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Zoff mit Autobauern:Kretschmanns Spurwechsel

Baden-Württembergs designierter Ministerpräsident Kretschmann legt sich mit der Autoindustrie an. Doch gerade Porsche und Daimler sind es, die im Ländle für Arbeitsplätze und Steuern sorgen. Auch ein grüner Landeschef wird sich mit den Autoriesen arrangieren müssen.

Es wirkt wie der klassische Konflikt. Der eine will immer mehr Autos verkaufen, der andere erklärt, weniger Autos seien "natürlich besser als mehr". Der eine träumt den Wachstumstraum, der andere will grüne Mobilitätskonzepte. Der eine schwärmt vom kraftvollen 767-PS-Motor, der andere spricht wie seine Parteifreunde in diesem Fall von einem "pornographischen Auto". Matthias Müller, seit einigen Monaten Chef von Porsche in Zuffenhausen, und Winfried Kretschmann, der sich in Stuttgart anschickt, erster grüner Ministerpräsident der Republik zu werden, trennen augenscheinlich Worte und Welten.

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Will weniger und nicht mehr Autos: Winfried Kretschmann.

(Foto: dpa)

Der Politiker hat nun per Interview Grundsätzliches zum Automarkt erklärt. Zum ersten Mal nach der spektakulären Landtagswahl in Baden-Württemberg prallen die Wünsche der Grünen, der neuen Regierungspartei, mit den Ansprüchen eines der großen Industrieunternehmen in der Region zusammen. Und was für Porsche gilt, trifft auch für Daimler oder Audi oder Bosch zu, allesamt Größen dieses Autolandes: Der angestrebte ökologische Umbau setzt der Ökonomie einen neuen Rahmen.

Mit "Deindustrialisierung", wie manche fürchten, hat das noch nichts zu tun. Man kann Kretschmanns Credo auch so verstehen, dass er die heimische Autoindustrie zukunftsfähiger machen will. Dass Autos gebaut werden, die leichtere Materialien nutzen und die nur drei Liter auf 100 Kilometer verbrauchen.

Hier könnte es schnell zum Verständnis mit Porsche kommen: Schließlich entwickeln die Schwaben derzeit einen neuen, extrem benzinsparenden Sportwagen. Wenn der vom Mutterkonzern VW nach Zuffenhausen geschickte Manager Müller wirklich, wie angekündigt, statt heute 95.000 Autos schon in sieben Jahren mehr als 200.000 Exemplare verkaufen will, kommt er an solchen Konzepten überhaupt nicht vorbei.

Am Ende wird beim grünen "Realo" Kretschmann der übliche Ministerpräsidentenstolz auf die heimischen Industriechampions siegen. Auch er nutzt erst einmal als Dienstfahrzeug jenen Daimler, den noch sein Vorgänger bestellt hat. Die großen Autofirmen sind es, die am Ende für Arbeitsplätze und Steuern sorgen. Weniger ist hier nicht mehr, da kann in der Öffentlichkeit noch so sehr vom Verzicht geredet werden. Wer an der Macht bleiben will, braucht Wertschöpfung.

Man wird sich also arrangieren: Porsche, Daimler und Audi machen, was sie ohnehin schon vorhaben, und setzen stärker auf Ökokonzepte. Und die Grünen werden mit ihrem Koalitionspartner SPD an einem neuen Verkehrssystem arbeiten. Alles andere ist Geplänkel, nach einer Wahl, vor einer Regierungsbildung. Der Wolfsburger Porsche-Mutterkonzern VW ist im Übrigen von 1990 bis 1994 mit einer rot-grünen niedersächsischen Landesregierung alles in allem sehr gut zurechtgekommen. Jürgen Trittin war damals Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, und im Wolfsburger Werk gingen die Lichter nicht aus.

Politisch lässt sich viel beeinflussen, mittelbar über Steuern und Gebote auch die Disposition der Autohersteller. Das ist aber weniger die Sache der Bundesländer, die vor allem über Kultur, Bildung und Polizei direkt entscheiden und ihren bundespolitischen Einfluss über den Bundesrat geltend machen. Es ist auch nicht so, dass Kretschmann im Autogeschäft über eine Landesbeteiligung verfügt wie im Energiemarkt mit jenen 46Prozent am Atomkonzern EnBW. Der am Ostermontag vorgestellte Plan des designierten Ministerpräsidenten, mit öffentlichen Investitionen jene Betriebe zu fördern, die Zukunftsprodukte anbieten, dürfte deshalb am Geschehen im Automobilgeschäft wenig ändern.

Eines aber ist sicher: Am Geschmack der Konsumenten scheitert jeder politische Bekehrungsversuch. Es wird immer Leute geben, die ein teures, ästhetisch schönes Sportwagenmodell von Porsche wählen, selbst wenn sie knapp 300 Stundenkilometer auf deutschen Autobahnen kaum ausfahren können. Das hat auch mit dem "Snob-Effekt" zu tun, den der Soziologe und Ökonom Thorstein Veblen vor vielen Jahrzehnten beschrieben hat.

Wenn demnächst Matthias Müller und Winfried Kretschmann, die Antipoden aus dem Ländle, miteinander reden, werden sie schnell feststellen: Damit können sie gut leben. Dafür sind beide pragmatisch genug.

© SZ vom 26.04.2011/dmo

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