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Saudi-Arabien:Schmierige Geschäfte

Saudi men check the prospectus of Aramco IPO, in Riyadh

Saudische Männer prüfen den Börsenprospekt des dortigen Ölgiganten Aramco.

(Foto: Reuters)

Der Börsengang der saudi-arabischen Ölkonzerns Aramco könnte alle Rekorde sprengen. Sollten westliche Großanleger investieren, wäre das jedoch ein moralischer Offenbarungseid.

Nun haben auch die saudischen Glaubenshüter vom Rat der Höchsten Religionsgelehrten ihr Verdikt gesprochen: Der Börsengang des heimischen Ölkonzerns Aramco sei halal, nach Glaubenslehre also erlaubt. Viele westliche Beobachter werden über diese moralische Einordnung mehr als nur die Stirn gerunzelt haben. Denn wenn Investoren den Saudis im Zuge des Börsengangs Milliarden zuschanzen, dann wäre das ökologisch wie moralisch eine Bankrotterklärung. Mehr noch: Es ist selbst in kühler Investorenlogik eine Fehlkalkulation. Seit Tagen diskutieren die Finanzer nun schon die konkreten Eckdaten des geplanten Börsengangs, der alle Rekorde sprengen könnte.

Doch ökologisch leidet das Projekt an einem unauflösbaren Widerspruch: Mit den Milliardeneinnahmen aus dem Öl will Kronprinz Mohammed bin Salman sein Königreich in eine Zukunft fern des schwarzen Goldes führen. Im Klartext: Um das Königreich grüner zu machen, sollen Anleger ausgerechnet einem Ölkoloss Milliarden zuschanzen. Jenem Ölkoloss, der so viel Treibstoff liefert wie kaum eine andere Fossilfirma. Treibstoff, der dann zu CO₂ wird. Investoren müssen sich klarmachen: Mit Aramco setzen sie auf ein Unternehmen, dessen Perspektive einzig darauf basiert, dank rekordniedriger Förderkosten auch noch gute Geschäfte zu machen, wenn andere bereits vor dem Zusammenbruch stehen.

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Der staatliche Ölkonzern Aramco darf an den Aktienmarkt gehen. Damit steht der größte Börsengang der Geschichte bevor.

Doch eigentlich ist die Klimadebatte im Komplex Aramco lediglich ein Nebenschauplatz, sozusagen der Sandkasten für Moralisten. Aufschlussreicher als der Börsenprospekt des Konzerns ist der Bericht von Human Rights Watch zu Saudi-Arabien. Immer stärker und wie in Wellen geht das Regime gegen politische Gegner vor. Gegen Kleriker, Akademiker, Intellektuelle und Oppositionelle.

Bis zum Mord am Regimekritiker Jamal Khashoggi, der in der saudischen Botschaft in Istanbul starb. Dass westliche Investoren angesichts des medialen Scheinwerferlichts derzeit öffentlich auf Abstand zum saudischen Königshaus gehen, sieht zwar gut aus. Bei genauem Hinsehen ist es allerdings nicht mehr als ein Schauspiel. Um Aramco weg von der heimischen Börse in Riad an die internationalen Schauplätze New York oder London zu locken, machten die Börsenbetreiber dem Kronprinzen buchstäblich den Hof. Sie breiteten vor den Saudis nicht nur einen roten Teppich aus, sondern taten noch weit mehr als das. Die britische Regierung lockerte gar ihre strengen Börsengesetze, um die Petro-Prinzen anzulocken.

Und als die Saudis vor wenigen Wochen zum Wirtschaftsforum in der Wüste luden, da ließen sich viele Bankchefs und Fondslenker zwar diskret entschuldigen. Visitenkartensammler auf der Konferenz wussten hinterher jedoch zu berichten, die Mitglieder der Geldgilde hätten zum Teil ihre Emissäre aus der zweiten Reihe geschickt. Wenn sich die Investoren nun von Aramco fernhalten und das Hohelied der Moral singen, ist das geschichtsvergessen. Zur Erinnerung: Noch im April konnten die Investoren Aramco bei einer Anleiheemission nicht genug Geld hinterherwerfen. Mehr als 100 Milliarden Dollar wollten sie dem Konzern leihen.

Aramco nun Geld zuzuschieben, ist Staatsfinanzierung für das Regime

Damit verschafften sie einer Firma Geld, die sich in den vergangenen Jahren in atemberaubender Geschwindigkeit von einem Unternehmen unter dem Management technokratischer Ölbosse zur Portokasse des saudischen Königshauses entwickelt hat. Nur drei Tage nachdem Mohammed bin Salman 2015 zum Kronprinzen ernannt wurde, setzte er sich als Leiter des "Obersten Rats" bei Aramco ein. Auch der Börsengang wird Unternehmen und Regime keineswegs entflechten, im Gegenteil. Die Einnahmen aus dem Unterfangen sollen direkt in die Kassen des saudischen Staatsfonds wandern. Wer Aramco nun Geld zuschiebt, betreibt mehr als nur indirekte Staatsfinanzierung für das Regime.

Auch die harte finanzielle Rechnung dürfte kaum aufgehen. Denn angesichts mangelnder Nachfrage aus dem Westen treibt das Königshaus nun wohlhabende Wüstenclans in die Aramco-Aktien. Wenn sie die Papiere mehrere Monate halten, gibt es einen Bonus obendrauf. Doch was passiert nach sechs Monaten mit dem Kurs? Keiner weiß das. Privatanleger mögen all diese Erwägungen abtun als Geschwätz für Großinvestoren. Doch damit könnten sie kaum falscher liegen: Wer so wie viele Privatanleger mit Indizes bekannter Anbieter wie S&P oder MSCI auf den Lauf der Schwellenländer setzt, könnte Aramco schon bald mittelbar im eigenen Depot finden. Dann muss sich auch das kleine Geld die großen Fragen stellen.

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