Autoindustrie Opels Gewinn bezahlen die Mitarbeiter

PSA-Chef Carlos Tavares will investieren – womöglich auch in die deutschen Opel-Werke, wie hier in Rüsselsheim.

(Foto: Alexander Heimann)
  • Zum ersten Mal seit 20 Jahren macht Opel wieder Gewinn.
  • Grund dafür ist aber nicht nur der gute Autoabsatz, sondern vor allem ein hartes Sparprogramm. Das hat der neue Mutterkonzern PSA bei dem deutschen Autohersteller durchgesetzt.
  • Dazu gehören unter anderem Lohnverzicht und Stellenstreichungen.
Von Leo Klimm, Paris

Carlos Tavares will erst gar keine Euphorie aufkommen lassen. "Wir müssen sicherstellen, dass sich keine Selbstgefälligkeit breitmacht", sagt der Chef des Opel-Mutterkonzerns PSA am Dienstag. Das ist jetzt seine Sorge. Andere an seiner Stelle würden feiern, Tavares warnt, dass sich im Unternehmen und speziell bei der deutschen Traditionsmarke zu schnell zu viel Zufriedenheit einstellen könnte - weil Opel zum ersten Mal seit fast 20 Jahren wieder Gewinn schreibt. "Wir haben noch viel Arbeit", sagt Tavares, nichts sei gewonnen.

Immer noch mehr zu fordern, das ist die Grundhaltung des PSA-Chefs. Auch wenn das manchmal zu scharfem Streit mit den Arbeitnehmervertretern bei Opel führt. Die Wende, die Tavares mit seinem unerbittlichen Leistungsdruck herbeigeführt hat, ist allerdings spektakulär. Weniger als ein Jahr nach der Übernahme des deutschen Herstellers ist dem Peugeot-Konzern mit Opels Rückkehr in die Gewinnzone das gelungen, woran der US-Vorbesitzer General Motors (GM) jahrzehntelang grandios scheiterte: Das Betriebsergebnis, das Opel im ersten Halbjahr erwirtschaftet hat, beträgt 502 Millionen Euro. Die Gewinnmarge erreicht den respektablen Wert von fünf Prozent.

Einen Seitenhieb auf GM und die alte Opel-Führung kann sich Tavares am Dienstag daher nicht verkneifen: "Das Problem war das Management", sagt er, "nicht die Opel-Belegschaft." Die aber dürfe sich keinesfalls ausruhen. Der Strategieplan für das Unternehmen sehe ja eine Rendite von sechs Prozent vor. Dass dieses Ziel laut Plan erst 2026 erreicht werden muss, erwähnt Tavares in diesem Moment nicht.

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Der Portugiese an der PSA-Spitze hat es bei Opel genauso angestellt wie bei dem französischen Autobauer, den er nach einer Beinahepleite übernahm: Er hat Opel aus den Verlusten herausgespart - und dabei einen Vertrauensschwund in der Belegschaft, heftige Spannungen mit der IG Metall und mit Politikern in Kauf genommen. Selbst Kanzlerin Angela Merkel sah sich im Frühjahr genötigt, bei Tavares die Einhaltung von Jobgarantien anzumahnen.

Denn es sind mehr die Einsparungen in der Produktion als großartige Absatzerfolge, die den Halbjahresgewinn erklären. Und die Mitarbeiter müssen Entbehrungen hinnehmen: Mithilfe von Opel-Chef Michael Lohscheller setzte Tavares einen Lohnverzicht sowie einen Stellenabbau über ein Abfindungsprogramm und Altersteilzeit durch. 3700 der 19 000 Opel-Mitarbeiter in Deutschland sollen gehen. Denen, die bleiben, kommen dafür Standortzusagen bis 2023 zugute. Der Anteil der Lohnkosten am Umsatz wurde schon von 15,2 auf 13,5 Prozent gesenkt. Doch Tavares will diese Quote weiter drücken, auf zehn Prozent. Und weil das alles immer noch nicht reicht, prüft er sogar den Teilverkauf des Opel-Entwicklungszentrums in Rüsselsheim. Der Betriebsrat droht deshalb mit massivem Widerstand. Tavares' Kritiker sagen, mit dem Verkauf würde Opel das Herz herausgerissen, zumal die Arbeit der Ingenieure die deutsche Markenidentität ausmache.

"Ich verstehe den Ärger", beteuert der PSA-Chef und zeigt sich doch wenig beeindruckt. Er verweist darauf, dass vielen im Entwicklungszentrum in den nächsten Jahren die Arbeit ausgehe, weil die Aufträge von Alteigner GM ausliefen. "Meine Verantwortung ist es, nach Lösungen zu suchen, anstatt Probleme unter den Teppich zu kehren", sagt Tavares. Da sei "eine Partnerschaft" mit einem Käufer eine bessere Idee. Um die deutsche Markenidentität müsse man sich nicht sorgen. Auch künftig würden alle Opel-Modelle in Rüsselsheim entwickelt. Nicht etwa in Frankreich.

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Eine andere Frage ist, wie stabil die Ergebniswende ist: Tavares weicht der Frage aus, ob sich der Erfolg aus dem ersten Halbjahr im zweiten wiederholen kann. Klar ist, dass Opel genau wie Peugeot und Citroën von der guten Autokonjunktur in Europa profitiert. Um alle wirtschaftlichen Ziele zu erreichen, muss die Marke mit dem Blitz aber auch ihren Marktanteil steigern. Und womöglich droht Opel ein Diesel-Ungemach: Das Kraftfahrtbundesamt hegt den Verdacht, dass wie bei VW in manchen Modellen eine sogenannte Abschalteinrichtung eingebaut ist.

Damit hält sich Tavares am Dienstag nicht lang auf. Ein bisschen zufrieden darf er an diesem für sein Unternehmen historischen Tag dann schon sein. Immerhin hat der gesamte PSA-Konzern trotz anhaltender Schwäche in China und einem von den USA erzwungenen Rückzug aus Iran im ersten Halbjahr die Rekordrendite von 8,5 Prozent erzielt. So viel schaffen sonst nur Premiumhersteller wie Daimler und Audi. Bei einem Umsatz von 38,6 Milliarden Euro erreichte PSA ein Betriebsergebnis von drei Milliarden Euro. Nun hat der Konzern mehr als acht Milliarden Euro in der Kasse, die Tavares investieren will: Der PSA-Chef schließt nach der Opel-Übernahme weitere Zukäufe nicht aus. Ein Teil des Geldes könnte aber auch in Werke der deutschen Tochter fließen, sagt er. Vorausgesetzt, Opel schreibe weiter Gewinne.

"Wir wollen dem größten Teil der Opel-Beschäftigten eine gute Zukunft geben", sagt Tavares. Die PSA-Aktionäre dürfen sich aber auch freuen: Deren Anteilsscheine gewannen am Dienstag um bis zu 15 Prozent an Wert. Auch das ist spektakulär.

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