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Reise:Wie die Bahn Kunden zurückgewinnen will

Deutsche Bahn: ICE auf der Strecke zwischen Berlin und München

Die jetzt bestellten Züge sollen vor allem auf Hochgeschindigkeitsstrecken wie etwa zwischen München und Berlin eingesetzt werden.

(Foto: Steve Bauerschmidt/imago)

Viele Menschen halten sich aus Furcht vor dem Corona-Virus noch mit Bahnfahrten zurück. Nun will der Konzern nachhelfen und bestellt 30 besonders schnelle ICE-Züge.

Von Markus Balser, Berlin

Was die Corona-Pandemie in der Wirtschaft durcheinanderbringt? An kaum einem anderen Unternehmen lässt sich das derzeit so drastisch ablesen, wie an der Deutschen Bahn. Noch Anfang des Jahres hatte der Konzern zwei Probleme: Immer mehr Kunden, die kaum noch Platz in den Zügen des Staatskonzerns fanden. Und zu wenig Geld, um daran etwas zu ändern.

Doch seit die Pandemie im März Deutschland mit voller Wucht erreichte, sind die Vorzeichen ganz andere: Die Züge rollen oft leer aus den Bahnhöfen. Die Auslastung der ICE-Flotte liegt bei gerade mal 30 Prozent. Die Finanzprobleme des Konzerns sind trotzdem kleiner geworden. Ein milliardenschweres Hilfspaket der Bundesregierung hält die Bahn auf Kurs.

Am Mittwoch machte der Konzern klar, was er mit dem zusätzlichen Geld plant und wie er um Kunden werben will. Konzernchef Richard Lutz und Verkehrsminister Andreas Scheuer stellten in Berlin den ersten Beschluss für die Erneuerung der Zugflotte vor. Für rund eine Milliarde Euro kauft die Bahn bei Siemens 30 besonders schnelle Hochgeschwindigkeitszüge vom Typ ICE-3. Sie sollen von 2022 an auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken der Bahn vor allem zwischen dem Rheinland und Bayern sowie auf der Strecke von Frankfurt nach Paris und zwischen Berlin und München eingesetzt werden. Dort sollen sie auch dabei helfen, dass die Bahn Stück für Stück den Deutschland-Takt einführen kann - jenes neue Taktsystem, das ab 2021 schrittweise große deutsche Städte mit ICEs im S-Bahn-Takt verbinden soll.

Schon jetzt mehr Kunden als erwartet

Die Bahn baut ihre Flotte damit um 13 000 zusätzliche Plätze aus und macht klar, dass sie von einer raschen Rückkehr der Kunden ausgeht. Wenn es einen Impfstoff oder ein Medikament gebe, werde die Bahn bereits in zwei Jahren wieder an das alte Wachstum anknüpfen, erwartet Lutz. Schon jetzt würden wieder mehr Kunden in die Bahn steigen, als der Konzern selbst erwartet habe. Ziel bleibe weiter der auch von der Bundesregierung vorgegebene Plan, dass sich die Passagierzahl für den Klimaschutz bis 2030 verdoppeln soll.

Einen Sprung in eine viel modernere Zugtechnik schafft die Bahn mit dem Großauftrag zwar nicht. Technisch sind die Züge lediglich eine Weiterentwicklung des älteren ICE-3-Modells. Für die Bahn hat das aber den Vorteil, dass die Züge schneller geliefert werden als in der Bahnbranche üblich. Für die Kunden verspricht der Konzern dennoch, dass einiges besser wird.

Besonders das größte Alltagsärgernis für Bahnpassagiere will Siemens mit der neuen Lieferung bekämpfen: den teils katastrophal schlechten Handyempfang in den Zügen. Denn die Bestellung der Bahn macht klar, dass die Empfangsprobleme nicht allein an der ebenfalls schlechten Ausstattung ländlicher Gegenden mit Mobilfunkmasten durch die Netzanbieter liegen. Ein Teil des Problems ist der Zug selbst.

Denn die bisherigen Scheiben sind für die Funkwellen kaum durchlässig. Sie sind mit einer dünnen und wärmeisolierenden Metallschicht versehen, damit starke Sonnenstrahlen die Züge nicht zu sehr aufheizen. Mobilfunksignale gelangen so nur schwer ins Innere. Die neuen Züge sollen nun mit frequenzdurchlässigen Scheiben ausgestattet werden. Nach Protesten von Kundenverbänden soll der neue ICE auch über Fahrrad-Stellplätze verfügen. Außerdem soll er Kindern und Familien mehr Platz in Kinderabteilen bieten. Die Details des Zugdesigns will die Bahn im Herbst veröffentlichen.

Verkehrsminister Scheuer hatte die Pläne für den Kauf am Morgen bereits im Bundeskabinett vorgestellt und dabei deutlich gemacht, dass es auch um Jobs in der Bahnbranche gehe. Die Bahnindustrie, vor allem Konzerne wie Siemens und Bombardier, mussten in den vergangenen Jahren massiv Stellen abbauen und sind nun schwer von der Corona-Krise getroffen. In vielen wichtigen Bahnländern in Europa sind die Fahrgastzahlen mit der Pandemie zurückgegangen. Pläne für große Bestellungen werden überdacht.

Gebaut wird der ICE-Typ mit dem Namen Velaro, der auch in Ländern wie Spanien oder Russland unterwegs ist, unter anderem an Siemens-Standorten in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Österreich. Der stellvertretende Siemens-Chef, Roland Busch, machte klar, dass er den Auftrag auch als Konjunkturhilfe versteht: "Wir sichern Arbeitsplätze in mehreren Werken mit Tausenden Mitarbeitern."

Mit der Bestellung ändert die Bahn auch ihre Strategie im Hochgeschwindigkeitsnetz. Zuletzt hatte die Bahn mit dem ICE-4 auf etwas langsamere Züge gesetzt. Hochgeschwindigkeitszüge können bei zahlreichen Stopps an Bahnhöfen ihren Vorteil schwer ausspielen. Die Velaros könnten aber auch sogenannte Sprinterverbindungen bedienen, die auf langen Strecken nur wenige Bahnhöfe anfahren.

Die neue Bestellung gilt erst als Start in eine neue Bahn-Ära. Derzeit verfügt die Bahn über rund 290 ICE-Züge. Mit der angepeilten Verdopplung der Fahrgäste braucht die Bahn nach früheren Berechnungen Hunderte ICEs zusätzlich. Allein bis 2026 soll die Flotte auf insgesamt 420 Züge anwachsen.

Bahn-Chef Lutz machte am Mittwoch allerdings auch klar, dass er eine Rückkehr zur Normalität in zwei Jahren nicht für sicher hält. Er hoffe, dass die Premierenfahrt des neuen ICEs 2022 dann unter anderen Bedingungen stattfindet als die Pressekonferenz in Berlin: "Ohne strenge Abstandsregeln."

© SZ vom 16.07.2020

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