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Autarkes Dorf Feldheim:Eon wollte sein Netz nicht verkaufen

Von 1995 an drehten sich die Räder und produzierten Energie, direkt daneben bezogen die Feldheimer ihren Strom weiter aus dem allgemeinen Netz. Bis die Energiequelle plante, eine Fabrik für Ständersysteme von Solaranlagen in Feldheim zu errichten - und diese Fabrik mit dem Strom der Windkraftanlagen zu versorgen. Im kleinen Feldheim gingen die Pläne schnell von Tür zu Tür, die Bürger begannen sich für die Energie von nebenan zu interessieren: Wenn das neue Werk an den Windpark angeschlossen wird, warum dann nicht auch wir?

Hinzu kam, dass die Fabrik mit Wärme versorgt werden musste. Schon früher hatte die örtliche Agrargenossenschaft immer wieder über ein eigenes Nahwärmenetz nachgedacht, es aber wegen mangelnder Rentabilität verworfen. Jetzt änderte sich das, denn es gab plötzlich einen großen und sicheren Abnehmer - das ganze Jahr über. Gemeinsam mit der Energiequelle stellte die Agrargenossenschaft schließlich ein Gesamtkonzept auf: Die Wärme wird in Zukunft von einer Biogasanlage kommen. Schweine- und Rindergülle, Mais und Getreideschot gab es durch die Landwirtschaft in Feldheim schließlich genügend. Der Windpark sollte die Bürger mit ausreichend Strom versorgen und an besonders kalten Tagen ein Holzhackschnitzel-Heizwerk zusätzliche Wärme produzieren.

"Alle haben an einem Strang gezogen"

"Es war klar, dass der gesamte Ort für die Verlegung des Nahwärmenetzes umgebuddelt werden muss, also warum nicht gleich noch Stromleitungen verlegen", begründet Bürgermeister Knape die Entscheidung. Die Feldheimer hatten sich zuvor durchaus bemüht, dem örtlichen Netzbetreiber Eon seine Leitungen abzukaufen - der sah allerdings keinen Grund dazu. Was hat ein großer Konzern schon davon, ein paar Bürgern winzige Teile seines Netzes zu verkaufen? Für ihn würde das nur den Verlust von Kunden bedeuten, den Verlust von Geld - erst recht wenn andere Kommunen nachziehen würden.

Mitten in der Energiewende setzt Deutschland auf einen der schmutzigsten Energieträger: die Braunkohle.

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Siegfried Kappert steht vor dem Projektzentrum in der Lindenstraße und lächelt breit, wenn er daran denkt, was dann folgte. Er beginnt zu erzählen und reckt den Kopf dabei leicht nach oben - fast so, als wolle er damit zeigen, wie überlegen die Feldheimer sich den Großkonzernen damals fühlten. Denn schon nach drei Bürgerversammlungen stand 2008 fest: Wenn wir das alte Netz nicht kriegen, bauen wir eben unser eigenes. Die Feldheimer gründeten dafür gemeinsam mit der Stadt eine GmbH & Co. KG, sozusagen ihr eigenes kleines Stadtwerk.

Feldheim rühmt sich mit Vollbeschäftigung

Jeder der Kommanditisten zahlte 3000 Euro für Strom und Wärme. Die Hälfte, wer nur eines von beidem beziehen wollte. "Streit oder Zwist gab es da keinen. Alle haben an einem Strang gezogen, alle wollten das. Gerade einmal zwei Haushalte haben sich nicht an das neue Netz anschließen lassen, der Rest war sofort dabei", sagt Kappert und deutet auf die umliegenden Häuser. Ihm persönlich ging es bei dem Projekt nicht nur um den niedrigen Preis, sondern auch um Nachhaltigkeit: weg vom hohen CO₂-Ausstoß, weg von der Atomkraft.

Dass außer ihm so viele Feldheimer bereit waren, zu investieren, war auch der Aussicht auf Gewinn geschuldet: Das neue Energiekonzept hält das Geld im Dorf, die Anlagen schaffen neue Arbeitsplätze. Pro Jahr verbleiben nach Berechnungen der Stadt jetzt etwa 300.000 Euro, die sonst an große Konzerne abgeflossen wären, im eigenen Ort. Mehr als 20 neue Stellen sind durch das Projekt hinzugekommen. Die Energiequelle beschäftigt Mitarbeiter, um den Windpark zu warten, die Agrargenossenschaft wiederum, um die Biogasanlage zu betreiben. Heute rühmt sich Feldheim mit bilanzieller Vollbeschäftigung - bei 130 Einwohnern, von denen einige bereits das erwerbsfähige Alter überschritten haben, ist das natürlich auch einfacher zu erreichen als anderswo.

"Wären Strom und Wärme teurer geworden, hätte man das Projekt niemandem vermitteln können", sagt Bürgermeister Knape. Er erhoffte sich damals, dass der billigere Preis für Energie den Standort Feldheim aufwerten und neue Familien anziehen würde. Seinen Aussagen zufolge hat das funktioniert, tatsächlich habe es in den vergangenen Jahren Zuzüge gegeben.

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