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Arbeitsmarkt weltweit:Nur jeder Vierte hat einen stabilen Job

Gold miners form a human chain while digging an open pit in north-eastern Congo

Unsicherer Job: Arbeiter in einer Goldmine im Kongo.

(Foto: REUTERS)
  • Weltweit steigt die Arbeitslosigkeit. Einem Report der Internationalen Arbeitsorganisation ILO zufolge gäbe es heute 60 Millionen Arbeitsplätze mehr, wenn der Finanzcrash nicht stattgefunden hätte.
  • Frauen sind deutlich stärker betroffen als Männer.
  • In den Industriestaaten geht nach Einschätzung der ILO der Trend weg vom dauerhaften, sozial ganz abgesicherten Vollzeitjob.
  • Befristete Arbeitsplätze, Zeitarbeit, Teilzeit oder Werkverträge sind demnach auf dem Vormarsch.
  • Die Globalisierung führe nach Ansicht der ILO aber auch zu positiven Entwicklungen. Zwei Drittel aller Stellen, die in den kommenden fünf Jahren entstehen, werden demnach zu den entlohnten Arbeitsplätzen im regulären Wirtschaftssektor gehören.

Die globalen Krisen hinterlassen in der Weltwirtschaft auch nach Jahren starke Spuren. So suchen derzeit 30 Millionen mehr Menschen einen Job als vor dem Finanzcrash 2008, beziffert die Internationale Arbeitsorganisation ILO in einem neuen Report. Während der Trend weggeht vom dauerhaften Vollzeitjob zu befristeten Stellen oder weniger Stunden, müssen viele Bewohner der Entwicklungsländer darum kämpfen, überhaupt halbwegs bezahlte Arbeit zu finden.

Der Finanzcrash ist wie eine Kerbe in der Entwicklung der Volkswirtschaften zu sehen. So existierten heute weltweit 60 Millionen Arbeitsplätze mehr, wenn die Beschäftigung weiter zugenommen hätte wie in der Zeit von der Jahrtausendwende bis 2007. Drei von vier dieser entgangenen Stellen betreffen Frauen, deren Arbeitslosenraten beispielsweise in Europa nach dem Crash deutlich langsamer zurückgegangen sind als die der Männer. Insgesamt resultieren die Stellenverluste zusammen mit stagnierenden Löhnen, die weltweit häufig hinter der Produktivität zurückbleiben, in einem gewaltigen Ausfall an Nachfrage und damit an Wirtschaftsleistung. Die Arbeitsorganisation schätzt diesen Ausfall etwa so hoch wie das gesamte deutsche Bruttoinlandsprodukt eines ganzen Jahres.

In Europa, das nach dem Finanzcrash noch von der Euro-Krise getroffen wurde, ist nicht nur die Zunahme der Beschäftigung praktisch zum Erliegen gekommen. Verändert hat sich auch die Art der Beschäftigung: Was an Stellen dazukam, betraf unterm Strich oft keine klassischen Arbeitsplätze. Die Zahl der Vollzeitjobs, die traditionell für die Ernährung einer Familie ausgelegt sind, schrumpfte in der EU bis 2013 um mehr als drei Millionen. Dagegen erhöhte sich die Zahl der Teilzeitstellen um zwei Millionen - wobei deutlich mehr Europäer unfreiwillig Teilzeit arbeiten als vor der Krise.

Nach Ansicht der ILO ist das kein Einzelphänomen. In den Industriestaaten gehe der Trend weg vom dauerhaften, sozial ganz abgesicherten Vollzeitjob: "Das Standardmodell büßt seine beherrschende Stellung immer mehr ein." Befristete Arbeitsplätze, Zeitarbeit, Teilzeit oder Werkverträge sind demnach auf dem Vormarsch. Pauschal verdammen will das ILO-Direktor Guy Ryder nicht: Die sogenannten atypischen Jobs "können Menschen helfen, ihren Fuß in den Arbeitsmarkt zu bekommen." Allerdings spiegele der Trend zu ihnen auch die verbreitete Jobunsicherheit vieler Arbeitnehmer wider - genauso wie zunehmende Ungleichheit und Armutsraten. So werde die normale Vollzeitstelle im Schnitt besser vergütet als die atypischen Beschäftigungsformen. Und diese Lücke habe sich in den vergangenen zehn Jahren eher vergrößert.

