", kritisiert etwa Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Deka Investment in einer schriftlichen Stellungnahme zur Hauptversammlung: "Die Bayer-Aktie war einmal ein Stabilitätsgarant in Krisenzeiten - das ist nun Geschichte." Auch Janne Werning von Union Investment hadert: "Der Reputationsschaden wiegt immer noch schwer." Immerhin: Sie wollen Vorstand und Aufsichtsrat entlasten.

© SZ vom 28.04.2020/vit
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