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AvP-Insolvenz:Warum viele Apotheker um ihre Existenz bangen

Sofortmaï¬'nahmen zur BekâÄ°mpfung des Coronavirus durch Fern- und Off-Store-Handel in Athen, Griechenland. Im Bild: VerkâÄ°uf

Nach der Insolvenz des Abrechnungs-Dienstleisters AvP müssen viele Apotheker auf ihr Geld warten.

(Foto: Giorgos Kontarinis/imago images/ANE Edition)

"Ein wahnsinniger Schlag" ist die Pleite des Dienstleisters AvP für die betroffenen Apotheken. Manche bekommen Geld zurück, andere müssen warten - alle fordern Aufklärung.

Von Elisabeth Dostert, München

Dass etwas nicht stimmte, merkte die Apothekerin aus Berlin am 7. September. Da blieben die Abschlagszahlungen für Rezepte vom August aus, die sie beim Düsseldorfer Dienstleister AvP eingereicht hatte. Sie hakte nach. Dann zahlte AvP doch noch den Abschlag, aber die Restzahlung Mitte des Monats kam nicht, "eine niedrige sechsstellige Summe, etwa ein Viertel des Gesamtbetrages". Den Grund erfuhr die Apothekerin wenig später. Am 15. September stellte die AvP Deutschland GmbH einen Insolvenzantrag, einen Tag später wurde das vorläufige Insolvenzverfahren eröffnet. "Ich hatte eine weinende Außendienstlerin am Telefon", erzählt die Apothekerin. Was bei ihrem Arbeitgeber los ist, hatte die auch aus der Zeitung erfahren.

"AvP ist ein wahnsinniger Schlag für Leute wie mich", sagt die Apothekerin. Ihr Geschäft liegt in einem Wohnviertel von Berlin. 90 Prozent ihrer Umsätze mache sie mit Rezepten, nur zehn Prozent mit Zusatzartikeln wie Kosmetik oder Nahrungsergänzungsmitteln - all jenen Dingen, die hinter und vor der Theke angeboten werden. "Ich dachte, mein Geld ist auf Treuhandkonten sicher", sagt die Apothekerin: "Da habe ich mich wohl getäuscht."

Die Insolvenz hat die ganze Branche in Aufruhr versetzt. AvP bediente gut 3200 Kunden, etwa 2900 davon öffentliche Apotheken, aber auch Krankenhausapotheken und Sanitätshäuser. Auf dem Kanal Youtube läuft immer noch ein mehr als siebenminütiges Video aus der ehemals heilen Welt des Rechenzentrums. Es zeigt Apotheker, die die Rezepte sorgfältig und chronologisch in die von AvP bereitgestellten weißen Schachteln ordnen. Es zeigt Paketboten des Logistikdienstleisters DHL, die die versiegelten Schachteln in der Apotheke abholen und Lkw, die Ladungen voller Rezeptpakete zu AvP bringen. Da werden die Rezepte eingescannt, und jene, die der Automat nicht lesen kann, werden von Mitarbeitern in das System eingepflegt. Die Rezepte werden sortiert und den Kostenträgern, also den verschiedenen gesetzlichen Krankenversicherern, zugeordnet. Am Schluss kommen die Rezepte wieder in Pakete und werden in verplombten Lkw zu den Krankenkassen transportiert. Für all das bekam AvP eine Gebühr. Im Video ist alles sauber und geordnet.

Nur AvP Deutschland stellte einen Insolvenzantrag

Nach Angaben des GKV-Spitzenverbandes wurden 2019 in Deutschland gut 484 Millionen Rezepte mit einem Umsatz von 49,9 Milliarden Euro abgerechnet, "so gut wie alles über Rechenzentren".

Am Montag tagte zum ersten Mal der vorläufige Gläubigerausschuss von AvP. So viel steht schon fest, die Abrechnung für die öffentlichen Apotheken wird eingestellt, teilte der vorläufige Insolvenzverwalter Jan-Philipp Hoos von der Kanzlei White & Case mit. Seit gut einer Woche arbeitet er sich mit knapp zwei Dutzend Leuten bei AvP Deutschland durch die Akten. Nur diese hat einen Insolvenzantrag gestellt, nicht die Schwestergesellschaften und auch nicht die Dachgesellschaft AvP Service, über die Gründer Mathias Wettstein seine Gruppe steuerte. Für die AvP Deutschland arbeitet rund ein Viertel der 240 Mitarbeiter. "Viele sind verunsichert", sagt Hoos. "Viele dort haben in den vergangenen Jahren ordentlich und fleißig ihren Job gemacht und bangen nun um ihren Arbeitsplatz."