In Deutschland entstehen wieder mehr Normaljobs

Ganz eindeutig scheint der Trend weg vom abgesicherten Vollzeitjob in den Industriestaaten aber nicht zu sein. In der Bundesrepublik etwa ist der Trend nach einem starken Aufschwung seit Mitte der Nullerjahre gestoppt, es entstehen wieder mehr Normaljobs. Und insgesamt hat der Anteil der zumindest unbefristeten Stellen in den reicheren Industriestaaten in den vergangenen zehn Jahren kaum abgenommen. ILO-Direktor Ryder ruft die Regierungen dazu auf, auch für Arbeitnehmer in den atypischen Formen für eine angemessene Bezahlung und ausreichenden Schutz zu sorgen. Insgesamt gebe es mehr Gesetze zum Schutz der Arbeitnehmer - allerdings seien in vielen europäischen Staaten seit der Krise Rechte abgebaut worden.

Weniger Haushalt

Kochen, sauber machen und Hemden bügeln - für solche Hausarbeiten verwenden Frauen heute deutlich weniger Zeit als noch vor rund zehn Jahren. Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden ermittelte, dass Frauen 2012 und 2013 jede Woche mehr als 2,5 Stunden weniger mit der Zubereitung von Mahlzeiten, der Reinigung der Wohnung oder der Textilpflege verbrachten als 2001 und 2002. Auch Männer widmen sich eine Stunde weniger wöchentlich unbezahlten Tätigkeiten wie der Gartenarbeit, der Tierpflege oder handwerklichen Arbeiten, so die Statistiker. Insgesamt verbrachten Erwachsene demnach im Schnitt etwa 24,5 Stunden der Woche mit unbezahlter Arbeit und 20,5 Stunden mit Erwerbsarbeit. Dabei gibt es deutliche Unterschiede: Frauen leisten demnach zwei Drittel ihrer Arbeit unbezahlt, Männer weniger als die Hälfte. Im Schnitt arbeiten Frauen 45,5 Stunden pro Woche, Männer eine Stunde weniger. Wer Kinder hat, müsse deutlich mehr arbeiten als Paare oder Singles ohne Kind - und zwar sowohl bezahlt wie auch unbezahlt. AFP

Weltweit malt die Organisation ein skeptisches Bild, was mit den völlig unterschiedlichen Arbeitsbedingungen auf dem Erdball zusammenhängt. So haben global gesehen weit weniger als die Hälfte der Menschen einen unbefristeten Vollzeitjob. Das hängt damit zusammen, dass in den Entwicklungsländern sehr viele Bewohner im informellen Sektor ohne Vertrag tätig sind oder unbezahlt im Familienbetrieb oder auf dem Bauernhof mitarbeiten. Das bringt die ILO zu der Aussage, dass weltweit nur jeder vierte Arbeitnehmer einen stabilen Job hat.

Verändert sich das durch die Globalisierung zum Positiven? Sieht so aus. Zwei Drittel aller Stellen, die in den nächsten fünf Jahren entstehen, werden zu den entlohnten Arbeitsplätzen im regulären Wirtschaftssektor gehören. Die weltweite Vernetzung greift am Arbeitsmarkt: In den vergangenen zwei Dekaden stieg die Zahl der Menschen, die in globalen Lieferketten tätig sind, um die Hälfte auf 450 Millionen. Wer dabei ist, dem winkt bessere Bezahlung. Allerdings ist das kein Automatismus, warnt die Arbeitsorganisation: "Am unteren Ende der globalen Lieferkette finden stark befristete Verträge und unregelmäßige Arbeitszeiten zunehmend Verbreitung". Weltweit muss noch jeder vierte Arbeitnehmer seine Familie mit weniger als zwei Dollar am Tag durchbringen - das ind immerhin nur noch halb so viele wie vor 20 Jahren.