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Jobmarkt:Wenn man nicht mehr arbeiten kann

Viele wollen länger arbeiten, können aber nicht. Sie finden keinen Job mehr oder sind zu krank. Manche Berufsgruppen trifft es stärker als andere.

Von Clara Thier, München

Der Traum vom Ruhestand kann zum Albtraum werden: wenn die Ruhe nämlich viel früher kommt als geplant. Nicht alle Erwerbstätigen können bis zum regulären Renteneintrittsalter arbeiten. Das kann verschiedene Gründe haben: Krankheit, extreme Belastung bei der Arbeit, geringe Qualifikation oder das vergebliche Suchen nach einem Job im hohen Alter. 1,36 Millionen neue Renteneintritte verzeichnete die Deutsche Rentenversicherung 2019 - unter den Zugängen sind aber nicht nur Arbeitnehmer, die es geschafft haben bis ins Rentenalter zu arbeiten, sondern auch Arbeitslose, Erwerbsminderungsrentner und andere nicht erwerbstätige Personen. Ihre Rente ist deshalb oft nicht allzu üppig.

Durch die Corona-Pandemie ist eine dieser Gruppen, die der Arbeitslosen, seit langem wieder gewachsen: Mehr als eine Million Langzeitarbeitslose gab es im März 2020 in Deutschland, 45 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Als langzeitarbeitslos gilt hierbei, wer mehr als zwölf Monate lang arbeitslos gemeldet ist. Statistiken der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass 45 Prozent derer, die ihre Langzeitarbeitslosigkeit beenden, gar nicht zurück auf den Arbeitsmarkt oder in die Ausbildung kommen, sondern ohne Arbeit bleiben. Sie gelten als arbeitsunfähig oder nicht verfügbar, weil sie zum Beispiel gerade krank sind. Fünf Prozent gehen in Altersrente. Insbesondere ältere Menschen über 55 Jahre bleiben lange arbeitslos, sobald sie einmal ihren Job verloren haben. Das kann an gesundheitlichen Einschränkungen liegen oder auch an Vorurteilen von Arbeitgebern gegenüber Älteren, heißt es in einer Studie der Arbeitsagentur. Weitere Risikogruppen sind gering Qualifizierte ohne Schulabschluss oder abgeschlossene Ausbildung, Schwerbehinderte oder Alleinerziehende.

Erwerbsminderungsrente ist kein bequemer Vorruhestand, sondern ein Armutsrisiko

Andere sind dauerhaft so krank, dass sie gar nicht mehr arbeiten können und Erwerbsminderungsrente beantragen müssen. Wer in körperlich belastenden Berufen wie dem Baugewerbe oder der Pflege arbeitet, ist dabei häufiger betroffen. Häufigster Grund für Erwerbsminderung sind psychische Krankheiten, aber auch Krebs, Muskelerkrankungen oder Herz-Kreislauf-Probleme verhindern die Weiterarbeit. Voll erwerbsgemindert ist man, wenn man weniger als drei Stunden Arbeit am Tag schafft. Insgesamt beziehen etwa 1,8 Millionen Männer und Frauen Erwerbsminderungsrente, auch EM-Rente genannt.

Das durchschnittliche Alter beim Beginn einer Erwerbsminderungsrente lag 2019 durchschnittlich bei 52,7 Jahren. Die Vorstellung, dass die EM-Rente einem bequemen Vorruhestand gleiche, sei jedoch falsch, sagt Martin Brussig vom Institut für Arbeit und Qualifikation in Duisburg. "Das Armutsrisiko bei einer Erwerbsminderungsrente ist sehr hoch", so der Wissenschaftler. Die EM-Rente betrug 2019 durchschnittlich 840 Euro, für Frauen in Westdeutschland aber zum Beispiel nur 761 Euro. Die Bundesregierung hatte zuletzt die Erwerbsminderungsrente mehrmals verbessert. Brussig reicht das nicht aus. Er plädiert dafür, mehr für die Prävention zu tun. Ziel müsse sein, gesundheitliche Belastungen am Arbeitsplatz zu verringern - damit jeder, der will, auch im Job seiner Wahl das reguläre Renteneintrittsalter erreichen kann.

© SZ/tö
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