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Masthuhn-Initiative:Aldi wagt, der Staat versagt

Stallpflicht wird gelockert

Draußen gackern und picken, in der Geflügelhaltung ist das die Ausnahme.

(Foto: Bernd Wüstneck/dpa)

Ausgerechnet der Discounter will Geflügelställe zu einem besseren Ort machen. Eigentlich ist das Sache der Politik - doch die scheitert daran seit Jahren.

Kommentar von Silvia Liebrich

Ihr Ruf ist nicht gerade der beste. Discounter wie Aldi und Lidl stehen oft in der Kritik. Nicht nur Bauern und Tierschützer, auch Politiker machen sie für eine ganze Reihe von Missständen verantwortlich. Etwa für miese Bedingungen in Tierställen oder den unerbittlichen Preisdruck, unter dem viele Bauern und Lebensmittelerzeuger stehen. Da mag es nicht weiter überraschen, dass nun ausgerechnet Aldi einen Zeichen setzt, um die prekären Zustände in vielen Geflügelställen wenigstens teilweise zu entschärfen.

Dieser Vorstoß dürfte durchaus ernst gemeint sein. Was sich auch daran ablesen lässt, dass die sonst meist getrennt operierenden Unternehmensgruppen Aldi Süd und Aldi Nord hier gemeinsam agieren. Erklärtes Ziel ist es, zumindest die schlimmste Form der Masthuhnzucht bis 2026 zu beenden. Dafür schließen sie sich einer europäischen Initiative an, die von knapp 30 europäischen Tierschutzorganisationen angestoßen wurde, darunter auch Provieh, Greenpeace und die Albert-Schweitzer-Stiftung.

Das klingt gut, vielleicht ja zu gut. Was in diesen Tagen mit großem Überschwang angekündigt wird, könnte sich im Nachhinein als Marketinggag erweisen. Umso wichtiger ist es, das Vorhaben kritisch zu hinterfragen.

Denn eigentlich ist es Sache der Politik, mit Vorgaben ein tiergerechtes Umfeld in Ställen zu schaffen. Eine Aufgabe, an der die Bundesregierung seit Jahren scheitert. Statt klar zu regeln, setzt auch Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) wie schon ihre Vorgänger auf freiwillige Selbstverpflichtungen von Erzeugern und Händlern. Bestes Beispiel für dieses zögerliche Handeln ist der seit Jahren währende Kampf um ein staatliches Tierwohlkennzeichen - das für Verbraucher eine wichtige Entscheidungshilfe beim Einkauf wäre. Wer mehr Geld für Fleisch aus besserer Tierhaltung ausgibt, will verlässliche Angaben, die bislang auf Verpackungen oft fehlen.

Tatsächlich haben Händler und Lebensmittelerzeuger in den vergangenen Jahren immer wieder Eigeninitiative gezeigt, um etwa Plastikmüll zu reduzieren oder den Zuckeranteil in Lebensmitteln zu senken - und das durchaus mit Teilerfolgen. Doch der gute Wille allein reicht nicht aus.

Mit viel Vorschusslorbeeren startete vor einigen Jahren die Initiative Tierwohl, ein freiwilliger Zusammenschluss von Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Händlern wie Aldi, Edeka, Lidl, Rewe und anderen. Bis heute hat sich das 4-Stufen-Modell für die Kennzeichnung für verschiedene Haltungsformen nicht so richtig durchgesetzt, auch weil es in Teilen intransparent und schwer verständlich ist. Und dann gibt es noch den Kundenkreis, dem es völlig egal ist, wie Tiere gehalten werden, Hauptsache der Preis stimmt.

Die gesamte Tierhaltung muss reformiert werden

Versagt der Staat, können freiwillige Initiativen wie die für Masthühner ein wichtiges Zeichen setzen. Zeigen sie Verbrauchern doch, dass ihre Bedenken wahrgenommen werden. All dies sind zweifellos wichtige Schritte auf dem Weg zu einer besseren Tierhaltung, den nicht nur Händler einschlagen, sondern auch große Geflügelhalter wie die PHW-Gruppe (Wiesenhof). Dort werden seit Jahren immer wieder Tierschutzkonzepte getestet und auch umgesetzt - immer wieder mit der Erfahrung, dass nur wenige Verbraucher bereit sind, für glücklichere Hühner mehr Geld auszugeben.

Die Politik muss freiwillige Initiativen als Signal der Unternehmen verstehen, dass sie bereit sind, bessere Haltungsbedingungen umzusetzen und einzufordern. Nun ist der Staat am Zug. Eier aus Käfighaltung wären wohl nie aus den Ladenregalen verschwunden, hätte sich der Gesetzgeber nicht zu einer klaren gesetzlichen Regelung und einer verbindlichen, gut verständlichen Kennzeichnung durchgerungen. Die Tierhaltung in Deutschland muss dringend reformiert werden, weil sie in ihrer derzeitigen Form Erzeuger, Umwelt und letztlich die ganze Gesellschaft belastet. Das betrifft nicht nur Geflügel, sondern Schweine, Rinder und andere Tierarten. Für Handel wie auch Tierhalter und Lebensmittelerzeuger schaffen allgemein gültige Regeln darüber hinaus fairere Wettbewerbsbedingungen. Auch das kann entscheidend dabei helfen, Missstände in Ställen zu beseitigen.

Sicher ist, Aldi Süd und Aldi Nord haben sich mit ihrem Bekenntnis für eine bessere Geflügelhaltung weit vorgewagt, und im besten Fall werden andere Händler nachziehen. Tierschützer wie auch Verbraucherschützer werden nun genau beobachten, ob das Unternehmen seine Zusagen auch einlöst. Was am Ende zählt, ist das Ergebnis.

© SZ/shs
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