Es gilt zahlreiche diffizile rechtliche Fragen zu klären, insbesondere, ob die Apotheker ihre Forderungen rechtswirksam an das Rechenzentrum abgetreten haben und ob die Zahlungen der Krankenkassen auf Treuhandkonten verwahrt wurden. Was am Ende des Verfahrens bleibt, wird dann auf alle Gläubiger verteilt. Die Apotheker hatten verschiedene Verträge und Allgemeine Geschäftsbedingungen abgeschlossen, kurz AGB. "Die meisten Verträge basieren wohl auf AGB aus dem Jahr 2016, und auch die sind nicht eindeutig", sagt Hoos. Ein paar Tausend Rezepte, die AvP zwar zuletzt noch bei den Apotheken eingesammelt hat, wurden noch nicht mit den Kassen abgerechnet.

Hoos hat mehrere Konten bei AvP ausgemacht. Wie es aussieht, sind es wohl keine Treuhandkonten. Wären es welche, dann stünde den Apothekern möglicherweise ein Aussonderungsrecht zu. Sie könnten ihr Geld verlangen, und es flösse nicht in die Insolvenzmasse. Wäre, hätte, könnte! Hoos muss viele verschiedene Sachverhalte prüfen. Und er muss davon ausgehen, dass einige Apotheker ausstehende Beträge einklagen werden. Das kann sich durch die Instanzen ziehen. Hoos müsste dann warten, bis die Verfahren abgeschlossen sind.

Viele wechseln zu Noventi

Auch die Apothekerin aus Berlin muss auf den Restbetrag warten. Den Vertrag mit AvP hat sie fristlos gekündigt und ist zu Noventi gegangen. Viele haben es ihr gleich getan. Mehr als Tausend Apotheker seien mittlerweile zu Noventi gewechselt, sagt Marketingvorstand Michael Silvio Kusche. Das Münchner Unternehmen sieht sich als Marktführer. Kusche zufolge sind die Hälfte der rund 19 000 Vor-Ort-Apotheken in Deutschland Kunden von Noventi und rechnen mehr als 200 Millionen Rezepte pro Jahr ab. Das Abrechnungsvolumen beziffert er auf etwa 23 Milliarden Euro. Mit einer Konsolidierung der Rechenzentren hat Kusche schon gerechnet. Durch die Insolvenz werde diese nun wohl beschleunigt.

Die ersten Rezepte für September hat die Berliner Apothekerin schon bei Noventi eingereicht. Sie braucht das Geld, um ihre acht Mitarbeiter zu zahlen und die Rechnungen der Großhändler zu begleichen. Sie hat einen Kredit bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank aufgenommen, über die hat sie schon den Kauf der Apotheke vor zehn Jahren finanziert. "Sonst hätte ich die Bude zumachen müssen." Es gibt Kollegen, die haben ihre Großhändler gebeten, die Zahlungen zu stunden. "Aber das ist alles nur ein Aufschub", sagt sie.

Die Apothekerin hat einen Brief an die Aufsichtsbehörde Bafin geschrieben. Sie will wissen, was die Behörde wusste und warum sie nicht früher eingegriffen hat. Die Antwort fiel für sie enttäuschend aus. "Die AvP Deutschland GmbH unterliegt als Factoringinstitut nur einer eingeschränkten Aufsicht der Bafin", heißt es darin. "Sie übt insbesondere keine Liquiditäts- oder Solvenzaufsicht über das Institut aus." Immerhin: Einen Tag vor dem Insolvenzantrag setzte die Bafin Ralf Bauer als Sonderbeauftragten ein, der ging dann zum Amtsgericht. Schon in der vergangenen Woche hat die Bafin bei der Staatsanwaltschaft Düsseldorf Strafanzeige gestellt. Diese hat ein Ermittlungsverfahren gegen zwei Beschuldigte eingeleitet - wegen des Tatverdachts des Bankrotts. Es geht also um Betrug. Das Verfahren kann sich, wie viele Wirtschaftsstrafsachen hinziehen, so Staatsanwalt Lukas Kockmann. In Haft, solche Gerüchte kursierten in der Branche, sei bislang im Fall AvP niemand genommen worden.

Hoos, der vorläufige Insolvenzverwalter, bekommt jetzt jeden Tag viele Mails von Apothekern, so viele, dass er nicht jedem individuell antworten kann. Er habe Verständnis für deren Lage, sagt er: "Die Apotheken leiden jetzt natürlich darunter, dass bei AvP nicht mehr ausreichend Gelder vorhanden sind, um die Schulden zu begleichen." Einige fordern ihr Geld zurück, andere sind tief enttäuscht. "In der Pandemie", schreiben einige, "haben sie den Kopf hingehalten".

Nun bangen viele Apotheker um ihre Existenz.

© SZ
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